Schreiben nach der Flucht

Was bewegt geflüchtete Autor*innen im Exil und wie kann eine literarische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte in der neuen kulturellen Heimat aussehen? Bei der Veranstaltung Weg sein – hier sein im Berliner Haus für Poesie wurden diese Fragen erkundet.

von Tanja Dückers

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Aref Hamza, Galal Alahmadi, Kenan Khadaj, Widad Nabi und Claudia Kramatschek. Foto: gezett.de

Galal Alahmadi, Aref Hamza, Kenan Khadaj und Widad Nabi haben eines gemeinsam: Sie alle sind nach Deutschland geflohen. Sie stammen aus Syrien und dem Jemen. Nun leben sie in Berlin, Köln oder Buchholz in der Nordheide. Und sie schreiben – Gedichte, Prosa, journalistische Beiträge. In ihrer Heimat waren sie zum Teil viel beachtete Autor*innen, bevor sie vor Krieg und Terror nicht nur ihre geographische Heimat, sondern auch ihr kulturelles Zuhause verlassen mussten.

Das Berliner Haus für Poesie hat die vier Autor*innen am 17. Januar 2017 zu einer zweisprachigen Lesung (Arabisch / Deutsch) eingeladen. Der Saal war so voll, dass vor der ersten Reihe noch Holzstühle aufgestellt werden mussten. Moderiert wurde die Veranstaltung von der bekannten Berliner Literaturkritikerin und Kulturjournalistin Claudia Kramatschek, die sich sehr für außereuropäische Literaturen interessiert.

Den Auftakt machte die 1985 in Kobanî geborene Kurdin Widad Nabi mit einem furiosen, sehr persönlichen Text über Einsamkeit, Nähe und Distanz in neuen Begegnungen in Deutschland. Die Lesungen wurden alle zweisprachig vorgetragen, und bei Nabis temperamentvollem, engagierten Vortrag von „Küss mich kurz vor dreißig“ in arabischer Sprache schien die Temperatur im überfüllten Haus für Poesie nochmals zu steigen. Von Nabi sind viele Gedichte in arabischsprachigen Zeitungen und Zeitschriften erschienen, auch in französischer und englischer Übersetzung. Vor vier Jahren kam in Aleppo ihr Gedichtband Zeit für Liebe, Zeit für Krieg heraus. Mit dem Krieg beschäftigt sie sich auch in ihrem neuen Buch Syrien und die Sinnlosigkeit des Todes, das 2017 in Beirut erscheinen soll. Nabi lebt in Berlin.

Der aus Swalda, Syrien stammende Journalist und Autor von Kurzgeschichten Kenan Khadaj trat als nächstes auf. Auch er hatte eine große Bühnenpräsenz. Im Saal war es still als er seine anspielungsreiche Kurzgeschichte über den Hass eines Lehrers auf seine Schüler vortrug. Khadaj, erst 27 Jahre alt, hat eine lange Fluchtgeschichte hinter sich. Sein Studium der Wirtschaftswissenschaften in Damaskus musste er aufgrund der immer instabileren politischen Situation im Land abbrechen. Er engagierte sich in verschiedenen Hilfsprojekten für kriegsgeschädigte Kinder. Im Jahr 2014 trat er die Flucht an. Über den Libanon, die Türkei und Griechenland gelangte er schließlich nach Deutschland.

Kenan Khadaj bei seiner Lesung. Foto: gezett.de
Kenan Khadaj bei seiner Lesung. Foto: gezett.de

Galal Alahmadis Gedichte handelten nicht von der traumatisieren syrischen Bevölkerung oder vom Trauma des In-der-Fremde-Seins, der körperlichen Sehnsucht nach einem liebevollen Gegenüber. Seine Gedichte bilden universale Paradoxien des menschlichen Daseins in verdichteten Miniaturen ab. Themen wie Erinnerung an das eigene Selbst vor zehn Jahren („Auf dem Markt für alte Bücher“) oder das Warten auf einen Menschen am Bahnhof, bei dem einem alle möglichen schmerzlichen Dinge, die assoziativ mit der Angst, den Menschen, auf den man wartet, vielleicht nie anzutreffen, durch den Kopf schießen:

„Ich war hier schon einmal, glaube ich,

in einem anderen Leben

vielleicht

als Regentropfen

oder als Zug.“

Der erst 29-jährige Galal Alahmadi hat ein großartiges Gespür für ungewöhnliche und dennoch stimmige Bilder und wird hoffentlich als Lyriker in Deutschland noch viel Beachtung finden.

Der Auftritt von Aref Hamza stellte, wie es schien, zumindest für die anwesenden arabischsprechenden Zuhörer*innen den Höhepunkt des Abends dar. Sein Abgang von der Bühne wurde mit zahlreichen Bravo!-Rufen quittiert. Der Syrer, als Einziger in der Runde über 40, hat noch in Friedenszeiten Rechtswissenschaften an der Universität in Aleppo studiert und schon zahlreiche Gedichtbände in arabischer Sprache veröffentlicht. Viele davon wurden übersetzt, unter anderem ins Spanische, Französische, Englische und Deutsche. Er erhielt in seiner Heimat zahlreiche Auszeichnungen, so den renommierten Mohammed Al Maghout-Preis für Poesie. Dass in seinen Gedichten nicht beschönigend um die Erfahrungen innerhalb seines Landes herumgeredet wird, machen schon die Titel seiner bislang erschienenen Bände deutlich: Das Leben aus Sicht eines Scharfschützen oder Amputierte Füße sprechen eine deutliche Sprache. Er wünscht sich einen würdevollen Umgang mit den Neuankömmlingen in der neuen Heimat, wünscht und möchte nicht als Almosenempfänger degradiert werden so formuliert er es in der Gedichtsammlung Ich möchte nicht gerettet werden. In seinem im Haus für Poesie vorgetragenen Langgedicht „Wie der Tropf an ihrer Hand“ spricht er aus der Ich-Perspektive über seine Erfahrungen mit Flucht, Gewalt und dem Ankommen in der neuen Heimat. Seine Sprache ist dabei bedingungslos poetisch, die Bilder sentenzenhaft-knapp und von großer Kraft: „Ich werde nicht in mein Land zurückkehren als syrischer Staatsbürger / sollte der Krieg aufhören / Auch nicht als Kurde oder Araber / Ich werde als Flüchtling zurückkehren.“

In ironischen, doch von tiefer Humanität getragenen Vergleichen amüsiert er sich über die Selbstbezüglichkeit mancher Deutscher, die er kennengelernt hat: „Ich bin einsam. Ich habe kein Land mehr. Meine Nachbarin ist einsam geworden. Sie hat keinen Hund mehr.“

Zwischen den Lesungen führte Claudia Kramatschek mit den Autor*innen behutsame Gespräche über das Ankommen in Deutschland, über das Fremd-Sein und den Rückblick auf das eigene Land, über die jeweiligen literarischen Ziele und die Muttersprache als abstrakte Heimat.

Abschließend betonte Thomas Wohlfarth, der Leiter des Hauses für Poesie, seine Hoffnung, dass es nicht bei dieser einen Lesung bleiben würde. Auch das „Versschmuggel“-Projekt, in das mehrere der Autor*innen eingebunden waren, soll fortgesetzt werden. Der „Versschmuggel“ ist ein vom Haus für Poesie initiiertes Projekt, bei dem sich Schriftsteller*innen gegenseitig mit Hilfe von Dolmetscher*innen übersetzen. Dabei muss man die Sprache des Anderen noch nicht unbedingt beherrschen. Die Autor*innen treffen sich gemeinsam mit einem*r Dolmetscher*in und versuchen, im Gespräch miteinander, Wort für Wort zu verstehen, was das Gegenüber genau zum Ausdruck bringen wollte. So habe auch ich Gedichte von Galal Alahmadi mit seiner Hilfe und der eines Dolmetschers ins Deutsche übertragen und dabei erfahren, dass es für das Wort „Himmel“ im Arabischen sieben verschiedene Worte gibt. Anlass für die von Thomas Wohlfarth zum Ausdruck gebrachte Hoffnung, dass es weitergehen wird, ist auch die Veröffentlichung der Anthologie Weg sein – hier sein. Texte aus Deutschland (2016, Secession Verlag) im letzten Herbst. Die Anthologie versammelt 19 Texte von geflohenen Schriftsteller*innen und ist als Hardcover, mit Fotos von allen Autor*innen sehr hochwertig gestaltet. Eine unbedingte Leseempfehlung!

beitrag3_weg_sein_anthologie_buchWeg sein – hier sein. Eine Anthologie mit Texten aus Deutschland, von: Rasha Abbas, Ayham Majid Agha, Pegah Ahmadi, Galal Al Alahmadi, Ramy Al-Asheq, Assaf, Alassaf, Mohammad Al Attar, Lina Atfah, Daher Ayta, Khwala M Dunia, Aref Hamza, Yamen Hussein, Noor Kanj, Kenan Khadaj, Amer Matar, Widad Nabi, Nihad Siris, Raed Wahesh, Rosa Yassin Hassan, erschienen am  19. Oktober 2016 im Secession Verlag. Mit einem Vorwort von Sherko Fatah und 19 Porträtfotos von Mathias Bothor.

Übersetzung des Gedichts aus dem Arabischen: Suleman Taufiq

Mehr Informationen zur Veranstaltung im Berliner Haus für Poesie gibt es hier.