Schlag auf Schlag – Die inklusive Kunstperformance “Odyssee”

Jeder Morgen im Stahlbaubetrieb auf dem Hofgut Habitzheim in Hessen beginnt mit dem Hämmern. Das rhythmische Schlagen von Eisen auf Eisen hallt schon seit mehreren Jahren durch die alten Mauern der Werkstatt. Seit einigen Wochen hört man jedoch zwischen den Schlägen unterschiedliche Stimmen: Arabisch, Urdu und Dari mischen sich unter das Deutsch, das hier sonst gesprochen wird.

von Miriam Zlobinski

Betrieb in der Werkstatt Georg Friedrich Wolfs im Juni 2016. Foto: Louisa Löwenstein
Betrieb in der Werkstatt Georg Friedrich Wolfs im Juni 2016. Foto: Louisa Löwenstein

“Wenn wir uns ohnmächtig vor einer Situation finden, müssen wir etwas scheinbar sinnloses tun, um in Bewegung zu bleiben, nicht zu stagnieren und uns unseres Menschseins zu vergewissern“. Wolf, Stahlbildhauer

Die Schmiede, in der eigentlich Meister und Gesellen Auftragsarbeiten umsetzen, ist für 4 Monate im Ausnahmezustand. Seit Mai erschafft der Stahlbildhauer Georg Friedrich Wolf in Zusammenarbeit mit Geflüchteten und allen Interessierten eine massive Skulptur aus Holz und Stahl. Nägel, die die Teilnehmer schmieden, werden den Kern des Kunstwerkes bilden.

“Unser Ziel ist es, einen Anfang zu machen, eine Plattform zu schaffen, auf der sich beide Seiten, Neuankömmlinge wie Einheimische, für ein Miteinander öffnen können”, sagt der Stahlbildhauer Wolf. Diese Plattform abstrahiert Wolf in der Skulptur eines Floßes. Für diejenigen, die sich nach einem Schiffbruch auf ein Floß retten, ist der Kampf noch nicht vorbei. Ein Floß verfügt weder über Antrieb, noch über ein Steuer – es treibt. Ziel und Ausgang der Fahrt sind völlig offen. Diese Beschreibung trifft auch auf die Situation eines Großteils der geflüchteten Menschen zu.

Bei “Odyssee” erfolgt die Verständigung während des Schmiedens durch die universelle Art der verschiedenen Hammerschläge, mal leise mal laut. Die Arbeitsschritte erklären Schmiede-Lehrlinge auf Deutsch und zeigen gleichzeitig die Vorgänge, etwa das Erhitzen der Eisenstäbe. Sie erhitzen die Eisenstangen auf über tausend Grad, spitzen die Enden durch Schläge zwischen Amboss und Hammer und formen dann jeweils zu zweit einen Nagelkopf durch abwechselndes zuschlagen.
Wolf erklärt, dass er durch seine Kunst-Aktion die starke gesellschaftliche Isolation der Menschen nach ihrer Flucht durchbrechen will, indem er die Bevölkerung zum Mitmachen auffordert und einfache Möglichkeiten bietet, sich handfest in das Projekt einzubringen. „Unsere gemeinsame Arbeit soll primär zeigen, dass handwerkliches Arbeiten wenig Sprachverständnis, sondern vor allem Interesse, Beobachtungsgabe und Aufmerksamkeit benötigt“, so Wolf.

Jeder, der in den vier Projektmonaten Nägel schmiedet, darf einen mit seinem Namen versehen. An einem Amboss in der Ecke steht ein Geselle und lässt sich Namen notieren. Basir, Ahmed, Karl, Layla, Johanna. Neben der Arbeit stellt man sich vor und kommt ins Gespräch – mit Händen, Füssen und etwas Deutsch. Die Mitarbeiter erzählen von ihren früheren Berufen u.a. als Lehrer, Friseur, Schlosser und Tankwart. Tamim, vor der Flucht Journalist in Afghanistan, hilft als Übersetzer.

Sher Ahmad mit einem fertigen Nagel. Foto: Louisa Löwenstein
Sher Ahmad mit einem fertigen Nagel. Foto: Louisa Löwenstein
Der Stahlbildhauer Wolf erklärt einen Arbeitsgang. Foto: Louisa Löwenstein
Der Stahlbildhauer Wolf erklärt einen Arbeitsgang. Foto: Louisa Löwenstein
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Faizah stanzt mit Hilfe des Lehrlings Falk ihren Namen in einen Nagel. Foto: Louisa Löwenstein

In den ersten zwei September Wochen wird die Kunst-Performance ihren Höhepunkt erreichen: Dann kommen tausende geschmiedete Nägel zum Einsatz. Sie halten schwere Holzbalken mit Hilfe von Eisenstreifen zusammen. Nach und nach errichten alle gemeinsam das abstrakte Floß auf einem Feld, darin eingeschlossen eine kupferne Zeitkapsel. Jede*r Mitarbeiter*in kann der Kapsel anonym eine Notiz anvertrauen, die erst in ca. 30 Jahren, wenn das Holz verrottet ist, wieder zugänglich sein wird.

Am Ende dieser intensiven vier Monate entsteht ein beständiges Werk, die Arbeit daran ist die Performance, erläutert Wolf. Das gemeinsame Errichten und das monatelange Schmieden aller Beteiligten bilden den Kern des Kunstwerks. Jede*r Newcomer, die*der hier lernt und schmiedet, bekommt am Ende ein Zeugnis. Dieses soll helfen, auf dem deutschen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Die Erfahrung, in einem lokalen Betrieb gearbeitet zu haben, die Kontakte, die hier geknüpft werden, und der positive Aktionismus, so ist sich der Künstler Wolf sicher, empowern jede*n Einzelne*n.

“Auf keinen Fall dürfen wir geflüchtete Menschen als Gäste behandeln, die jederzeit wieder nach Hause geschickt werden können”, sagt Wolf. „Deutschland ist ein Einwanderungsland. Gute Integration entsteht dort, wo ein kulturelles Netzwerk die Ankommenden aufnimmt und einen sozialen Aufstieg ermöglicht.“

Die Schutzhandschuhe nach dem Tag in der Schmiede. Foto: Louisa Löwenstein
Die Schutzhandschuhe nach einem Tag in der Schmiede. Foto: Louisa Löwenstein

Zwischenbilanz:

über 70 Teilnehmer
über 2500 Nägel geschmiedet
4 Packungen Blasenpflaster
15 große Kisten Wasser trotz Ramadan
keine Verletzungen
kein Werkzeugbruch
alle Arbeitenden teilen sich ca. 12 Paar Sicherheitsschuhe
Berufsgruppen: Lehrer, Journalist, Barbier, Automechaniker, Finanzbeamter, Tankwart, Friseur, Landwirtschaftsverwalter, Krämer, Getränkehändler, Bauer, Schlosser, Student, Schüler
2 Vermittlungen an mögliche Praktika und Arbeitsstellen
1 neugeborenes Baby