Über das Ankommen

Der schottische Musiker Liam erinnert sich an seine erste Zeit in Deutschland. Er vergleicht seine Erfahrungen mit denen, die als Geflüchtete kamen und entdeckt dabei, was sie verbindet – und auch was sie unterscheidet.

von Liam Cairns

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Fariaha Hussen, Muna Hussen und Klaus Rodewald in der Inzenierung von Burkhard C. Kosminski , EIN BLICK VON DER BRÜCKE / MANNHEIM ARRIVAL.  Foto: Hans Jörg Michel

Vor nicht allzu langer Zeit lebte ich noch mit meiner deutschen Freundin in Schottland und wir bereiteten uns darauf vor, bald Eltern zu werden. Als meine Partnerin den Wunsch äußerte, näher bei ihrer Familie zu sein, kam mir das eigentlich ganz gelegen, denn ich hatte schon häufiger mit dem Gedanken gespielt ins Ausland zu gehen.

Zum Glück hatte ich die Unterstützung ihrer Verwandtschaft, denn die meiste Zeit meines Lebens, habe ich bis dahin in meinem Heimatland verbracht. Dieser großen Veränderung begegnete ich rückblickend mit sehr viel Vorfreude und noch mehr Ignoranz. Ich hatte keinen festen Job, kaum Sprachkenntnisse und kein soziales Umfeld. Meine gesicherte und stabile Position als professioneller Musiker aufzugeben und in einem anderen Land komplett neu anzufangen, stellte sich schnell als riesige Herausforderung heraus.

Benjamin-Franklin Camp Music Workshop. Foto: Markus Sprengler
Benjamin-Franklin Camp Music Workshop. Foto: Markus Sprengler

Zu meinem großen Glück wurde ich irgendwann dem professionellen Musiker Markus Sprengler vorgestellt. Von Beginn an, versuchte ich eifrig neue Kontakte zu knüpfen, aber letztlich gelang es mir erst über Markus, an professionelle Projekte heranzukommen. Den damaligen dramatischen Entwicklungen geschuldet, entwickelten sich aus diesen Projekten heraus immer häufiger Veranstaltungen, die sich für Migration sowie die Unterstützung  und Teilhabe von Geflüchteten einsetzten. Das erste große Konzert fand im Rahmen von „Mannheim sagt Ja“ im Januar 2015 statt. Für mich persönlich war es zwar total aufregend so kurz nach meiner eigenen Ankunft hier auf einer Bühne zu stehen, aber gleichzeitig war es mir auch ein großes Anliegen daran teilzuhaben. Denn bereits zu diesem Zeitpunkt schürten Falschinformationen und Hasskampagnen in den unterschiedlichen Medien, Vorurteile und Angst. Durch die Zusammenarbeit mit all den unterschiedlichen Menschen, verflog meine Unsicherheit, mich trotz meiner schlechten Sprachkenntnisse einem Publikum zu stellen, ganz schnell. Es war ganz einfach für mich, Anschluss zu finden. Die Freude und Leidenschaft, etwas zu tun, was Spaß macht, half uns allen die kulturellen und sprachlichen Barrieren hinter uns zu lassen.

Das Nationaltheater Mannheim engagierte sich schon damals sehr stark, um Geflüchtete zu unterstützen. Zahlreiche Projekte sollten neuankommende und alteingesessene Gemeinschaften zusammen bringen und ihnen die Möglichkeit bieten, ihre Geschichten zu teilen. Ich hatte das große Glück bei einem dieser Projekte der musikalischen Leitung assistieren zu dürfen. Das Projekt sollte die Inklusion von Geflüchteten aus dem mittleren Osten, Nord-Afrika und Ost-Europa erleichtern und die Möglichkeit bieten all die Geschichten zu erzählen, die viel zu selten gehört werden. Durch die Zusammenarbeit in diesem Projekt erlebte und lernte ich deutlich, wie unterschiedlich die Menschen sind, die oftmals so leichtfertig, als die „Geflüchteten“ zusammengefasst werden.

Während des Projekts kamen wir häufig in der Garderobe zusammen, hörten Musik und sprachen. Zuvor habe ich nicht wirklich viele Menschen getroffen, die flüchten und ihre Heimat verlassen mussten. Die Geschichten, die ich dabei zu hören bekam, erschütterten mich zutiefst. Und da ging es nicht nur um die Gräueltaten, die sie in ihren Heimatländern oder auf der Flucht durchleben mussten, sondern auch um die Geschichten, die ihnen in Deutschland wiederfahren sind, zu einer Zeit, in der zunehmend mehr Medien ein Klima der Angst erzeugten und Vorbehalte schürten.

Jahre bevor ich meine Partnerin kennen lernte, trug ich mich schon mit dem Gedanken nach Deutschland auszuwandern. Jetzt wo ich hier bin, kann ich mir kaum vorstellen, wie schwierig das gewesen wäre, ohne ihre Unterstützung. All die Bürokratie, die sprachlichen und kulturellen Barrieren, sind eigentlich schon Herausforderung genug – aber eines ist sicher, wäre ich als Geflüchteter gekommen, wäre das Ganze noch zusätzlich durch Rassismus, Intoleranz und Ablehnung erschwert worden. Dies markiert den wahrscheinlich gewaltigsten Unterschied zwischen einem westeuropäischen, weißen Einwanderer und einem Geflüchteten aus Syrien oder Nigeria. Als Individuum mit all deinen professionellen Qualifikationen und Fähigkeiten angesehen zu werden, ist noch deutlich schwieriger, wenn du das Label „geflüchtet“ nicht einfach ablegen kannst.

Und gleichzeitig gibt es auch hier einige Menschen, die eine eigene “Fluchtgeschichte haben” – diese betrifft vielleicht nur die Familie und hat wahrscheinlich nicht direkt mit dem zu tun, was wir heute erleben. Meine Großmutter beispielsweise lebt seit 65 Jahren in Schottland und niemand außerhalb unserer Familie weiß, dass sie einst flüchten musste. Wie 31 Millionen Deutsche, musste auch sie ihre Heimatregion in Osteuropa verlassen. Sie floh von Pillau in Ostpreußen über Szczecin nach Sopot in Polen. Fast drei Jahre lang durchlebte sie die schrecklichsten und barbarischsten Gräueltaten, die wir uns kaum vorstellen können und überlebte all das, irgendwie. In Deutschland schlug ihr der Hass, derjenigen entgegen, die sie nicht als echte Deutsche anerkennen wollten und so zog sie schließlich zu meinem Großvater nach Schottland und heiratete ihn. Niemals erlaubte sie sich ein Opfer ihrer fürchterlichen Erlebnisse zu sein, obwohl sie sie nie losließen. Leider, scheinen viele Europäer*innen heutzutage ihre eigene Geschichte der Flucht zu ignorieren und dabei zu vergessen, wie viele selbst innerhalb von Europa und in alle Welt flüchten mussten und wie viele europäische Migrant*innen es überall gibt.

Aber zurück zu meiner Geschichte – für ein Musikvideo („The cost of freedom“) filmten wir Gespräche mit den Teilnehmenden des Projekts, das ich am Nationaltheater begleitet hatte. Wir versuchten einzufangen, welchen Preis die Freiheit für die Teilnehmenden hat. Freiheit, das bedeutete für sie: „Kein Krieg“, „Keine Hautfarben“. „Integriert und unabhängig“, „Mit der Familie“, „Dass alle Religionen, die anderen respektieren und akzeptieren“. All das sind Vorstellungen und Ideale, mit denen sich sicher viele Menschen identifizieren können. Mir wurde darüber noch einmal bewusst, dass diese Menschen keine Extremisten, sondern die Opfer von Extremismus sind, der sich auf Religion, Politik, Geschlecht oder Kultur bezieht. Die meisten wünschen sich nur eines: In Frieden und Sicherheit leben zu können.

In einer stillgelegten amerikanischen Militärbasis in Heidelberg, dem Benjamin-Franklin-Village, wurde eine große Erstaufnahmestelle und Unterbringung für Geflüchtete errichtet. Dank des Engagements des Nationaltheaters, konnte ich dort gemeinsam mit Markus Sprengler Musikworkshops anbieten. Eine tolle Erfahrung, denn Teilnehmende aus unterschiedlichen Ländern und religiösen Kontexten, schrieben zusammen Lieder, rappten und jammten gemeinsam. Ich konnte miterleben wie aus Fremden über die Monate hinweg eine musikalische Familie zusammen wuchs.

Da der Kurs allen offen stand, galt es erst einmal eine musikalische Basis zu schaffen, von der aus wir uns gemeinsam entwickeln konnten. Die Bandmitglieder sollten Spaß haben, eine gute Zeit verbringen, aber auch alle notwendigen Fähigkeiten erlernen, um als Musiker auftreten zu können. Besonders beliebt war das Songwriting/Komponieren, das sich häufig auch als gute Übung in Sachen Verhandlung und Toleranz erwies.

Hassan Mohammad Nazeri (Afghanistan) - unterrichtet fellow Refugees songs aus seinem Heimatland. Foto: Privat
Hassan Mohammad Nazeri (Afghanistan) – unterrichtet fellow Refugees songs aus seinem Heimatland. Foto: Privat

Ein schönes Beispiel dafür war ein Song über das Internet als Datingplattform. Männer und Frauen waren dabei ganz unterschiedlicher Meinung. Die Frauen hatten eher traditionelle Vorstellungen davon, wie und wo sie ihren zukünftigen Partner finden möchten. Die Männer hingegen standen den Möglichkeiten durch die neuen Technologien sehr aufgeschlossen gegenüber. Weil an diesem Tag mehr Männer anwesend waren, wäre eine demokratische Abstimmung nicht fair gewesen, also versuchte ich mich in der Rolle des Moderators. Einige der Männer waren der Meinung, dass Songs positiv und aufmunternd sein sollten. Es gelang mir jedoch deutlich zu machen, wie die Sichtbarmachung von verschiedenen Ansichten, die Akzeptanz anderer Meinungen und die Zusammenarbeit trotz aller Meinungsverschiedenheiten, wundervoll positive Botschaften für das Lied bedeuten. Wir vereinbarten, all die Wiedersprüche aufzunehmen, sie gegenüberzustellen und miteinander zu vergleichen. Nicht alle waren vom Endergebnis begeistert, aber es ist uns gemeinsam gelungen, ein Lied zu machen, das die Vielfalt der Gruppe widerspiegelt.

Vater zu werden, in einer Zeit, in der unsere Gesellschaft immer diverser wird, hat mir bewusst gemacht, dass wir unseren Kindern eine schöne Zukunft bieten können, wenn wir ihnen Toleranz und Offenheit beibringen und vorleben. Wenn ich möchte, dass mein Sohn sein Leben genießt, dann muss ich ihm zeigen, dass er keine Angst vor dem haben soll, was er nicht kennt, er soll es mit offenen Armen empfangen und davon lernen!

Übersetzung vom Englischen ins Deutsche von Patricia Bonaudo