„So bin ich und wie bist du? Ein Buch über Toleranz“

Wir mögen Äpfel oder Birnen, sind Linkshänder oder Rechtshänder, wir sind verschieden – und das nicht nur aufgrund unserer Herkunft und Nationalität. Pernilla Stalfelt hat ein kluges Kindersachbuch über Vorurteile, Unterschiede und Gemeinsamkeiten geschrieben.

 "Das Lachen klingt wohl in allen Sprachen gleich" © Pernilla Stalfelt: So bin ich und wie bist du? / Klett Kinderbuch 2014
“Das Lachen klingt wohl in allen Sprachen gleich” © Pernilla Stalfelt: So bin ich und wie bist du? / Klett Kinderbuch 2014

 

In einem neuen Land anzukommen ist schwierig. Nach dem physischen folgt erst das eigentliche Ankommen und das, was die Gesellschaft als „Integration“ bezeichnet. Die Verantwortung dafür wird meist reflexhaft den Newcomer*innen zugeschoben, als eine Forderung, gar eine Bringschuld. Dabei kann Integration niemals nur eine einseitige Leistung sein. Sie beruht immer auch auf Willkommen sein und angenommen werden, auf der Akzeptanz und Toleranz der Gesellschaft, in die sich der oder die Neue eingliedern soll. Hier setzt die schwedische Kinderbuchautorin und -illustratorin Pernilla Stalfelt mit So bin ich und wie bist du? Ein Buch über Toleranz an. Pernilla Stalfelt widmet sich in ihrem Kinderbuch ab 5 Jahren „und für alle“ den Fragen des Zusammenlebens in Vielfalt – mit allen Unterschieden und Gemeinsamkeiten.

Das Buch beschreibt anhand einzelner unverknüpfter Szenen Situationen, in denen Verschiedenheit verhandelt wird. Die Protagonist*innen können du und ich, er und sie und viele andere sein, die am Schluss ein Wir ergeben. Schrittweise wird so ein komplexes Thema in einfacher zu (be-)greifende Bestandteile zerlegt und am Ende wieder zusammengefügt. Die comicartigen Illustrationen nähern sich als kurze Blitzlichter den Begriffen „Vorurteile“ und „Toleranz“. Stalfelt definiert „tolerieren“ als „zuhören, fair sein, sich mit den Besonderheiten der anderen abfinden und ihre Art sich zu Benehmen ertragen“. Das heißt zum Beispiel: aushalten, wenn jemand mit offenem Mund Müsli kaut. Erklärungen wie diese beschönigen und untertreiben weder die Herausforderungen der Einwanderungsgesellschaft noch dramatisieren sie sie. Stalfelt findet einen sachlichen und humorvollen Weg durch die Mitte, benennt Schwierigkeiten, aber auch Lösungen. Sie gibt uns ein Mittel an die Hand, das uns hilft unsere Unterschiede nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung zu sehen: Reden und Fragen – denn der Weg zu Toleranz läuft über Kommunikation und Verständnis.

Das Buch erklärt charmant und leichtfüßig wie zum Ich das Du gehört – denn Du „sind alle, die nicht ‚ich’ sind“ – und wie wir die Welt in ein „Wir“ und „die Anderen“ unterteilen. Es zeigt aber auch auf, wie wir die Welt strukturieren könnten, um zu einem besseren Zusammenleben zu finden, in dem „Wir + Ihr + Die = Wir“ ist. Beachtlich ist, dass die Autorin die Verschiedenheiten in Herkunft, Nationalität, Ethnie, Religion und Kultur, die von Medien und Politik oft reflexhaft als die kapitalen Unterschiede menschlichen Zusammenlebens herangezogen werden, um gesellschaftliche Probleme zu begründen, nicht in den Mittelpunkt stellt. Stattdessen widmet sie sich vielen möglichen Arten von Unterschiedlichkeiten gleichermaßen und gleichwertig – auch Vornamen, Haarfarben Schuhgrößen und Vorlieben.

„Wir haben verschieden Kleider, wir mögen verschiedene Sachen, wie haben verschiedene Frisuren und verschiedene Haarfarben. Wir essen Äpfel auf verschiedene Art, weil manche Linkshänder sind und manche Rechtshänder. Wir reden verschieden und haben verschiedene Stimmen. Wir fürchten uns vor verschiedenen Dingen. Wir finden verschiedene Dinge lustig und lachen verschieden oft und verschieden laut. Was wir peinlich finden ist verschieden…“

Nicht reflexhaft auf einen Mainstream-Diskurs einzusteigen und gängige Formeln zu kultureller und ethnischer Verschiedenheit zu wiederholen, ist eine besondere Qualität dieses Buches.

Stalfelt hat keine Angst vor schwierigen Themen. Das bewies sie bereits mit ihrem mehrfach ausgezeichneten Buch über den Tod Und was kommt dann?. Die Autorin erklärt, klärt auf und kommt dabei ganz ohne erhobenen Zeigefinger aus. Ihre schroffen, etwas ungeschliffenen Illustrationen beweisen viel Humor und nehmen damit dem Inhalt die Schwere, ohne leichtfertig zu sein.

Und was gibt es hinzuzufügen, wenn das Ende dieses Kinderbuches mit dem schließt, worum es vor allem gehen sollte: unseren Gemeinsamkeiten?

„Wir atmen Luft. Wir haben eine Nase. Wir brauchen Sonne. Wir brauchen Regen. (…) Alle sind gleich viel wert … Alle sind verschieden und auf diese Weise sind wir alle gleich!“

 

Hier ein kleiner Einblick ins Buch:

© Pernilla Stalfelt: So bin ich und wie bist du? / Klett Kinderbuch 2014
© Pernilla Stalfelt: So bin ich und wie bist du? / Klett Kinderbuch 2014
© Pernilla Stalfelt: So bin ich und wie bist du? / Klett Kinderbuch 2014
© Pernilla Stalfelt: So bin ich und wie bist du? / Klett Kinderbuch 2014

 

© Pernilla Stalfelt: So bin ich und wie bist du? / Klett Kinderbuch 2014
© Pernilla Stalfelt: So bin ich und wie bist du? / Klett Kinderbuch 2014

 

 

So bin ich und wie bist du? von Pernilla Stalfelt ist 2014 im Klett Kinderbuch Verlag erschienen.