„Bestimmt wird alles gut“

Mit Kindern über die Themen Flucht, Migration und Fremdenhass zu sprechen ist eine große Herausforderung. In den letzten Monaten sind zahlreiche Kinderbücher erschienen, die sich mit politischen Fragen unserer Zeit beschäftigen. Eines davon ist Bestimmt wird alles gut von Kirsten Boie.

von Miriam Smidt

Illustration Rahaf und Hassan von Jan Birk, Klett Kinderbuch 2016
Die Illustrationen des Kinderbuches „Bestimmt wird alles gut“ stammen von Jan Birk. Copyright: Jan Birk, Klett Kinderbuch 2016

Kinderbücher sind toll, bunt und vielfältig: Sie klären, wer dem Maulwurf auf den Kopf gemacht hat, oder wie lieb wir einander haben. Das sind zweifellos elementare Fragen. Jenseits davon eröffnen sie jedoch auch Einblicke in entfernte Welten und in Lebensgeschichten, die anders verlaufen als unsere eigenen.

Kinder haben viele Fragen und ein großes Bedürfnis nach (guten) Antworten. Es ist nicht immer einfach zu vermitteln, wie die Situation in der Welt zurzeit ist – in Somalia oder Syrien, in Nigeria, in den USA oder in Deutschland. Mit Kindern über die Themen Flucht, Migration und Fremdenhass zu sprechen und ihnen dabei weder zu viel zuzumuten noch zu viel vorzuenthalten, ist eine Herausforderung. Aber eine fruchtbare: Denn es ist eine Chance unsere Kinder darauf vorzubereiten, welche Begegnungen sie im Leben erwarten und sie positiv darauf einzustimmen. Und es ist eine Chance, auch selbst eine positive und offene Haltung zu entwickeln und etwas zu lernen.

In den letzten Monaten wurde der Buchmarkt um ein buntes Sortiment an Kinderbüchern bereichert, die sich dieser Aufgabe annehmen und sich konstruktiv mit den Themen Flucht, Migration und Integration befassen. Als alteingesessene*r Autor*in darüber zu schreiben birgt die Herausforderung, die Lebensrealitäten Geflüchteter zu beschreiben, ohne sich pauschaler Zuschreibungen und grober Vereinfachungen zu bedienen. Kirsten Boie hat diese Hürde bewältigt, indem sie eine wahre Geschichte erzählen lässt.

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Dramatische Situationen in Syrien. Copyright: Jan Birk, Klett Kinderbuch 2016

Aus Sicht der zehnjährigen Rahaf beschreibt die Autorin die authentische Geschichte einer Flucht aus Homs in eine kleine Stadt in Deutschland. Rahafs Familie verlässt Syrien zu einem Zeitpunkt da die Luftangriffe „alles Schöne kaputtmachen“. Die Eltern wünschen sich für ihre vier Kinder ein „friedliches Leben“. Das findet Rahaf soweit gut. Aber Weggehen findet sie nicht gut. Denn alle Tanten und Onkel, die Großeltern, Cousinen und Cousins bleiben zurück. Als die Familie nach vielen Tagen bei Nacht und Nebel in Italien an Land geht, liegt noch ein weiter Weg vor ihr. Auf diesem Weg finden die ersten Begegnungen mit Hiesigen statt: Unfreundliche Begegnungen, die Mama zum Weinen bringen (und Mama weint eigentlich nie!), und freundliche Begegnungen, wie die mit einem Schaffner, der sie ohne Tickets weiterfahren lässt, als er erfährt dass sie aus Syrien gekommen sind.

Boies Geschichte verspricht schon im Titel: Bestimmt wird alles gut. Rahaf kommt zu dem Schluss: „Irgendwie ist auch alles gut geworden.“ Nur dass ihr Zuhause eben ein Container ist, in dem sie keinen Besuch empfangen kann, und dass Papa keine Arbeit hat, „er sitzt meist auf der Treppe vor dem Container und guckt in die Luft“.

Boies Buch ist ein gutes Beispiel dafür, dass wir aus Kinderbüchern viel lernen können, wenn wir uns nur auf sie einlassen. Berührend sind vor allem die vermeintlich kleinen Momente. Wie jener, in dem Rahaf auf dem Boot auf dem Mittelmeer erkennt, dass die Schleuser sämtliches Gepäck der Familie mitsamt ihrer geliebten Puppe in Ägypten zurückgelassen haben. Diese Momente, die schmerzlich in der Erinnerung eines Kindes haften, können uns vielleicht eher erreichen, als die allabendlichen medialen Schreckensnachrichten um Zahlen und tote Körper, gegen die wir mit der Zeit immun werden (müssen). Sie zeigen die Lebensrealität eines einzelnen Kindes inmitten der anonymisierenden Berichterstattung.

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Rahafs mit ihrer Familie auf dem Schiff. Copyright: Jan Birk, Klett Kinderbuch 2016

Boie beschreibt mit Rahafs kindlichem Blick die Hoffnung und den Schmerz des Aufbruchs, die Strapazen des Weges und die Zweifel, die sich mit der Ankunft in Deutschland einstellen: Die Menschen, die sie ablehnen, die den Familienmitgliedern ihre Verluste verdeutlichen. Die Menschen, die sie freundlich begrüßen und Hoffnung auf eine neue Heimat schenken. Die Umstände, unter denen sie, einmal „angekommen“, leben müssen, die ihre Zweifel nähren und in Verzweiflung verwandeln können. Durch Rahafs Augen schauen wir mit kindlicher Klarheit auf grundlegende Probleme der politischen Situation im Einwanderungsland Deutschland. Dass ihr Vater keine Arbeit hat, ist eines davon. Boies Text schließt in der Hoffnung, dass auch diese Leerstelle gefüllt wird – im kindlichen Glauben das „bestimmt alles gut wird – bestimmt“.

Das deutsch-arabische Buch lässt sich in beide Richtungen lesen. Eine bemerkenswerte Umsetzung, die davon zeugt, dass der Verlag im Hier und Jetzt angekommen ist. Außerdem finden wir einen Anhang zum Deutsch- und Arabischlernen vor. Ja, Arabischlernen! Warum nicht einmal darüber nachdenken?

Die Illustrationen von Jan Birck sind zudem sehr treffend und ansprechend. Wünschenswert wäre allenfalls, dass der Verlag bei seinen nächsten Veröffentlichungen auf geflüchtete Autor*innen oder Illustrator*innen zugeht, damit diese nicht allzu lange vor einem Container sitzen und in die Luft gucken müssen.

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In der neuen Schule. Copyright: Jan Birk, Klett Kinderbuch 2016

Bestimmt wird alles gut von Kirsten Boie ist bei Klett Kinderbuch erschienen.