SYRIA ON THE MOVE

Social Visions e. V. organisiert Fotoworkshops mit jungen geflüchteten Syrern. Morad Deeb erzählt von seinen Erfahrungen.

von Morad Deeb

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Morad Deeb gehörte zu den 10 Teilnehmern des ersten Workshops, der im Dezember 2015 in Potsdam stattfand. Foto: Anja Pietsch

Mein Name ist Morad Deeb. Ich bin 24 Jahre alt und komme aus Syrien. Geboren und aufgewachsen bin ich in der Stadt Homs. Dort studierte ich Ingenieurswesen, war im dritten Studienjahr, als ich die Universität verlassen musste, weil ich mich in der Opposition gegen das Regime engagierte. Ich gehörte einer kleinen Gruppe von oppositionellen Studenten an. Wir dokumentierten eigentlich alles, was in Homs vor sich ging: die Demonstrationen, die Belagerung der Stadt, die willkürlichen Angriffe der syrischen Armee, die Zerstörung sowie den Hunger und die Verzweiflung der Bevölkerung.

Ich war verantwortlich für die Aufbereitung und Verbreitung des Bildmaterials. Täglich sendete ich Bilder und Texte durch die Sozialen Netzwerke in die Welt. Fotografie wurde für mich das einzig zur Verfügung stehende Kommunikationsmittel, der Kontakt nach draußen, eine Möglichkeit der Welt zu erzählen, was in Homs wirklich vor sich ging. Ein großer Teil der Stadt wurde von der syrischen Armee belagert und die Bevölkerung ausgehungert. Wir dokumentierten einfach alles. Ein verzweifelter Versuch die Welt wachzurütteln, die ihre Augen vor dem Geschehen verschlossen hatte.

Als die Kämpfe an Intensität zunahmen und die Lage immer aussichtsloser wurde, griffen die meisten meiner Studienfreunde zur Waffe und auch ich musste mich entscheiden: entweder kämpfen oder gehen. Ich ging nach Damaskus. Dort schloss ich mich einer kleinen oppositionellen Studentengruppe an. Wir flogen auf, man hatte uns überwacht und alle Aktivitäten ausspioniert. Ich kam in das berüchtigte Gefängnis „215“. Ein Gefängnis der Geheimpolizei, man verdächtigte mich an der Seite der Rebellen gekämpft zu haben. Ich wurde verhört und gefoltert. Einige meiner Freunde sind immer noch im Gefängnis, viele sind umgekommen. Durch persönliche Kontakte meiner Familie, kam ich schließlich frei. Doch ich wurde weiterhin überwacht und regelmäßig von der Geheimpolizei zu Verhören vorgeladen. Ich verließ kurz darauf Syrien und ging in die Türkei. Dort versuchte ich Fuß zu fassen und suchte mir eine Arbeit. Ich arbeitete als Freiwilliger in den Flüchtlingslagern, in denen die syrischen Flüchtlinge zu Tausenden untergebracht wurden und die täglich größer wurden. Allerdings hatte ich in der Türkei keine Aussicht mein Studium zu beenden, auch die Chancen auf einen besser bezahlten Job waren gering. Da mein Bruder schon in Deutschland lebte, entschloss ich mich auch nach Deutschland zu gehen und mir hier ein neues Leben aufzubauen.

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“Ich habe Syrien allein verlassen. Die Reise dauerte 15 Tage. Mit diesem Boot bin ich mit 40 anderen Personen von der Türkei nach Griechenland gekommen.” Foto: Ibrahim Abdulwahed (17 Jahre) aus Damaskus
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“Das Bild zeigt meinen Bruder und mich. Meine Eltern und meine drei Schwestern sind noch in Damaskus.” Foto: Ibrahim Abdulwahed (17 Jahre)

Seitdem wohne ich in Potsdam. Anfangs hatte ich viel Freizeit und ich wollte etwas Interessantes machen. Im Internet sah ich den Aufruf zum Fotoworkshop von SYRIA ON THE MOVE und ich registrierte mich sofort. Ich wollte mehr über Fotografie erfahren, meine Kenntnisse erweitern und vor allem wollte ich Fotografie für etwas anderes nutzen, als nur Leid und Zerstörung zu dokumentieren.

Am Workshop hat mir das Arbeiten im Team am besten gefallen. Wir haben gemeinsam Ideen entwickelt und uns die Fotos der Teilnehmer gemeinsam angesehen. Die Bilder der anderen zu sehen und darüber zu sprechen, was sie bewegt und warum sie diese Bilder gemacht haben, hat uns einander näher gebracht.

Im Workshop habe ich auch gelernt wie man eigene Projekte inhaltlich konzipiert und umsetzt. Also alles was ich vorher eher intuitiv gemacht habe, das mache ich jetzt bewusster. Ich schaue auch kritischer auf meine Bilder. Mein Ziel ist es, Bilder zu machen, die mehr sind als eine bloße Dokumentation. Ich möchte Geschichten erzählen, die über den Moment hinausgehen. Das ist eine Herausforderung und nicht immer einfach. Was ist meine Geschichte? Wo komme ich her? Wo will ich hin?  Ich schaue eigentlich nicht so sehr auf die technischen Aspekte. Manchmal mache ich Fehler, aber das ist mir egal.

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„Dieses Sofa bei einem Freund in Potsdam wurde in Syrien produziert und nach Deutschland exportiert. Das collageartige Deckblatt zeigt den Umriss Syriens.“ Foto: Morad Deep (24 Jahre) aus Homs
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“Ich mag Deutschland, aber ich bin oft allein. Meine Familie ist noch in Syrien.” Foto: Hassan Ghazal (23 Jahre) aus Damaskus

In Syrien habe ich den Krieg dokumentiert. Alles drehte sich nur um dieses eine Thema. Und jetzt: In Potsdam wusste ich nicht, was ich fotografieren sollte. Einkaufspassagen? Schön verputzte Häuser ohne Einschusslöcher? Wir haben uns oft darüber unterhalten, wie ich meine Situation besser beschreiben kann. Das war eine gute Möglichkeit meine eigene Situation, mein neues Leben in der Fremde besser zu verstehen. Und auch das Lebensgefühl der anderen Syrer. Ich glaube, dass jeder seine eigene Geschichte hat und jeder seine eigene Geschichte erzählen muss. Ich habe angefangen, viel über unsere Gemeinsamkeiten und unsere Geschichten nachzudenken. Jetzt nehme ich Syrer anders wahr.

Ich möchte auch eine Geschichte über Flucht erzählen, eine Geschichte, die beschreibt, warum Menschen ihre Heimat und ihre Kultur verlassen müssen. Warum sind wir geflohen? Warum lassen wir alles zurück? Ich hoffe, dass ich auch eine Geschichte der Syrer erzählen kann. Wir haben alle unterschiedliche Erfahrungen gemacht, kommen aus verschiedenen Familien und Regionen und haben unterschiedliche Geschichten. Einige haben zum Beispiel alles verloren. Doch im Grunde teilen wir alle das gleiche Schicksal.

Für mich ist Fotografie wie eine Waffe. Ich bin überzeugt, dass das Bild etwas verändern kann. Ich glaube immer noch an die Kraft des Bildes, aber ich habe meinen Glauben an die Welt verloren. Was nutzt ein Bild, wenn sich niemand darum kümmert, was darauf zu sehen ist? Für mich hat das Bild alles bedeutet und es dauerte eine Weile bis ich verstanden habe, dass es kaum jemanden wirklich betroffen macht. Aber ich mache weiter, ich glaube immer noch daran, dass ich etwas ändern kann. Schritt für Schritt.

Transkription: Anja Pietsch

Redaktionelle Betreuung: Maritta Iseler

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“In Homs habe ich Demonstrationen und Zerstörung fotografiert. Deshalb war ich zwei Jahre im Gefängnis. Hier in Deutschland erinnern mich die Keller an die syrischen Gefängnisse.” Foto: Jalal Mando (25 Jahre) aus Homs
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“Beim Fotografieren bin ich auf der Suche nach Motiven, die Hoffnung und Schönheit ausdrücken. Ich wollte eine Geschichte über die Hoffnung erzählen.” Foto: Jalal Mando (25 Jahre) aus Homs

 

SYRIA ON THE MOVE ist ein Fotografieprojekt für geflüchtete Jugendliche im Exil – es gibt ihnen eine Stimme und lädt sie dazu ein, ihre Geschichten und Erfahrungen durch Bilder zu erzählen. In Workshops können sich Jugendliche aus Syrien kreativ und kritisch mit ihrer Umwelt auseinandersetzen. Sie stellen Fragen nach Identität, Heimat und der Zukunft. Die Bilder ermöglichen es, die Welt mit den Augen der jugendlichen Fotografen wahrzunehmen.

Die Ergebnisse des ersten Workshops von SYRIA ON THE MOVE werden auf der interaktiven Webseite und ab 31. Mai 2016 auf einer Ausstellung in der Wissensetage im Potsdamer Bildungsforum zu sehen sein. SYRIA ON THE MOVE ist ein Projekt von SocialVisions.