Pressefreiheit

Mittels falscher Facebook-Accounts und erfundener Namen kommunizierten wir in geheimen Gruppen im Internet: Wir planten tägliche Demos an der Uni und schrieben an einer Zeitschrift, die am frühen Morgen zwischen den Sitzplätzen und Gängen verteilt werden sollte. Mit vermummten Gesichtern und schnell pochendem Herzen rannten wir und schleuderten unsere Gedanken in alle Richtungen, noch bevor die Vorlesungen begannen.

von Hiba Obaid

Weltkarte der Pressefreiheit 2017. Foto: Reporter ohne Grenzen

Angesichts der ständigen fürchterlichen Geschehnisse in der arabischen Region waren die Nachrichten so etwas wie eine heilige Zeit für mich, zu der ich mich aufs Sofa setzte und schweigend verfolgte, was gerade so los war. Dabei beneidete ich die Journalisten, die sich auf ihre Reisen begaben und politischen Strapazen sowie klimatische Umstellungen auf sich nahmen, um die Wahrheit aufzuspüren. Wie oft stand ich lächelnd vor dem Spiegel, tat so, als wäre ich eine Nachrichtensprecherin, die gerade einen Korrespondenten interviewt , um daraufhin meine eigenen Fragen mit ein paar ausgedachten Sätzen selbst zu beantworten. Ich stand vor dem Spiegel und debattierte mit mir selbst. Je älter ich wurde und mehr ich an Erkenntnis gewann, umso mehr hörte ich auf zu träumen. Die Presse in Syrien war nicht so, wie ich sie mir vorgestellt hatte, sie hatte nicht mal annähernd etwas mit dem wirklichen Leben zu tun.

Journalisten sind dort nichts anderes als Narren des Führers, der Verantwortungsträger und der Wohlhabenden… Der Journalist ist dafür da, die Wahrheit zu verzerren. Und der Staat entscheidet für ihn, was er denkt und schreibt. Artikel werden zurechtgestutzt, sodass sie den vorgesehen Zweck erfüllen. Die Presse in Syrien war und ist weitgehend korrupt. Und wer nicht korrupt ist, der gehört ganz einfach jener Gruppe verborgener Journalisten und Journalistinnen an, die in diesem Land keine Stimme haben. Auf Empfehlung eines Freundes hin schrieb ich mit einer Gruppe von Journalisten, die einer syrischen Partei angehörten, für eine kleine Zeitschrift, die für die Universität veröffentlicht wurde. Ich war eine von jenen, die keiner Partei angehörten – ungeachtet der weit verbreiteten Parteizugehörigkeits-Philosophie und all dem, was diese Philosophie so impliziert. Ich mag den Gedanken nicht, mich einer politischen Gruppierung, Vereinigung oder Partei anzuschließen. Mein Freund wusste das und versicherte mir, dass die Zeitschrift keinerlei politischen Zweck verfolgen würde. Sie wäre bloß dazu gedacht, das Bewusstsein der Leute zu schärfen und ein paar wichtige Gedanken mit ihnen zu teilen. Das erste Redaktionstreffen allerdings sollte sich als etwas merkwürdig herausstellen: Es ging um die Parteiziele und die guten Absichten der Partei für die Weiterentwicklung der Gesellschaft. Das alles wurde mir unter dem starken Bestreben der Anwesenden kundgetan, mich der Partei anzuschließen. Ich aber machte erneut meinen Standpunkt klar und beharrte darauf, parteilich unabhängig zu bleiben.

Nach einigem Hin und Her begann ich zu schreiben, und zwar über Themen fernab der Politik und nah an der Realität. Vor Veröffentlichung ließ ich der Zeitschrift die Artikel normalerweise über meinen Freund zukommen oder ging selbst hin, um mit den Verantwortlichen darüber zu diskutieren. Meine Artikel wurden stets positiv aufgenommen – bis auf einmal, als eine Kurzgeschichte abgelehnt wurde, und zwar mit der Begründung, dass sie nicht dem gewünschten Niveau entspräche. Sie wurde unter einem anderen Namen veröffentlicht … Es war der Name des Chefredakteurs.

Eine Seite aus dem Magazin und Hibas Obaids gefälschter Name. Foto: privat

Als die Revolution in Aleppo begann, arbeitete ich mit einer Gruppe von Freunden an der Veröffentlichung einer Zeitschrift, ebenfalls für die Studierenden der Universität. Die Zeitschrift sollte sie aufwecken, durch Geschichten, die die Wirklichkeit reflektierten und deutlich kritisierten, was geschah. Dies war ein gefährliches Unterfangen, auf das Strafe und Verhaftung standen. Mittels falscher Facebook-Accounts und erfundener Namen kommunizierten wir in geheimen Gruppen im Internet: Wir planten die täglichen Demos an der Uni und schrieben an einer Zeitschrift, die am frühen Morgen zwischen den Sitzplätzen und Gängen verteilt werden sollte. Mit vermummten Gesichtern und schnell pochendem Herzen rannten wir und schleuderten unsere Gedanken in alle Richtungen, noch bevor die Vorlesungen begannen. Und warum? Wozu war dieses komplizierte Unterfangen eigentlich gut?

Die dem Regime angehörigen syrischen Sender haben während dieser Zeit in aller Ruhe Dokumentarfilme über das Ameisenleben oder die Begattung von Zebras ausgestrahlt – und das, während es an der Universität Aleppo jeden Tag zu Demonstrationen kam und dabei etliche Demonstranten durch den syrischen Geheimdienst festgenommen, Dutzende durch Tränengas verletzt wurden.

Dann kam der Tag, an dem ein Mitglied der Zeitschrift festgenommen wurde. Um zu vermeiden, dass unser verhafteter Freund sich dazu gezwungen sehen würde, etwas zu gestehen, wogegen gerade ermittelt wurde, stellten wir die Zeitschrift vorübergehend ein. Es war ein ganzer Monat voll Anspannung und ständiger Sorge. Ein Monat des Abwartens und der Angst. Das Geräusch der Uhrzeiger erinnerte an die Stimmen der Verhafteten unter Folter, an die Stimmen von unter Peitschenschlägen Hingerichteten. Die Uhrzeiger tickten nicht, vielmehr weinten sie langsam vor sich hin. Unser Freund wurde zum Glück gegen eine große Kaution freigelassen. Er bat uns, die Zeitschrift bis auf weiteres einzustellen, da er unter Beobachtung stand und dieser Umstand uns allen zum Verhängnis werden könnte. Wir setzten unsere Proteste, Demos und geheimen Sitzungen fort, und was die Presse betrifft, so ist sie nach wie vor restriktiv. Zumindest aber gelang es uns allen, jenes Land bis auf unbestimmte Zeit zu verlassen.

Hiba Obaid. Foto: privat

Hiba Obaid (*1990 in Aleppo, Syrien) ist eine palästinensisch-syrische Journalistin. Sie hat ein Studium der arabischen Literatur an der Universität von Aleppo abgeschlossen und in Syrien, der Türkei und Deutschland für Magazine und Zeitungen geschrieben. Seit Oktober 20165 lebt sie in Berlin. Unsere Autorin ist Voluntärin bei ALEX Berlin und Deutschlandfunk. Außerdem schreibt sie regelmäßig für WIR MACHEN DAS, z.B. über Mitmachmusik.

Dieser Text ist zuerst auf dem Blog von ALEX Berlin (http://blog.alex-berlin.de/) erschienen.