Sprache und Integration gehören zusammen

Deutsch lernen und lehren kann man nicht nur in der Schule. Meistens klappt es bei einer Tasse Kaffee sogar besser. Das Sprachcafé in Basel zeigt, wie modernes Deutschlernen und Integration über Sprache möglich ist.

von Sônia Kewan

Kleidertausch im Basler Sprachcafe. Foto: Ivana Krešić
Kleidertausch im Basler Sprachcafe. Foto: Ivana Krešić

Freitagabend in Basel. Unweit der deutschen Grenze, nur ein paar Schritte vom Basler Rhein entfernt, treffen sich junge Leute in einem Café. Bei den sommerlichen Temperaturen sind die Stühle in den letzten Sonnenstrahlen begehrt. Doch schon bald werden die Plätze wieder gewechselt. Zu viele interessante Leute, die man kennenlernen möchte.

Die Ahnungslosen unter den Cafégästen schauen neugierig zu den reservierten Tischen hinüber und versuchen den Namen auf den Reservierungsschildern zu entziffern. „Sprachcafé“ steht dort geschrieben. Einige fragen gleich interessiert nach: „Was ist das Sprachcafé? Was macht ihr hier heute Abend?“ Über solche Reaktionen freut sich Anita Ruggiero, die Präsidentin des Sprachcafés, sehr. Im Sprachcafé geht es um Integration, um Begegnungen und um Sprache. „Integration kann nur durch Sprache stattfinden und Sprache kann nur durch Integration gelernt werden“, da ist sich die 23-Jährige Vereinspräsidentin sicher. Aus dieser Motivation hat sie zusammen mit einer Freundin das Sprachcafé vor etwas mehr als einem Jahr gegründet. Die jungen Leute, die sich heute Abend getroffen haben, sind Einheimische, Geflüchtete, Austauschstudent*innen und Expats. Sie alle wollen Deutsch lehren oder lernen. Nicht mit trockenen Schulbüchern und haarsträubenden Grammatikaufgaben – zumindest heute Abend nicht. Sondern mit Menschen, die neu in der Stadt sind, die eine ähnliche Geschichte haben wie sie, die Anknüpfungspunkte und bereichernde Gespräche suchen. Das Prinzip des Sprachcafés ist so simpel, wie erfolgreich: Aktuell zählt der Verein 18 deutschsprachige Aktivmitglieder, die bei den wöchentlichen Treffen dabei sind. Sie beantworten Deutschlernenden Fragen und diskutieren mit ihnen über Alltägliches, Politik und das Leben in der Schweiz. Die gemeinsame Sprache soll bei den Treffen das Bindeglied zwischen den verschiedenen Nationen und Kulturen in Basel sein. Die einzige Bedingung ist: Jede*r soll sein Bestes geben. Ob Muttersprachler*in oder Neuankömmling.

„Das Sprachcafé war anfangs vor allem eine Antwort auf die Migrationspolitik in Europa und die politischen Entwicklungen in der Schweiz. Deshalb sprachen wir in erster Linie geflüchtete Männer und Frauen an. Mittlerweile zählen wir aber auch Austauschstudent*innen und Expats zu unseren regelmässigen Gästen. Diese Durchmischung schätzen wir sehr“, erklärt Ruggiero die Entwicklung des Sprachcafés. Der größte Teil der Sprachcafébesucher*innen machen jedoch nach wie vor junge Männer aus Syrien, Eritrea und Afghanistan aus. Dieses Verhältnis ist sehr repräsentativ für die Schweiz. Um geflüchtete Frauen und Kinder anzusprechen, müsse man hartnäckiger sein. Kommen trotzdem einmal Frauen vorbei, freuen sich die beiden Gründerinnen umso mehr über den Austausch mit ihnen. Der große Anteil an männlichen Teilnehmern sorge gelegentlich für kritische Fragen von Aussenstehenden, erzählt Ruggiero mit einem Schmunzeln. Probleme unter den Deutschlernenden oder unangenehme Situationen hat das überwiegend weibliche Sprachcafé-Team bis heute keine erlebt. „Uns geht es darum eine offene Willkommenskultur zu leben. Gegenseitiger Respekt und Akzeptanz gehören hier im Sprachcafé genauso dazu wie das gemeinsame Kaffeetrinken.“ Für diese Haltung und ihr ehrenamtliches Engagement bekommen die Mitglieder der Initiative viel Bewunderung und Unterstützung von Freund*innen wie auch von öffentlicher Seite. 2016, noch in ihrem Gründungsjahr, wurde die Initiative sogar mit dem zweiten Platz des Schweizer „Young Caritas Award“ ausgezeichnet. Diese Reaktionen zeigen, wie wichtig Initiativen wie das Sprachcafé für eine Stadt sind. „(Sprach-)grenzen abbauen, Integration und Austausch fördern – das beginnt schon im Kleinen. Aus dieser Überzeugung ist unser Projekt erst entstanden“, sagt Ruggiero entschlossen.

Foto: Ivana Krešić
Foto: Ivana Krešić

Auch in Zukunft soll das Sprachcafé florieren. Neben den verschiedenen kulturellen Anlässen, die das Sprachcafé mit seinen Teilnehmer*innen regelmässig bietet, organisieren die aktiven Mitglieder selbst kleinere Events. Kürzlich veranstalteten sie in der Basler Markthalle einen Kleidertausch und zurzeit ist ein Sommerfest in Planung. „Längerfristig würden wir uns natürlich freuen, wenn das Konzept des Sprachcafés auch in anderen Städten umgesetzt werden könnte.“ Eine realistische Vorstellung: Denn das Interesse auf Seite der Einheimischen wie auch der Neuankömmlinge ist groß.

Das Sprachcafé Basel ist ein gemeinnütziger Verein, der spendenfinanziert auf ehrenamtlicher Basis arbeitet. Die Deutsche Sprache soll kein Hindernis für Geflüchtete in der Schweiz sein, sondern Mittel zur Integration. Seit April 2016 organisiert die Initiative wöchentliche Treffen. Damit das auch weiterhin passieren kann, sind sie für jede finanzielle Unterstützung dankbar.

Postfinance Konto Sprachcafé Basel:
CH13 0900 0000 6106 0627 9
Kontonummer: 61-60627-9

Auch in vielen deutschen Städten gibt es vergleichbare Projekte, zum Beispiel in BerlinBochumErfurt und Mainz – aber sicher auch in eurer Nähe!