„Hier wird Deutsch gesprochen.“

In der ehrenamtlichen Arbeit gibt es viel Entwicklungspotential für Reflexion und Sensibilisierung. Aber welche Fragen sollten sich Ehrenamtliche stellen, um das Miteinander zu stärken und eigene Sichtweisen zu verschieben? Ein Vorschlag.

von Sabine Hoffmann

Ohne Ehrenamt geht nichts. Die Initative "Basler Sprachcafé", über die wir letzte Woche berichteten, wurde 2016 mit dem zweiten Platz des Schweizer „Young Caritas Award“ ausgezeichnet. Foto: Ivana Krešić
Sprachcafés sind an vielen Orten – nicht nur in Deutschland – entstanden. Über die Schweizer Initative “Basler Sprachcafé”, haben wir letzte Woche berichtetet. Foto: Ivana Krešić

Wenn hilfsbereite, motivierte Menschen Newcomer*innen treffen und diese unterstützen wollen, kommt es immer wieder zu Missverständnissen. Dabei soll es doch um ein Miteinander auf Augenhöhe gehen. Aber warum läuft das manchmal schief – und was bedeutet das für eine sensibilisierte Haltung im Ehrenamt? Eine Situation aus dem Jahr 2016 macht deutlich, wo die Fallstricke im Ehrenamt liegen (können) und wie sich daraus lernen lässt.

Lieselotte Maier ist pensionierte Lehrerin und engagiert sich seit längerem in ihrer Gemeinde für Geflüchtete. Sie organisiert einen Sprachtreff, bei dem Menschen verschiedener Herkunft und Erstsprachen zusammen kommen. Hier sollen Begegnungen mit Alteingesessenen und der deutschen Landessprache möglich werden. Frau Maier vertritt die  Auffassung, dass es ein gelingender Schritt in Richtung Integration ist, dass hier Menschen zusammenkommen können, sich kennenlernen und zusammen Tee oder Kaffee trinken.

Was Frau Maier jedoch nicht gefällt, sind die Besucher*innen, die zum Angebot in die Gemeinde kommen und sich in erster Linie auf Französisch mit den anderen Besucher*innen des Sprachtreffs unterhalten. Es sind einige langjährige Ortsanwohner*innen darunter, die selbst Französisch sprechen, Interesse am Austausch über Sprache haben und darüber in einem regen Kontakt mit den neuen Mitbewohner*innen sind. Frau Maier äußert mir und den anderen Besucher*innen des Sprachtreffs gegenüber: „Wir sind hier in Deutschland, die sollen Deutsch lernen. Also sprecht Deutsch!“ Mit dieser Ehrenamtssituation wird ein Dilemma sichtbar, das in der Unterstützungsarbeit nicht selten auftaucht: die Frage von Macht und Hierarchie im Verhältnis zwischen Engagierten und Geflüchteten.

Zunächst einmal ist die Sprache Gegenstand der eingangs beschriebenen Situation. Sprache ist ein Werkzeug, über das sich Menschen definieren. Sprache schafft damit aber auch Räume, um sich zu positionieren, Normen zu setzen und „Nicht-Normales“ festzulegen und ist somit auch Ausdruck des Eigenen und des Fremden. Begriffe in unserer Sprache helfen uns, unsere Umgebung wahrzunehmen und dienen als Mittel der Kommunikation. Als Instrumente in verschiedenen Kontexten eingesetzt, können sie bestimmte Vorzüge durchsetzen, bestimmte Sichtweisen stark machen und andere ausblenden. Damit hat Sprache auch immer etwas Machtvolles. Die geschilderte Situation im Sprachtreff macht deutlich, dass für Frau Maier die Sprache Deutsch als Kommunikationsmittel Priorität hat und alle weiteren Sprachen in diesem Treff erst einmal nicht im Vordergrund stehen sollten.

Ein Vorschlag für die ehrenamtliche Praxis ist Räume zu schaffen, um gemeinsam über solche und ähnliche Sichtweisen nachzudenken und zu diskutieren. Das könnte dabei helfen, diese Hierarchie zu hinterfragen und dabei auszuloten inwiefern auch eine andere gleichberechtigte Ausrichtung für alle bereichernd sein kann. Wird hier Deutsch als Norm für die Begegnung und Teilnahme am Sprachtreff gesetzt, so wird Französisch als die Sprache der Anderen zu einer Abweichung dessen, was aus Perspektive Frau Maiers normal und für eine gelingende Integration nach Frau Maiers Vorstellungen für Geflüchtete notwendig wäre.

Folgende Fragen können helfen, bisherige Perspektiven auf Kultur und auch Sprache oder soziale Herkunft (verknüpft mit Geschlecht, Alter, sexueller Orientierung und Behinderung) zu thematisieren und damit zur Diskussion und infrage zu stellen:

  • Wer spricht in der Gesellschaft über wen aus welcher Position heraus?
  • Wer spricht nicht? Wer darf oder kann nicht sprechen?
  • Wer wird nicht sichtbar und hörbar?

Die Sensibilisierung im Engagement für Geflüchtete befasst sich also mit grundlegenden Konzepten von gesellschaftlicher Normalität und hinterfragt diese in einem ersten Schritt, um sich die eigenen Voraussetzungen bewusst zu machen, unter denen Engagement stattfindet. Kultur wird mit diesen Fragen verhandelbar und es kann für die sich engagierenden Menschen noch einmal verbildlichen, dass Kulturen sich stetig durch Migrationsprozesse verändern und dass ihre eigene Vorstellung von Kultur eine von vielen ist, die es ständig im Kontakt mit verschiedenen Gegenübern zu hinterfragen gilt.

Mit den vorgeschlagenen Fragen können in Fortbildungen oder Workshops Repräsentationsverhältnisse in der Migrationsgesellschaft Deutschland reflektiert werden. Für die Engagierten wird deutlich, welche Möglichkeiten es für geflüchtete Menschen in ihrem Umfeld gibt – oder eben nicht. Unter Einbezug der geflüchteten Menschen, beispielsweise in Angebotsplanungen, wird ein Sprechen über sie und ihre Bedürfnisse vermieden oder zumindest in den bestehenden Ungleichheitsstrukturen minimiert. Es gilt hier in der Ehrenamtsarbeit also Partizipationschancen – und auch nicht bestehende Chancen – für alle Beteiligten aufzuzeigen. In einem ersten Schritt Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten klar zu benennen, kann in der Gruppe der Ehrenamtlichen zu einer Sensibilisierung für die unterschiedlichen Perspektiven und differenzierten Positionen aller Involvierten führen. Diesen ersten Schritt im Rahmen einer Ausbildung reflexiver Haltungen im Engagement mit geflüchteten Menschen halte ich für sehr wichtig. Denn Hilfsangebote und bestehende Ungleichheiten durch hiesige Bedingungen liegen oft nah beieinander.

Zum Schluss noch einmal zurück zu Frau Maiers Äußerung im Sprachtreff. „Wir sind hier in Deutschland, die sollen Deutsch lernen. Also sprecht Deutsch!“ Es sind die Anderen, die in diesem Falle Deutsch sprechen sollen, ohne dass Frau Maier sich fragt, welche Beweggründe ein Sprechen in der vertrauten Sprache mit sich bringt. Wenn Frau Maier sich jedoch zusammen mit anderen Engagierten mit ihren eigenen Privilegien auseinandersetzt und ihre Rolle als Engagierte in Bezug auf Sprachkenntnisse und damit einhergehende Normalitäten reflektiert, wird klar, wie schnell „Deutsch“ als Marker für bestimmte Partizipationschancen fungiert. Anschließend daran besteht in ehrenamtlichen Räumen generell eine gute Chance: Austausch und Diskussion unter Newcomer*innen und Alteingesessenen – basierend auf einer kritischen Auseinandersetzung mit Sprachmacht, Kultur und Rassismus – kann ermöglichen neue gemeinsame Wege zu finden, um sich bestehenden Ungleichheiten in Deutschland entgegenzustellen. Dabei ist eine kritisch versierte Zusammenarbeit mit Professionellen und Institutionen, die mit ihren Konzeptionen vor den gleichen Dilemmata und der Notwendigkeit einer Reflexion von Machtverhältnissen stehen, unabdingbar.

Bild vom Sprachcafé Basel. Foto: Ivana Krešić
Der Bedarf für Begegnung, Austausch und gemeinsames (Sprache)Lernen ist groß. Foto: Ivana Krešić

Hier geht es zum Originalbeitrag in ungekürzter Fassung.

Interessante Links zum Thema:

Rassismuskritik Erklaervideo

Fluechtlingshelfer Info Filmprojekt

Zur Autorin:

Sabine Hoffmann, weiße Dipl. Pädagogin, arbeitet mit einem gendersensiblen, migrationspädagogisch orientierten Ansatz. Derzeit beschäftigt sie sich in ihrer Doktorarbeit mit Engagement für Geflüchtete in Deutschland und den Herausforderungen in der Praxis bei bestehenden Ungleichheiten.