“So schaffen wir das”

Das Buch So schaffen wir das – eine Zivilgesellschaft im Aufbruch versammelt 90 Projekte die zeigen, wie gelebte Einwanderungsgesellschaft aussehen kann.

von Theresa Schmidt

Buchcover_WSchiffbauer_1-1

Im Sommer 2015 hat Bundeskanzlerin Angela Merkel zum ersten Mal ihren berühmten Satz „Wir schaffen das“ gesagt, der seitdem zu einem vielzitierten Mantra in der deutschen Einwanderungs- und Asylpolitikpolitik geworden ist, aber von Beginn an auch in Frage gestellt wurde.

Jetzt ist im transcript Verlag ein Buch erschienen, das zeigt, wie diese Ansage tatsächlich umgesetzt werden und gelebte Einwanderungsgesellschaft aussehen kann: So schaffen wir das – eine Zivilgesellschaft im Aufbruch schafft ein Bewusstsein für all jene Personen, Projekte und Initiativen, die eine solche Gesellschaft des solidarischen Miteinanders und der Teilhabe bereits aktiv gestalten. Es werden Projekte vorgestellt, die sich mit Mut und starkem zivilgesellschaftlichem Engagement aktiv für eine offene Gesellschaft und gegen Abschottung, Angst und Ausgrenzung einsetzen.

Deutschlandweit sind in den letzten beiden Jahren rund 15.000 Initiativen entstanden, die sich mit den Herausforderungen und Potenzialen der Einwanderung kreativ auseinandersetzen. So schaffen wir das, herausgegeben von Werner Schiffauer, Anne Eilert und Marlene Rudloff, stellt beispielhaft 90 von ihnen vor. Es zeigt nicht nur die Kraft der gegenwärtigen Zivilgesellschaft in Bezug auf die Herausforderungen komplexer Problemlagen, sondern auch die Chancen, die gelebte Einwanderungsgesellschaft bedeutet.

Im Interview mit dem Verlag stellt der Kulturwissenschaftler Werner Schiffauer das Buch und die neu gewonnenen Perspektiven vor:

transcript: Warum ein Buch zu diesem Thema?
Werner Schiffauer: Die gegenwärtige Flüchtlingspolitik ist nicht nachhaltig. Sie verschließt die Augen davor, dass es zu einer Wiederholung der Ereignisse des Sommers von 2015 kommen kann. Die Bürgerbewegung, die sich im Umgang mit den Herausforderungen entwickelt hat, hat gezeigt: Wir brauchen keine Angst vor dieser Entwicklung zu haben. In ca. 15.000 Projekten wurde ganz praktisch gezeigt, wie man es schaffen und darüber eine bessere Gesellschaft für alle bauen kann.

Welche Bedeutung kommt dem Thema in aktuellen gesellschaftlichen Debatten zu?
Zurzeit hat die sehr gut organisierte politische Rechte die Definitionshoheit auf dem Gebiet des Umgangs mit Flucht gewonnen und treibt die Politik vor sich her. Die Antwort auf Flucht lautet heute: Abschiebung, Abschottung und Entmutigung. Die Bürgerbewegung hat gangbare Alternativen dazu aufgezeigt. Damit sie sie wirkungsvoll vertreten kann, muss sie ein politisches Selbstbewusstsein entwickeln. Wir möchten dazu beitragen, indem wir aufzeigen, was alles geschafft wurde.

Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?
Bisher wurden die Initiativen vor allem als humanitäre Hilfeleistung verstanden. Wir arbeiten dagegen unter Bezug auf Hannah Arendt ihren politischen Kern heraus. Er besteht darin, dass sich hier das politische Gemeinwesen zunächst auf lokaler Ebene neu formiert. Die Bürger bejahen ihre Verantwortung für ihre Kommune, entwickeln neue Formen der Solidarität und Teilhabe und finden zu neuen Sensibilitäten gegenüber Hierarchien und Ausgrenzungen.

Welche besonderen Aspekte kann die wissenschaftliche Betrachtung in die öffentliche Diskussion einbringen?
Das Buch ist eine ethnologische Sondierung. Wir haben aus einer ersten Auswahl von 1000 Projekten 90 für eine nähere Analyse ausgewählt. Wir haben herausgearbeitet, welche spezifischen Herausforderungen sich in insgesamt 13 Handlungsbereichen – wie zum Beispiel Wohnen, Gesundheit, Rechtshilfe, Bildung – stellen und wie sie jeweils beantwortet wurden.
Eine derartige Analyse ist keine Aufnahme der Projektlandschaft insgesamt, lässt aber Aussagen darüber zu, was bei politischem Willen alles möglich wäre.

Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten diskutieren?
Mit Martin Schulz, um Perspektiven für eine Neuausrichtung der SPD zu erörtern.

Ihr Buch in einem Satz:
In der Auseinandersetzung mit der Flucht sind verkrustete zivilgesellschaftliche Strukturen in der Bundesrepublik aufgebrochen und ungeahnte Potenziale sichtbar geworden.

Auch WIR MACHEN DAS wird im Buch vorgestellt, darüber freuen wir uns sehr. Im Buch heißt es über das Aktionsbündnis:

“Lautsprecher für ein neues Wir: Frauen aus Kunst, Kultur, öffentlichem Leben und Wissenschaft setzen sich aktiv dafür ein, die vielfältigen Geschichten gelungenen Zusammenlebens von Neuankömmlingen und Alteingesessenen sichtbar zu machen. Sie entwerfen eigene Projekte, vernetzen und stärken die zivilgesellschaftlichen Akteur_innen in der Geflüchtetenarbeit.”

Grund genug, um einmal mehr festzustellen: Wir sind viele und WIR MACHEN DAS!

Die Publikation wurde gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration. Herausgeber*innen des Bandes sind Marlene Rudloff, Anne Eilert und Werner Schiffauer, der an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt Oder vergleichende Kultur- und Sozialanthropologie lehrt. Das Autoreninterview ist zuerst auf der Website des transcript Verlags erschienen.

Weitere Informationen und einen Link zur PDF-Version des Buches finden sich hier.