Sprechen über jüdische Geschichte

Was haben jüdische Geschichte und Bismarck mit Neuankömmlingen aus Syrien oder Afghanistan zu tun? In Schönhausen an der Elbe viel. Es ist der Ort, an dem die Otto-von-Bismarck-Stiftung, eine Politikergedenkstiftung des Bundes, und ihr Projekt „Jüdische Geschichte für Flüchtlinge“ angesiedelt sind.

von Andrea Hopp

Foto: Otto v. Bismarck Stiftung
Eine Gruppe von Flüchtlingen erhält eine Führung durch die Ausstellung. Foto: Otto-v.-Bismarck-Stiftung

In Schönhausen in Sachsen-Anhalt gibt es ein kleines Museum mit einer Ausstellung über den ersten deutschen Reichskanzler Otto von Bismarck, der in Schönhausen geboren wurde, und die Möglichkeit, sich mit jüdischer Geschichte zu beschäftigen.

Sowohl von Bismarck als auch von jüdischer Geschichte haben viele Geflüchtete bereits gehört. Aus dem Geschichtsunterricht ihrer Herkunftsländer bringen sie jedoch teilweise ein Bild von deutscher und europäischer Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts mit, das nicht nur zu Missverständnissen führt, sondern mit unserem heutigen demokratischen Geschichtsverständnis unvereinbar ist. Ganz besonders betrifft das Aspekte jüdischer Geschichte und der Geschichte des Staates Israel sowie das Thema Antisemitismus.

Ein geteiltes Wissen um die Vergangenheit ist eine der Voraussetzungen für eine erfolgreiche gesellschaftliche Teilhabe. Es dient der Orientierung und ist ein wesentlicher Baustein, um eine freiheitlich-demokratische Gegenwart und Zukunft zu gestalten.

Das Projekt „Jüdische Geschichte für Flüchtlinge“ wird von der Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft des Leo Baeck Instituts finanziert. Teilgenommen haben bislang Menschen aus Afghanistan, Syrien und anderen Ländern, die in der nahe bei Schönhausen gelegenen Erstaufnahmeeinrichtung Klietz untergebracht sind. An die eigenen Erfahrungen der Geflüchteten anknüpfend, bildet jüdische Geschichte als Migrationsgeschichte sowie als Geschichte der Konfrontation mit Vorurteilen und Verfolgung aufgrund ethnischer Herkunft oder Religion einen Schwerpunkt. Eine Einführung in Geschichte, Inhalt und Bedeutung des Grundgesetzes mit seinen Rechtsansprüchen und Pflichten gehört ebenfalls zum Programm.

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Eine Ausstellungsvitrine im Museum Schönhausen in Sachsen-Anhalt. Foto: Otto-v.-Bismarck-Stiftung

Eingebunden in Begegnungs- und Beratungsangebote wie gemeinsames Kaffeetrinken mit den Menschen im Dorf oder einer Studienberatung für die Neuangekommenen bieten kombinierte Ausstellungsbesichtigungen Gelegenheit zum Dialog über historische Themen: die des Museums sowie einer Wanderausstellung des Zentrums für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin unter dem Titel „Angezettelt. Antisemitische Aufkleber und Gegenwehr“.

Im ersten Teil geht es um Aspekte der deutschen und europäischen Geschichte des 19. Jahrhunderts allgemein: um Krieg und Frieden, Obrigkeitsstaat und Demokratie, innere und äußere Einheit, Zugehörigkeit und Zurückweisung. Wie sie das Schicksal der jüdischen Minderheit in Deutschland berührten, davon erzählt im zweiten Teil die Sonderausstellung. Sie dokumentiert antijüdisches Alltagshandeln seit dem 19. Jahrhundert.

Das Augenmerk richtet sich aber auch auf neue Feindbilder, wie klischeehafte Vorstellungen vom Islam und von Flüchtlingen, und darauf, wie man dem etwas entgegensetzen kann. Und all das bietet viel Gesprächsstoff auf Deutsch, Englisch und in den Sprachen, in die sich die Teilnehmenden untereinander übersetzen.

„Es ist gut, dass man hier alles bewahrt, damit man so viele wichtige Dinge für die Zukunft aus der Vergangenheit lernen kann“, meinte ein junger Mann aus Afghanistan neulich.

Darum sind weitere interaktive Projekte mit Geflüchteten in Kleingruppen, u.a. zur Flüchtlingskonferenz von Evian 1938, geplant.

Foto: Otto von Bismarck Stiftung
Viele Flüchtlinge nahmen das Angebot wahr. Foto: Otto-v.-Bismarck-Stiftung