Refugee Voice: Menschen können so viel mehr sein als Soldaten

Musik ist meine Möglichkeit der Welt zu beweisen, dass ich nicht einfach nur ein Flüchtling bin.

von REFUGEE VOICE, Boryana Ivanova

Foto: Boryana Ivanova
Foto: Boryana Ivanova

„Als ich in die Türkei ging, fand ich dort Arbeit als Physiotherapeut in einem Wellness-Center. Nachts machte ich in den Straßen von Istanbul Musik. Dort traf ich ein paar Kurden, die musizierten. Sie luden mich ein mitzumachen. Das hat Spaß gemacht – die Leute tanzten und wir konnten ein bisschen Geld verdienen.

Ich habe mit Musikern aus Frankreich, Syrien, Kanada, Deutschland und Irland gespielt. Wann immer ich mit neuen Leuten zusammen kam, knüpfte ich neue Beziehungen. Nachdem ich in Deutschland angekommen war, fingen ein paar Menschen an, sich für meine Musik zu interessieren. Nach und nach wurde ich Mitglied in drei Bands und zwei Orchestern. Im letzten halben Jahr haben wir vier Konzerte pro Woche gegeben. Am Samstag treten wir in der Philharmonie auf. Es gibt viele Bühnen, auf denen man spielen kann, aber ich gehe immer noch auf die Straße. Da bin ich näher am Publikum. Ich sehe, wie sie sich bewegen und stelle eine Verbindung her. Liebespaare bleiben stehen und hören meiner Musik zu. Der Junge küsst das Mädchen und sie machen ein Foto davon. Man spürt die wundervolle Energie.

Am Anfang hatte ich nur eine ziemlich vage Vorstellung von Noten. Hauptsächlich folgte ich meinem Gefühl für Musik. Noten habe ich erst im vergangenen Monat gelernt, als ich für zwei Wochen ins Krankenhaus musste. Ich kann einfach nicht mit einem Stück Papier vor mir spielen. Das kommt mir so unpersönlich vor. Urvölker haben mit Noten nie etwas zu schaffen gehabt und machen unglaubliche Musik. Ich habe zwar kein Diplom, aber ich kann dafür sorgen, dass 200 Leute ein paar Stunden durchtanzen. Für mich bedeutet das pure Freude. Musik ist meine Möglichkeit, der Welt zu beweisen, dass ich nicht einfach nur ein Flüchtling bin. Ich bin kein Obdachloser, der Kleidung und Essen braucht. Ich brauche keine Almosen. Ich verdiene mein eigenes Geld.

Mein Ziel ist, jungen Menschen zu zeigen, dass es immer eine Alternative gibt. Wenn man mit Leidenschaft und Entschlossenheit dran geht, kann man alles erreichen.

Nächsten Monat eröffnen wir eine deutsch-arabische Bibliothek in Berlin. Dort wird es einmal in der Woche Musik-Workshops für Kinder geben. Ich bin 26 und habe das Gefühl, dass ich schon alt bin. Die Kinder sind der Schlüssel für eine bessere Zukunft. Ich setze all meine Hoffnungen auf sie. Sie sind so unschuldig und in der Lage alles zu verändern. Ich versuche nie, Kinder zu erziehen, ich kann nur die Saat säen. Die Zeit wird zeigen, ob sie aufgeht oder nicht.

Wenn zwei von 100 Kindern eines Tages etwas mit Musik zu tun haben, ist das schon ein Erfolg. Mein Vater hat mich nie „erzogen“. Er hat mir nie etwas aufgezwungen. Als ich 15 war, gab er mir meine erste Zigarette. Ich hatte ihm gesagt, dass ich obwohl er nicht raucht, rauchen würde. Er entschied, dass es besser wäre, wenn er mir die erste Zigarette gäbe. Niemand kann ein entschlossenes Kind von etwas abhalten, nicht im Guten und nicht im Schlechten.

Ich halte Musik für ausgesprochen sinnvoll. Grenzen allerdings überhaupt nicht. Mit Musik kannst du verbinden. Shia und Sunni (zwei verschieden Glaubensrichtungen des Islam. Die überwiegende Mehrheit bilden die Sunni, Shia nur etwa 10% A.d.Ü.), Schwarz und Weiß, Christen und Muslims. Das gelingt nicht mit anderen Dingen. Die Welt der Klänge ist eine sichere Welt. Du betrittst sie, um glücklich zu sein, um dich an ihr zu freuen und zu tanzen. Es gibt keinen Hass dort. Ich kümmere mich nicht um Politik. Ich kümmere mich um meine Verlobte, meine Eltern und meine Freunde. Ich will nicht an einem Ort leben, an dem ich andauernd etwas beweisen muss, indem ich Menschen töte. Das ist doch nicht das Leben. Menschen können so viel mehr sein als Soldaten.“

REFUGEE VOICE ist ein Versuch, die Diskussion um Flucht und die Menschen, die flüchten, menschlicher zu machen und die häufig negative Wahrnehmung zu verändern. Boryana Ivanova möchte mit den Porträts und den persönlichen Geschichten zeigen, dass jeder Mensch seine eigenen Sorgen und Träume hat.

Übersetzung aus dem Englischen: Katja Doubek