„Ich brauche meinen Vater mehr als je zuvor“

Seit gut drei Monaten bietet der Berliner Verein SolidariGee e.V. eine Sprechstunde für junge Erwachsene an, die als unbegleitete minderjährige Geflüchtete nach Deutschland gekommen sind. Mit der Volljährigkeit fallen für diese Menschen sämtliche Maßnahmen und Betreuungsangebote weg – mit drastischen Folgen.

von Caroline Kraft

Das Team von SolidariGee. Foto: Johannes Ibald
Das Team von SolidariGee. Foto: Johannes Ibald

Am Montagnachmittag ist viel los bei SolidariGee. In den hellen Räumen in Friedrichshain stehen Blumen am Fenster und Kaffee auf dem großen Tisch, auf dem Flipchart in der Ecke steht mit rotem Edding „Meine Stärken / Meine Schwächen“ geschrieben. Ein Jugendlicher verabschiedet sich, ein anderer steckt den Kopf durch die Tür. „Du bist ja immer noch hier“, lacht Maryam Kirchmann. „Solltest du nicht schon längst beim Fußballtraining sein?“ Maryam Kirchmann leitet die Einzelfallberatung bei SolidariGee, einem Verein, der sich um unbegleitete minderjährige Geflüchtete kümmert. Man merkt der ausgebildeten Erzieherin an, dass sie viele der Jugendlichen schon lange kennt und begleitet, die Stimmung ist herzlich und vertraut. Neben ihr sitzt Uwais. Der 17-jährige Syrer ist vor einem Jahr zu SolidariGee gekommen, über ein Sport- und Fitnessprojekt für geflüchtete Jugendliche, das der Verein ihm vermittelt hat. Mittlerweile geht es bei Uwais nicht mehr nur um die Unterstützung bei Freizeitaktivitäten. Es geht darum, ihm zu helfen, sich ein Leben in Deutschland aufzubauen. Er hat einen Vormund, lebt in einer betreuten Wohngemeinschaft am Kottbusser Tor in Kreuzberg und geht auf ein Gymnasium, wo er sowohl eine Willkommens- als auch eine Regelklasse besucht. Nach seinem Abschluss will er eine Ausbildung zum KFZ-Mechatroniker und seinen Meister machen, anschließend Maschinenbau studieren. „Mathe fällt mir leicht, da bin ich auch auf Deutsch gut. In Biologie schlafe ich manchmal fast ein, weil ich so lange für ein einzelnes Wort brauche“, lacht er. „In Syrien wäre das viel einfacher gewesen, da hätte ich Abitur gemacht und studiert. In Deutschland ist das für mich sehr kompliziert. In Damaskus wäre ich jetzt in der 12., hier bin ich in der 10. Klasse.“

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Die Jugendlichen nehmen die Hilfe dankbar an, Ziad und Uwais. Foto: Maritta Iseler

Durch den ständigen Dialog mit den Jugendlichen ist es SolidariGee möglich, bedarfsorientiert zu arbeiten und sich nach dem zu richten, was die Jugendlichen tatsächlich brauchen. Angefangen hat der gemeinnützige Verein vor knapp zwei Jahren mit Sport- und Freizeitangeboten für geflüchtete Minderjährige. Mittlerweile hat sich sein Angebot vor allem in Richtung Bildung ausgeweitet – für die Jugendlichen, die schon länger hier sind und für die es gilt, eine langfristige Perspektive zu schaffen. Es gibt Nachhilfeunterricht, Deutschkurse, Berufsberatung und Bewerbungstraining, außerdem kulturelle Angebote wie zum Beispiel das Projekt „Heimatkino“. Im Januar diesen Jahres hat SolidariGee die Sprechstunde „Jugendhilfe – und dann?“ ins Leben gerufen. Die Sprechstunde richtet sich an junge Erwachsene wie Uwais, die bald die Volljährigkeit erreichen. „Was passiert, wenn unsere Jugendlichen 18 werden, ist dramatisch. Dann brechen alle Maßnahmen auf einmal weg, das ist ein Riesenproblem. Sie sind zwar volljährig, können aber auf keine Familie, kein soziales Netz zurückgreifen“, erklärt Maryam Kirchmann. Die Betreuungs- und Jugendhilfemaßnahmen erfolgen für unbegleitete minderjährige Geflüchtete durch das Jugendamt, etwa die Vermittlung von Vormundschaften und die Unterbringung in stationären Jugendeinrichtungen oder betreuten WGs. Während das Betreuungsangebot für Minderjährige relativ strukturiert und engmaschig aufgebaut ist, endet die Unterstützung mit Erreichen der Volljährigkeit. Maryam Kirchmann begleitet seit Anfang des Jahres circa 20 junge Erwachsene, die ansonsten auf sich alleine gestellt wären. „Wir übernehmen die Aufgaben, die vorher die Sozialarbeiter gemacht haben: Wir beraten zum Thema Schule, Abschlüsse und Ausbildung, helfen bei den Anhörungsvorbereitungen zum Asylverfahren oder bei der Wohnungssuche – denn aus den Jugendeinrichtungen oder WGs müssen sie auch ausziehen, sobald sie volljährig geworden sind.“

Wenn Uwais von seiner Familie in Damaskus spricht, wird seine Stimme leise. Er ist alleine nach Deutschland gekommen, um nicht in die Armee eingezogen zu werden. „Da kommt einfach ein Bus und nimmt alle 16- bis 30-jährigen Männer mit. Man weiß nicht, wohin man kommt oder was danach passiert“, erzählt er. Für seine Flucht hat sein Vater sich Geld geliehen. Uwais möchte Familiennachzug beantragen, aber auch das wird schwierig, sobald er 18 wird. Er versteht die Logik hinter diesen Gesetzen nicht. „Ja, ich bin jetzt kein Kind mehr, ich bin ein Mann, ich muss eigene Entscheidungen treffen. Aber das muss ich lernen, das weiß ich nicht von heute auf morgen. Ich habe das Gefühl, dass ich meinen Vater heute mehr brauche als je zuvor“, sagt er und blickt auf den Tisch vor sich.

 Lilia Becker und Maryam Kirchmann im Gespräch. In der Mitte Uwais. Foto: Maritta Iseler
Ziad, Lilia Becker, Uwais und Maryam Kirchmann im Gespräch. Foto: Maritta Iseler

Auch für Maryam Kirchmann geht diese Praxis an den Realitäten vorbei. Bei ihrer Arbeit erlebt sie tagtäglich, dass sich mit dem Ende der Jugendhilfe eine Lücke auftut, die von offizieller Seite nicht geschlossen werden kann. Für die jungen Leute geht damit eine Zäsur einher. Sie müssen ihre gewohnte Umgebung verlassen, sich alleine um Schule und Ausbildung kümmern und sind mit großen finanziellen Unsicherheiten konfrontiert. Das bedeutet eine immense psychische Belastung, außerdem spielen oftmals auch noch vorangegangene Traumata eine Rolle.

Genau da setzt die Betreuung von SolidariGee an. „Wir sind sehr froh, dass wir es geschafft haben, die Einzelfallberatung auf die Beine zu stellen. Unser Ziel ist es, unsere Jungs in ihrer Identitätsfindung und auf ihrem Berufsweg zu unterstützen, um den Weg in eine positive Zukunft in Deutschland aufzuzeigen“, sagt Maryam Kirchmann, während sie Uwais ermutigend zulächelt. Das ist, auch mit viel Unterstützung, ein langer und schwieriger Weg für die jungen Erwachsenen – doch hier in Friedrichshain hat man das Gefühl, dass SolidariGee das tatsächlich schaffen kann.

SolidariGee e.V. ist ein gemeinnütziger Verein, der spendenfinanziert auf ehrenamtlicher Basis arbeitet. Die Einzelfallberatung für junge Erwachsene gibt es seit Januar 2017. Diese braucht weiterhin finanzielle Unterstützung. An SolidariGee spenden kann man auf der Website oder auf folgendes Konto:

Kontoinhaber: SolidariGee e.V.
IBAN: DE23830654080004922867
BIC: GENODEF1SLR