Über Kunst die eigene Umwelt gestalten

Wie bindet man eine Spirale oder einen tanzenden Strauß? Das lernen Frauen in der Arrivo-Übungswerkstatt. Das Projekt bietet hier für Frauen mit Fluchterfahrung einen Einstieg zur Berufsausbildung im Handwerk sowie einen geschützten Raum für Kreativität und Spracherwerb an.

von Corinna von Bodisco

Einblick in die Werkstatt. Foto von Corinna von Bodisco
Die Cucula Werkstatt. Foto: Corinna von Bodisco

In der (CUCULA-)Werkstatt in einem Kreuzberger Hinterhof am Paul-Lincke-Ufer riecht es nach Holz, in Regalen und auf dem Boden liegen Gräser, Äste, Moose und Blumen. 14 Frauen arbeiten hier momentan mit verschiedenen Materialien, darunter nicht nur Pflanzen. Es läuft Musik, die Stimmung ist ausgelassen und trotzdem ist jede ganz beim eigenen Projekt.

Gerade verknotet Amina Mohammad zwei dicke Schnüre in regelmäßigen Abständen von oben nach unten, die sie vorher an einem Regal befestigt hat. „Das kann man auch modern machen“, erklärt die Schneiderin mit freundlichem Lächeln. Damit meint sie die Blumenampel, die hier entsteht, die Knüpftechnik Makramee ist schon uralt. Amina plant das Einflechten von silbernem Draht, was der Ampel ein filigranes Aussehen verleiht. Beim Knüpfen erzählt sie von ihren Töchtern: Vor einigen Tagen hat sie ihnen für das kurdische Neujahrs- und Frühlingsfest Newroz neue Kleider genäht. „Mein Sohn will Ingenieur werden. Zwei Monate war er an der Universität, aber dann kam der Krieg.“ Amina senkt den Kopf, viel Schlimmes ist seither passiert. Die Familie hat den Heimatort bei Afrin verlassen, die jüngste Tochter wird ihren Vater nie kennenlernen. „Es ist nicht einfach, aber man muss immer weitermachen“, sagt die junge Frau tapfer.

Einblick in die Werkstatt. Foto von Corinna von Bodisco
Amina. Foto: Corinna von Bodisco

Das Angebot der Übungswerkstatt für Frauen ist aus dem Projekt Arrivo Handwerk des Kunst- und Bildungslabors S27 entstanden, durchgeführt wird es in der Werkstatt des Vereins CUCULA. Arrivo bietet für Menschen mit Fluchterfahrung eine Berufsausbildung im Handwerk an. Neben einem Sprach- und Fachkurs kooperieren die Projektmitarbeiter*innen auch mit den Handwerksinnungen und sind im Anschluss bei der Suche nach einem Praktikum behilflich. „Wir haben uns schon anfangs sehr gut vernetzt und kennen nun alle wichtigen Multiplikatoren: Sozialarbeiter, Heimleiter, Jobcenter“, so Jona Krieg von Arrivo.

Arrivo Handwerk ist sehr gefragt, allerdings nicht unbedingt bei Frauen. Jona meint, der Anteil läge nah bei den im Handwerksalltag üblichen 20 Prozent. „Deswegen haben wir die Arrivo-Übungswerkstatt für Frauen konzipiert.“ Diese wird einmal pro Quartal angeboten, dauert vier bis sechs Wochen und fokussiert sich auf ein bis zwei Handwerksfelder – diesmal ist das Floristik und Blumenkunst. Auch Kinderbetreuung wird angeboten. Jessy Medernach unterrichtet den dazugehörigen Sprachkurs: „Ich mache morgens die ‚hard facts’. Wir schauen uns reale Stellenausschreibungen an und schreiben Bewerbungen. Nachmittags können sich die Teilnehmerinnen ausprobieren, kreativ sein und auch Techniken lernen. Wie bindet man eine Spirale oder einen tanzenden Strauß?“ In diese Techniken führten zwei geladene Floristinnen ein. Auch zwei Ausflüge zu Blumenläden standen auf dem Programm.

 

Einblick in die Werkstatt. Foto von Corinna von Bodisco
Mahbube und Corinna. Foto: Corinna von Bodisco

Corinna Sy ist die Workshopleiterin für Floristik und lässt die Frauen vor allem machen, dabei entstehe ganz viel. Dabei berät sie, stellt ihnen Fragen und begleitet so den kreativen Prozess. Das Konzept dahinter setzt vor allem auf Visualisierung und das eigene Interesse: Zuerst haben die Frauen zu ihren Themen recherchiert, Stimmungsbilder („mood-boards“) erstellt und Materialien definiert. Erst dann ging es an die Arbeit mit dem Pflanzenmaterial aus den Gärtnereien. „Für Menschen, die noch nicht kreativ gearbeitet haben, ist das erst mal schräg. Das ist kein Basteln sondern ein strukturierter Prozess, bei dem es darum geht, den Blick zu schärfen, das eigene Thema zu verstehen und es abstrakt darzustellen. Dann kommen die Frauen auch zu einem guten Ergebnis“, sagt die Designerin.

Einblick in die Werkstatt. Foto von Corinna von Bodisco
Mina. Foto: Corinna von Bodisco

Viele Teilnehmerinnen wollen gerne wieder in den Bereichen arbeiten, in denen sie vorher schon tätig waren. So ist es auch bei Mina Izadhar, Floristin und Kuratorin aus dem Iran. „Ich habe in Berlin keinen Platz als Floristin. Warum?“, fragt sie und zeigt Fotos von ihren Ausstellungen. An der Erfahrung liegt es nicht, routiniert arbeitet Mina mit den Pflanzen, formt sie wie Ton und inszeniert sie. „Mina, du bist wieder so schnell, das wollte ich erst morgen machen“, meint Corinna als Mina ein Moos-Arrangement in eine Blumenampel umtopft. Für ihr eigenes Projekt arbeitet die Floristin an einer Skulptur: ein Stamm, umwickelt mit Flechten und Moosen. „Frauen dürfen sich im Iran nicht ohne Hidschāb zeigen. Ich habe eine Figur ohne Schleier gemacht“.

Einblick in die Werkstatt. Foto von Corinna von Bodisco
Corinna, Mahbube und Mina. Foto: Corinna von Bodisco

Das Endergebnis der Teilnehmerinnen wird nochmal unter Corinnas prüfendem Blick inszeniert und fotografiert. „Das sieht schon mal sehr gut aus, was meinst du?“, fragt sie Mahbube Nasri, die ihr Thema „Luxus“ mit einem in Gold besprühten Zweig, einem glitzernden Würfel und einem roten Tuch in Szene gesetzt hat. „Ja, aber das Rot passt nicht so gut“, meint Mahbube. Sie zupft am roten Tuch, betrachtet die Installation erneut und ändert nochmal.

„Die Teilnehmerinnen nehmen immer etwas mit“, meint Jessy. Und wenn es nur ein Raum sei, in dem man mit anderen Menschen in Kontakt kommt und kommuniziert. Hier in der Werkstatt kommen 14 Frauen mit ihren Geschichten, Talenten, Interessen und Situationen zusammen. Sie helfen sich gegenseitig, lachen und arbeiten gemeinsam an ihren Projekten. Mina ist sich über eines sicher: „Ich will mit Kunst arbeiten. Ich muss. Ich habe immer viel gezweifelt und mich gefragt: Was mache ich hier? Aber jetzt denke ich: Ich kann das.“

Bilder der Floristischen Kunstwerke. Foto: CUCULA
Zwei der Ergebnisse. Foto: CUCULA

 

Mehr Informationen über das Projekt findet ihr hier

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“Jede*r kann ein Vorbild sein”

“Eine Erzähltour als Blickwechsel”