Tatort Sendeanstalt

„Singen, tanzen und trommeln – das dürfen wir!“ – dieser zynische Ausspruch der Schauspielerin Thelma Buabeng dürfte vielen Besucher*innen der Podiumsdiskussion „Tatort Einwanderungsgesellschaft. Die Verantwortung des Fernsehens“ in Erinnerung geblieben sein. Wie kann Fernsehen gesellschaftliche Vielfalt jenseits von Klischees sichtbar machen? Ein Bericht über die Abendveranstaltung zum Abschluss der Konferenz Face it! am 19. Juni 2017.

von Miriam Smidt

Pegah Ferydoni, Wolfgang Bergmann, Claudia Wick, Friedemann Fromm, Ines Kappert, Anja Dihrberg, Thelma Buabeng, Hatice Akyün, Foto: Michaela Richter
Pegah Ferydoni, Wolfgang Bergmann, Claudia Wick, Friedemann Fromm, Ines Kappert, Anja Dihrberg, Thelma Buabeng, Hatice Akyün, Foto: Michaela Richter

Ein großes und vielseitiges Podium rund um WIR MACHEN DAS-Moderatorin Ines Kappert saß da am 19. Juni 2017 auf der Bühne des Hauses der Kulturen der Welt, und lieferte ganz unterschiedliche Innenperspektiven aus dem Kosmos Film und Fernsehen. Anja Dihrberg, Mitbegründerin des Bundesverbandes Casting, benannte gleich zu Beginn des Abends eines der zentralen Probleme der Medien im Kontext Einwanderungsgesellschaft: „Die Besetzung nicht-weißer Schauspieler*innen muss stets ewig diskutiert und erörtert werden.“ Das führe dazu, dass sie faktisch am Arbeiten gehindert würden. Eine Erfahrung, die die Schauspielerinnen Pegah Ferydoni und Thelma Buabeng mit einigen der Stimmen aus dem Publikum teilten. Lediglich im Tanztheater würden Frauen und Männer of colour ganz selbstverständlich besetzt, denn – so enttarnte Thelma Buabeng treffend den sich dahinter verbergenden Rassismus – „singen, tanzen und trommeln – das dürfen wir!“ Sie berichtete von Erfahrungen unverhohlener Stigmatisierung am Filmset, wenn etwa Regieanweisungen kämen wie: „Du kommst jetzt in den Raum – du staunst über den Fernseher, du staunst über den Kühlschrank und die Mikrowelle (…). Weil du aus Afrika kommst!“

Die Autorin Hatice Akyün erzählte, wie der Protagonistin aus ihrem Roman Einmal Hans mit scharfer Soße für die Verfilmung wiederholt ein gewalttätiger Vater oder „wenigstens ein Kopftuch“ angedichtet werden sollte, von dem (einen oder anderen) sich die Protagonistin dann im Laufe des Filmes befreien sollte. Ihre Geschichte, die Geschichte einer über dreißigjährigen Frau mit türkischem Migrationshintergrund, die in der Großstadt einen Partner sucht, biete eben nicht „genügend Konflikt“. „Aber mich gibt es doch – das ist doch meine Geschichte!“, benennt sie das Dilemma, als Subjekt nicht wahrgenommen zu werden. Pegah Ferydoni konnte hier mit eigenen Erfahrungen anknüpfen und formulierte einen Wunsch nach „mehr normativen Geschichten“ jenseits von Klischees um kulturelles und/oder religiöses Drama. Sie wünscht sich Rollen in denen eben nicht im Vordergrund schablonenhafte Migrationsgeschichten in immergleichen Milieus abgehandelt werden. „Wieso kann ich nicht mit meinem Mann sonntags beim Frühstücksei sitzen und Schubert hören? Wir denken doch nicht beim Aufstehen schon über unser Migrantendasein nach!“

Eine Diagnose für das krankende öffentlich-rechtliche Fernsehen war in der Runde nach kurzer Zeit gestellt: zu wenig sichtbare Einwanderungsgesellschaft im öffentlich rechtlichen Fernsehen. Zu wenig Migrant*innen in Rollen jenseits von „Kopftuchmädchen“ und Terrorist*innen. Moderator*innen mit Migrationshintergrund finden wir allenfalls im Frühstücksfernsehen, nicht jedoch in den Abendnachrichten. Stattdessen immer wieder klischeehafte Narrative, die sich selbst reproduzieren. Die Einwanderungsgesellschaft, die wir alle, mit und ohne Migrationshintergrund, täglich erleben, findet im Fernsehen nicht statt. Regisseur und Autor Friedemann Fromm stellte treffend fest: „Wir verarmen unserer Geschichten, indem wir die Vielfalt unserer Gesellschaft nicht wahrnehmen.“

Der Grund dafür liege in den Redaktionen, dort  werde den Zuschauer*innen öffentlich-rechtlichen Fernsehens „nichts zugetraut“, so der Geschäftsführer von arte Deutschland, Wolfgang Bergmann. „Der Zuschauer will das nicht sehen“ und „dem Zuschauer kann man das nicht zumuten“ sind hier laut Claudia Wick scheinbar ebenso fest zementierte Vorurteile, die gesellschaftliche Realität verkennen, wie die Klischees von Muslima als Opfer und Muslimen als Täter. Die Angst vor der Quote wird dabei umso mehr zur selbsterfüllenden Prophezeiung und Abwärtsspirale.

Was jedoch bedeutet all dies für das Leben diesseits der Mattscheibe? Wenn Schauspieler*innen mit Migrationshintergrund eben nur Geschichten um Flucht oder Verfolgung, um Ehrenmord oder Terrorismus spielen dürfen, zeigt das in scherenschnittartiger Klarheit, dass whiteness und Normalität in den Köpfen untrennbar verknüpft sind! Wenn Zuschauer*innen, Redakteur*innen, Produzent*innen keine „normalen“ Migrant*innen, die am Samstagmorgen Schubert hören, während sie ihr Frühstücksei essen, und deren „normale“ Konflikte im Fernsehen sehen mögen; wenn sie muslimische Migrantinnen nur als Opfer sehen wollen und Männer mit Migrationshintergrund nur als Täter, dann sagt das viel darüber aus, wo sie diese Menschen auch in der Realität sehen (wollen) oder eben nicht. Aber ist das Publikum überhaupt so verschlossen wie es angenommen oder vorgegeben wird? Thelma Buabeng wies an dieser Stelle auf ihre jüngste Rolle als Staatsanwältin hin: „Bei mir sind keine Beschwerden von einem verwirrten oder verärgerten Fernsehpublikum eingegangen!“ Aber auch wenn es die Vorbehalte gäbe – indem sie  sich danach richten, verpassen öffentlich-rechtliche Sender ihren Bildungs- und Antidiskriminierungsauftrag und machen sich zu Komplizen. Sie zementieren gesellschaftliches Unrecht, indem sie es auf den Bildschirm bringen, es wiederholen, bestätigen und entschuldigen. Und ganz alltagspraktisch: indem sie den Aufstieg und ökonomischen Wohlstand von Kulturschaffenden of colour verhindern, weil sie sie in der Ausübung ihrer Arbeit hindern und damit unsichtbar machen. Denn es geht dabei wie so oft auch um die Verteilung von Ressourcen. Um Budgets, Arbeitsplätze und Gagen. Das ist struktureller Rassismus, auch wenn sich Friedemann Fromm sicher war, bei seiner Arbeit mit den Sendern „keine Rassist*innen getroffen“ zu haben. „Aber“, stellte Thelma Buabeng treffend klar, „man muss nicht Rassist sein, um rassistisch zu handeln!“

Auch wenn an diesem Abend im Haus der Kulturen der Welt eine spannende Diskussion entbrannt ist, war es offensichtlich recht schwierig der, in der Einladung zur Konferenz formulierten, Aufforderung zu folgen „nach vorne zu denken“, Strategien und Lösungsansätze zu entwickeln, „um Veränderung auf den Weg zu bringen“.

Der Fokus lag zunächst leider auf den Fragen „Was läuft schief? Warum? Wer trägt die Schuld?“, und es tat sich eine Kluft auf, zwischen denjenigen Diskussionsteilnehmer*innen, die sich tagtäglich mit Diskriminierung und Marginalisierung auseinandersetzen (müssen), und jenen, die das nicht tun (wollen). Ein fehlendes Problembewusstsein Letzterer zeigte sich nicht zuletzt in der Unkenntnis des Begriffs POC (people of colour), der ironischerweise mehrfach mit „P.C.“ (political correct) verwechselt, wurde.

Wenn auch richtungsweisende Fragen, wie „Was (konkret) wollen wir tun? Was läuft schon in die richtige Richtung? Wie können wir das stärken?“ etwas kurz kamen, so zog Thelma Buabeng doch in aller Klarheit ein treffendes Fazit: „Weitermachen! Einfach machen! Wir können das den Zuschauer*innen zumuten!“

Also bitte mehr Frauen und Männer und „normative“ Geschichten mit Migrationshintergrund auf die Mattscheibe und zwar jetzt und – um noch einmal Anja Dirberg zu zitieren – „ohne, dass deren Migrationshintergrund in der Geschichte eine Rolle spielt, (…) ohne Erklärungsversuche – weil es selbstverständlich ist“ und „die Gesellschaft zeitgemäßer und authentischer abbildet“, denn Einwanderungsgesellschaft ist hier draußen überall Realität! Face it!

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Foto: Michaela Richter
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Foto: Michaela Richter
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Foto: Michaela Richter

Die Podiumsdiskussion fand am 19. Juni 2017 im Rahmen der WIR MACHEN DAS-Konferenz Face it! Einwanderungsgesellschaft. Jetzt. Aber richtig. im Berliner Haus der Kulturen der Welt statt.