Odyssee nach Europa

Krieg, Zerstörung und Flucht sind in Europa erst, ein oder zwei Generationen her. Doch wer sie nicht selbst erlebt hat, begreift nicht, was sie bedeuten. In Griechenland weiß man wenigstens, was es heißt, den Gefahren des Ozeans ausgesetzt zu sein.

von Amanda Michalopoulou

Foto: Dimitris Tsoumplekas
Die Griechische Schriftstellerin Amanda Michalopoulou; Foto: Dimitris Tsoumplekas

Ich schreibe meine Texte nie auf Englisch. Ich bin Griechin, und ich habe das Gefühl, ich nur ausdrücken, was ich meine, wenn ich griechische Worte benutze. Ich denke auf Griechisch und ich träume auf Griechisch. Aber bei diesem Artikel habe ich mich bewusst für Englisch entschieden, des Schwierigkeitsgrads wegen. Ich dachte, wenn man über die Neuankömmlinge schreiben will, ohne nur noch einen weiteren geistreichen Text zu schreiben, sollte man sich ein paar Einschränkungen auferlegen und sich auf die ein oder andere Art auch verbannt fühlen. Ich habe beschlossen, mich von meiner eigenen Sprache zu verbannen. Ich glaube, dass diese anti-ontologische, anti-Aristotelische Methode, diese Verschiebung von der Sprache zum Denken am besten zu der Absurdität der Situation passt. Sie gibt dem Text eine gewisse Ungewissheit, vielleicht sogar Unbeholfenheit, die mich auch zum Neuankömmling macht, während ich schreibe.

In den letzten paar Monaten haben meine Studenten in der Autorenwerkstatt Geschichten aus der Sicht von Geflüchteten geschrieben. Sich in jemanden hineinzuversetzen, der so komplett außerhalb der eigenen Erfahrung steht, ist eine beängstigende Aufgabe. Und so versagen sie. Sie sprechen wie Menschen, die nie den Risiken des Mittelmeers ausgesetzt waren, die nie fast ertrunken wären. Wenn ihre Protagonist_innen in der Schlange stehen, oder ihre Sicherheitswesten verbrennen, um sich zu wärmen, ist darin kein Funken echten Lebens. Sie verstehen das und sind enttäuscht. Ich sage ihnen, wie sehr uns die Erfahrung formt, und dass wir letztendlich nur über Dinge oder Menschen schreiben können, die wir selbst erlebt haben. John Steinbeck hat das gesagt. „Es bedeutet sehr wenig, zu wissen, dass Millionen von Chinesen verhungern, es sei denn, man kennt einen der Chinesen, die verhungern.“ Es sei denn, man ist dieser Chinese, würde ich hinzufügen.

Alles, was wir über Neuangekommene wissen, kommt aus den Nachrichten und hat mit Zahlen zu tun. Tausende, lesen wir, Millionen von ihnen. Wir nähern uns ihnen, wir schreiben über sie, als wären sie vage Ziffern, wandernde Stereotypen. Der Ausdruck „Flüchtlingsstrom“, ein Neologismus, suggeriert etwas Ausweichendes, Unklares, Heftiges.

Eine überwältigende Kraft. Es gemahnt an Wasserdruck, an Sanitärprobleme. An Flüsse, Strömungen, an Ebbe und Flut. Ähnlich der Lyrik, vermitteln neue Sprachstrukturen unterbewusste Ängste und fesselnde Bilder. „Flüchtlingsstrom“ drückt auf linguistische Weise die inhärente Unfähigkeit aus, diese Ströme, die nicht einzugrenzen sind, zu verstehen und zu beherrschen. In West-Europa haben wir in den letzten paar Jahrzehnten die Gewissheit geschmiedet, dass alles kontrolliert und bestimmt werden kann. Trotz Finanzkrise, Terrorismus und Krieg besteht immer noch das Gefühl, dass Europa sicher ist und wir wissen, was wir tun.

Wenn wir genauer hinschauen, können wir beobachten, dass diese Unfähigkeit, zu verstehen, was passiert, sich auf viele Arten und Weisen in Europa ausbreitet. Es ist seltsam, weil Europa während und nach dem zweiten Weltkrieg furchtbar gelitten hat und das Trauma noch da sein sollte. Die jüngste Verwüstung syrischer Städte sollte uns an unsere eigenen Städte erinnern, die nach den Bombardements des zweiten Weltkriegs in Schutt und Asche lagen. Aber warum sollten wir uns die Fotos ansehen, um überzeugt zu werden? Fotos von bombardierten Städten oder ertrunkenen Kindern anzusehen, kann äußerst schmerzhaft sein. Sie erinnern uns an das, was W.G. Sebald einmal über fotografische Zeugnisse aus den Konzentrationslagern gesagt hat: „Diese Art von Bildern bekämpft unsere Fähigkeit, rationale Gedanken zu Denken, zu reflektieren, was passiert ist. Außerdem lähmen sie auf eine Art unsere Ethik, unser Wertesystem.“

Was ist also mit unserem Wertesystem passiert? Wenn ich über das neue Gesetz in Dänemark lese, dass Asylbewerber zwingt, ihre Wertsachen auszuhändigen, auch ihren Schmuck und ihr Gold, denke ich wieder an Sebald und die lange Liste persönlicher Gegenstände, die den Juden in seinem Roman „Austerlitz“ weggenommen wurden. Silberne Teekannen, Malereien, Kleider, Eheringe. Ich vertraue der Literatur mehr als den internationalen Nachrichten. Hier hat man kodifizierte Ethik, ein Palimpsest der Menschheit, und der Möglichkeit, zu vergessen, zu unterschätzen und unglaubwürdig zu sein. Die Nachrichten sind nur eine weitere Ausformung dieser Möglichkeit, ohne den symbolischen Wert und der vermehrten Tiefe der Literatur. Und was haben wir dort? Wir lesen, dass die griechische Küstenwache die östliche Ägäis an der Grenze zur Türkei mit Rettungsbooten durchpflügt, auf der Suche nach Menschen, die an die Küsten der griechischen Inseln geschmuggelt werden – an die vorderste Front von Europas gewaltiger Flüchtlingskrise. Und dann lesen wir, was ein EU-Abgeordneter sagt, dass Griechenland seine Pflichten, die Grenze zu Europas reisefreier Schengen-Zone zu schützen, „ernsthaft vernachlässigt“ hat, und sich erneuten Grenzkontrollen anderer Mitgliedsstaaten unterziehen muss, wenn es das Problem nicht schnell aus der Welt schafft. Alles, was wir lesen, sind Anweisungen, Mahnungen, Wünsche, Klagen. Es wird nichts darüber gesagt, was man wirklich tun kann, so ähnlich wie der Text eines Studenten in der Autorenwerkstatt, der nichts über die Realität des Lebens eines Neuankömmlings sagt. Wie in der Literatur, so auch in der Politik. Es muss eine Struktur geben, einen inneren Plan, einen Sinn für die Wahrheit. Um meinen Studenten zu erklären, wie wichtig es ist, zu verstehen, bevor wir kritisieren oder mitfühlen, benutze ich genau dieses Beispiel. Schaut her, sage ich ihnen, wir haben Europas grenzenlosen Schengen-Raum, wir haben ein stürmisches Meer und ganz offensichtlich können wir die Wellen nicht versiegeln. In Zentral-Europa weiß man nichts über diese Wellen, weil man dem Wasser nie so ausgesetzt war. Deswegen baut ein höheres Europa schon immer, und jetzt wieder, hohe Zäune und Festungen, um sich zu schützen. Es ist egal, wie viele Wachboote im griechischen Meer unterwegs sind, der Versuch, ein Schiff mit Asylbewerbern zurück in türkische Gewässer zu zwingen, ist illegal und gefährlich. Sobald ein Boot in griechische Hoheitsgewässer vorgedrungen ist, verhaftet die Küstenwache nur die Schmuggler und sammelt die Passagiere auf oder geleitet das Boot sicher an Land. Wir werden alle zu Journalisten, wiederholen Zahlen und Prozente, aber nur die Neuankömmlinge können über sich selbst reden. Ich denke an einen Dichter, der geflohen ist, und dessen Namen ich vergessen habe. Er schreibt: „Weißt du, wie es ist, an einem Ort zu leben, der deine Liebe erwidert?“ Trotz der Krise scheint Griechenland die Liebe der Neuankömmlinge zu erwidern, oder sie zumindest nicht genug zu verachten, um ihre Boote zu versenken. Das ist wahrscheinlich ein Grund dafür, warum man in Europa ernsthaft darüber nachdenkt, in Griechenland eine Art modernes Konzentrationslager für 400 000 Neuankömmlinge zu errichten. Aus einem heißen Tipp für Touristen soll nun anscheinend ein Brennpunkt für Vertriebene werden. Und statt Hoteliers sollen die Griechen zu Gefängniswärtern für diesen hochentwickelte Knast gemacht werden, aus dem Europa in Zukunft dann seine besten Arbeiter rekrutieren kann.

Die Migration ist ein extrem kompliziertes Thema und der Grund, warum wir keine Lösung finden, ist, dass wir alle Teil des Problems sind. Internationale Politik, Waffenhandel, Benzin, Erderwärmung, der konstante Zyklus von verfolgten Massen und ihren Rettern. Aber wenn wir uns daran erinnern wollen, wie alt diese Geschichte ist, sollte die Literatur ein guter Ausgangspunkt sein. Lasst uns daran denken, was Aeschylus in seinem Agamemnon sagt: «Ορώμεν ανθούν πέλαγος Αιγαίον νεκροίς, / ανδρών Αχαιών ναυτικοίς τ’ ερειπίοις». Was soviel heißt, wie: „Als aber das helle Licht der Sonne aufging, sahen wir Ägäische Meer übersät mit Leichen achaiischer Männer und Trümmern von Schiffen.“ Und dann lasst uns fortfahren und Sebald noch einmal lesen, oder Ann Seghers, um zu spüren was es heißt, verfolgt zu werden, um uns zu erinnern, dass das unseren Eltern passiert ist, unseren Großeltern, in unserer eigenen Nachbarschaft; und dann lasst uns dementsprechend handeln.

Milan Kundera sagt, dass die Einheit der Menschheit in der Tatsache begründet liegt, dass niemand fliehen kann; der Krieg selbst stellt diese Einheit sicher. Wir können entweder etwas tun, um diesen Krieg zu beenden oder wir können etwas tun, um seinen Opfern tatsächlich zu helfen. Letzten Endes, um noch einmal Kundera zu zitieren, – der sagt, ein „Europäer ist der, der sich nach Europa sehnt“ – sind die Neuankömmlinge europäischer als wir.

Dieser Text erschien zuerst als Teil des Projekts „DAS WEISSE MEER“ der Allianz Kulturstiftung und des Literarischen Colloquiums Berlin.
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