Auf Lesbos wird Geschichte geschrieben

Andreas Müller-Hermann war kürzlich auf der griechischen Insel und hat die Auswirkungen der EU-Politik erlebt: Helfende werden kriminalisiert und der Tod der Menschen in Kauf genommen.

von Andreas Müller-Hermann

Foto: Christian Schürer
Auf einer Müllhalde auf Lesbos liegen tausende benutzte Rettungswesten. Foto: Christian Schürer

Im November letzten Jahres habe ich Lesbos besucht und dabei festgestellt: Seit dort tagtäglich und ohne Ende in Sicht, Geflüchtete stranden, fehlt es an allem, besonders an Winterkleidung und Decken. Nach meiner Rückkehr nach Deutschland haben dann einige Freunde und ich über private Spenden circa elf Tonnen an Kleidung und Schuhen, Decken und Rettungsdecken gesammelt und alles im Januar mit zwei großen Sprintern mit Anhängern und einem weiteren LKW von München nach Lesbos gefahren.

Was ich dann auf dieser kleinen Insel im Meer vor Griechenland erlebt habe, hat mein Leben verändert. Ein Spagat der Extreme: Auf der einen Seite Freiwillige aus der ganzen Welt, die alles tun, um die im Stundentakt über das Meer ankommenden Geflüchteten auf dieser ersten Stufe in ihrer Odyssee durch Europa in Empfang zu nehmen. Freiwillige aus Europa, den USA, Kanada, Australien, selbst aus Malaysia, habe ich dort getroffen. Aus allen Altersgruppen, auffallend viele sehr junge Leute. Aber auch die griechische Bevölkerung engagiert sich, obwohl sie selbst zurzeit genug eigene Probleme hat.

Und auf der anderen Seite: So gut wie keine staatlichen oder überstaatlichen Institutionen, weder von griechischer, noch von EU- oder UN-Seite, die an diesem Nadelöhr der Fliehenden auf ihrer Flucht nach Europa in Erscheinung treten oder sich irgendwie verantwortlich zeigen würden.

Eine Utopie des Helfens trifft auf eine EU, die das nicht will. 

Stattdessen organisieren Freiwillige die Rettung auf dem Wasser, wenn die überfüllten Boote in Seenot geraten. Sie nehmen die Geflüchteten am Strand in Empfang und versorgen sie sofort mit trockner Kleidung, wenn sie vollkommen durchnässt und unterkühlt ankommen. Sie laufen auch nachts und bei Schneetreiben ins eiskalte Wasser, um kleine Kinder, Frauen, Alte und Kranke aus den Booten auf ihren Armen herauszutragen.

Freiwillige organisieren auch den schnellen Transport in die Flüchtlingscamps, kochen rund um die Uhr, betreuen die Kinder und verteilen die Lieferungen der Hilfsgüter. Sogar eine Gruppe, die die Kleidung der Geflüchteten wäscht, gibt es, so dass diese wieder verwendet werden kann und nicht den ohnehin schon großen Müllberg noch vergrößert.

Eine Essenausgabe neben dem Hafen in Mitylini/ Lesbos. Dort kocht eine Gruppe , die meisten von Ihnen sind Griechen, jeden Tag von morgens bis in die Nacht, für die Flüchtlinge. Lesbos 2016 Foto: Andreas Müller-Hermann

Freiwillige säubern auch die Strände und sammeln die tausenden von Schwimmwesten ein, die hier alle liegen bleiben, weil die Geflüchteten diese erste Etappe der Flucht so schnell wie möglich hinter sich lassen wollen und es keinen Sinn macht, die Schwimmwesten mitzunehmen. Freiwillige kommen und gehen, viele bleiben nur eine paar Wochen, andere für Monate, aber alle sind hoch motiviert und viele arbeiten jeden Tag bis zur kompletten Erschöpfung. Viele von ihnen haben sich von gut bezahlten Jobs freistellen lassen, um hier zu helfen und bleiben so lange, wie ihr Erspartes reicht. Die Stimmung ist enorm energiegeladen und trotz der extremen Belastung extrem positiv.

Das, was ich dort gesehen habe, wurde für mich zu einer Vision, wie es aussehen könnte auf unserer Welt, wenn wir uns alle in unserem Alltag so wie diese zufällig zusammen gewürfelten freiwilligen Helfenden auf Lesbos verhalten würden.

Die Bürokratie verhindert einfache Lösungen

Aber dann gibt es da noch die andere Seite: Die Rückfahrt mit unseren leeren Lastwagen wollten wir nutzen, um einen Teil der Schwimmwestenberge, die auf der Insel (nicht) verrotten, für eine Kunst-Installation nach München mitzunehmen.

Um eine Genehmigung für die „Ausfuhr“ der Schwimmwesten zu bekommen, wandten wir uns – noch ganz zuversichtlich – an den Chef der Müllabfuhr in Lesbos. Die Sache entwickelte sich dann zu einer Odyssee durch die verschiedensten Stationen der Verwaltung: Bürgermeister, stellvertretender Bürgermeister, Rechtsabteilung, Zoll, Umweltministerium. Kurzum: Um ein paar alte, nutzlose Schwimmwesten sinnstiftend zu entsorgen – von denen sich viele bei näherer Betrachtung als den Geflüchteten teuer verkaufte Fälschungen herausstellen – brauchten wir einen erheblichen Aufwand an Energie und Zeit. Man muss aber auch verstehen, dass die griechischen Behörden verhindern wollen, dass die meistens unbrauchbaren und deshalb gefährlichen Rettungswesten wieder in den Umlauf kommen.

Foto: Christian Schürer
Kunstprojekt: Salva Vida, Künstler: Christian Schnurer /Salva Vida Januar – Oktober 2016 wechelnde Orte im Öffentlichen Raum, aktueller Standort unter www.salvavida.euFoto: Christian Schürer

Irgendwann in dieser Zeit auf Lesbos wurde mir klar, dass ich meinen Glauben in staatliche und vor allem in die europäischen Institutionen, vollkommen verloren und gleichzeitig, angesichts dieser überwältigenden, selbstorganisierten Hilfsbereitschaft, meinen Glauben an die Menschheit zurückgewonnen habe. Eine Erkenntnis, die traurig macht, aber auch Hoffnung gibt.

Das Team eines Rettungsbootes wurde verhaftet

Gerade bei diesen schwierigen Verhandlungen um die Schwimmwesten aus Lesbos, konnten wir einen ganz guten Eindruck bekommen, wie die offizielle Seite funktioniert. Jeder, sowohl die Verwaltung, als auch die Freiwilligen, leben in ihrem eigenen Universum und zwischen beiden gibt es nur wenig Berührungspunkte und leider auch nur wenig Austausch.

Im Rahmen der „Grenzen-dicht-machen-Politik“ wird inzwischen auch die Arbeit aller Freiwilligen auf Lesbos jeden Tag schwieriger. Sie werden aufgefordert, die Strände zu verlassen, auf denen sie vor allem nachts patrouillieren, um Boote in Empfang zu nehmen und erste Hilfe zu leisten. Man hat anscheinend Angst, dass die Feuer, die sie nachts anzünden, um sich aufzuwärmen, diesen Booten zur Orientierung dienen könnten.

Mitglieder verschiedener NGOs wurden von der Polizei festgesetzt und stundenlang verhört, weil sie Schwimmwesten von der riesigen Müllkippe dazu verwenden wollten, um den Boden der Flüchtlingszelte gegen die winterliche Kälte zu isolieren. Ihnen wird vorgeworfen, sie hätten die Schwimmwesten gestohlen, um sie zurück in die Türkei zu verkaufen.

Das Team eines Rettungsbootes wurde verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. „Schleppertätigkeit“ lautet die absurde Anklage, dabei sind alle die hoffnungslos überladenen Flüchtlingsboote bei diesen Temperaturen auf offener See ein Seenotfall, bei dem sofortige Hilfe zu leisten ist.

Am Tag meiner Rückreise nach Deutschland am 20. Januar 2016 sind eine Frau und ein kleines Kind, nach einer noch nicht einmal besonders stürmischen Überfahrt, am Strand von Lesbos an Unterkühlung gestorben. Muss es tatsächlich erst Tote geben, bevor man Hilfe leisten darf?

Die Freiwilligen warten nun auf ihren Prozess. Theoretisch erwarten sie bis zu 10 Jahre Haft, dafür, dass sie bei jeder ihrer Fahrten, ihr eigenes Leben aufs Spiel gesetzt haben, um Menschenleben zu retten.

Boote mit Schutzsuchenden zurück aufs Meer zu schicken, das kommt Mord gleich.

Auf Lesbos wird Geschichte geschrieben. Ob eines der rühmlichsten oder unrühmlichsten Kapitel für Europa wird gerade entschieden. Es ist unfassbar, wie vollkommen kurzsichtig und planlos die sich EU auch dort ihrer Verantwortung zu entledigen versucht. Die Grenzen dicht zu machen und die Boote zurückzuschicken, ist unmenschlich und löst die Probleme der EU nicht.

Die Institutionen vor Ort fühlen sich im Stich gelassen und ich kann das gut verstehen. Die Herausforderungen sind enorm für die kleine Insel und weder aus Athen noch von der EU kommt Unterstützung. Viele Menschen auf Lesbos verdienen ihr weniges Geld im Sommer durch den Tourismus. Sie haben nun Angst, auch diese Einnahmequelle zu verlieren, wenn der Tourismus einbricht, was sicher zu erwarten ist. Das alles trifft die Insel im Kontext der ohnehin sehr dramatischen griechischen Wirtschaftskrise.

Hilfe von der EU könnte auf vielen Ebenen geleistet werden, kommt aber nicht. Warum eigentlich nicht? Stattdessen verstärkt sie täglich den Druck auf Griechenland, die Seewege dicht zu machen. Dabei muss jedem klar sein, was es heißt, die Boote mit Schutzsuchenden wieder zurück aufs Meer zu schicken.

Was sind wir für eine Gesellschaft, die das zulässt, und dabei so tut, als wüsste sie nicht, dass so eine Politik einem Mord gleich kommt.

Weitere Informationen, Kontaktdaten, Bilder und Texte zu Salva Vida, dem Projekt, in dessen Rahmen Andreas Müller-Hermann nach Lesbos gereist ist, finden Sie hier: www.salvavida.eu