Begegnungen am Tellerrand

Es ist kein Zufall, dass so viele neugegründete Begegnungsprojekte das gemeinsame Essen in den Mittelpunkt stellen. Unsere Autorin hat sich bei der Initiative „Über den Tellerrand“ auf die Spur dieses Rituals begeben und sich Gedanken über seine verbindende Wirkung gemacht

von Céline Kempen

Bilder eine Gruppe am Tisch. “Eine Prise Heimat” ist das neueste Kochbuch der Initiative, bei dem Sterne -und Spitzenköche mit kochbegeisterten Geflüchteten kulturübergreifende Menüs kreiert haben, Linn Kaldinski vorne rechts. Foto: Carina Adam
“Eine Prise Heimat” ist das neueste Kochbuch der Initiative, bei dem Sterne -und Spitzenköche mit kochbegeisterten Geflüchteten kulturübergreifende Menüs kreiert haben, Linn Kaldinski vorne rechts. Foto: Carina Adam

Jetzt erst recht. Es ist die Zeit nach dem Hype, nach der Ankunft zahlreicher geflüchteter Menschen. Die Narrative über Geflüchtete sind zum Teil von Euphorie und Willkommenskultur in negative Spektren gerutscht. Deswegen ist Weitermachen angesagt. Es gilt fortzusetzen, was viele hierzulande schon begonnen haben. Darum habe ich Linn Kaldinski zu einem Interview getroffen. Sie ist Ehrenamts- und Community-Managerin von Über den Tellerrand. Wir sprachen über die Arbeit des Vereins. Diese sei jetzt „wichtiger als je zuvor“.

Über Wortspiele und Rituale

Der eigene Tellerrand ist im übertragenen Sinne der eigene kulturelle Horizont, das Vertraute, die Komfortzone. Der Verein bedient sich dieser Formulierung und ergänzt sie zum einen um die Dimension der Horizonterweiterung – „wir sollen über unseren Tellerrand schauen“ –,zum anderen um die Dimension des Essens. So wird die ursprüngliche Bedeutung des Sprichwortes wieder aufgegriffen, denn das „Über-den-Tellerrand-Schauen“ findet tatsächlich über Tellerränder statt. Damit gibt die Initiative dem Ritual der geteilten Mahlzeit, die beim Kochen beginnt, seinen wohlverdienten Stellenwert. Der französische Anthropologe Durkheim stellte fest, dass neue Rituale am leichtesten angenommen werden, wenn sie bereits existierenden Ritualen ähnlich sind. Das gemeinsame Essen gehört fraglos zu diesen grundlegenden Ritualen und ist gut geeignet, um einen Raum der Begegnung zu schaffen. Bei dem Projekt Über den Tellerrand geht es aber nicht nur um Essen aus verschiedenen Kulturkreisen, sondern auch darum, Menschen zusammenzubringen.

Über die Anfänge

Gemeinsames Essen als Mittel Grenzen zu überwinden? Diese Hoffnung steckt seit Beginn in Mark und Knochen von Über den Tellerrand. Es begann als Student*innenprojekt und war eine Reaktion auf das 2012 auf dem Oranienplatz in Berlin Kreuzberg errichtete Protestlager von Geflüchteten. Es störte die Student*innen, dass dort Aktivist*Innen lebten, zu denen niemand aus der Kreuzberger Umgebung persönlich Kontakt aufnahm. Doch wie konnte man dieses Kennenlernen angenehm gestalten? Die Student*innen setzten sich mit einem Campingkocher in die Nähe des Lagers und fingen an zu kochen. Daraus entstanden drei Dinge: Freundschaften, ein Kochbuch und eine Idee. Denn seitdem hat Über den Tellerrand Bestand. Mittlerweile ist es ein Verein und das dritte Kochbuch ist September letzten Jahres herausgekommen („Eine Prise Heimat“). Zwar ist der Verein mittlerweile von der Straße an einen festen Ort nach Schöneberg gezogen, Kaldinski ist aber der Meinung, dass „Tellerrand sich treu geblieben ist“. Und gelegentlich kehrt Über den Tellerrand wieder auf die Straße zurück – dann, wenn die Saison der Street-Food-Märkte beginnt.

Im KitchenHub, dem zentralen Ort des Vereins, finden allerlei Veranstaltungen statt; vom Zeichenkurs bis zum Chor, vom Sprachkurs bis zu den berühmt berüchtigten Kochabenden („50 Shades of…“). Kaldinski ist es hier besonders wichtig, dass ein Raum geschaffen wird, „der Freundlichkeit, Offenheit und Wärme ausstrahlt“: ein geschützter Raum.

Bild einer Yoga-Gruppe im Veranstaltungsraum der Initiative, dem sogenanngen Kitchen Hub in der Berliner Roßbachstraße 6. Foto: Laura Fiorio
Yoga im KitchenHub in der Berliner Roßbachstraße 6. Foto: Laura Fiorio

Über Integration und Augenhöhe

Solch ein Umfeld ist notwendig für ein Anliegen, das dem Verein besonders am Herzen liegt: der Kontakt auf Augenhöhe. Als ich Kaldinski darauf anspreche, wirft sie ein: „Was ist Augenhöhe überhaupt? Das ist ein so umstrittener Begriff…“ Umstritten und abgegriffen. Wo Augenhöhe als Prinzip angestrebt wird, ist sie in der Praxis oft noch nicht verbreitet. Für die Initiator*innen von Über den Tellerrand scheint es am ehesten durch „das Aufbrechen der Geber-Nehmer-Struktur“ möglich. Es geht um die Erkenntnis, dass es nicht nur die Aufnahmegesellschaft ist, die etwas geben kann. Integration ist keine Einbahnstraße. Alle Beteiligten könnten aneinander wachsen und voneinander lernen. Ein gutes Beispiel hierfür sind die Sprachkurse bei Über den Tellerrand. Der Unterricht beginnt mit Arabisch, Farsi und weiteren Sprachen, in der zweiten Hälfte geht es dann mit Deutschunterricht weiter.

Viele Organisationen schreiben sich die Augenhöhe auf die Fahnen. Ich wollte es Über den Tellerrand gerne glauben, doch hat mich eines stutzig gemacht. Das Leitungsteam besteht zurzeit aus weißen Frauen ohne Fluchterfahrung. Der Verein geht damit allerdings durchaus selbstkritisch um und sie freuen sich, dass sich ab April etwas ändert: Dann nimmt eine Frau aus Syrien hier ihre Arbeit auf und die Frauen sind offen für weiteren Zuwachs. Das neue Teammitglied wird die Leitung des Building Bridges Projekts übernehmen, bei dem es um ein Dreier-Tandem geht. So kommen ein*e Beheimatete*r und zwei Newcomer*innen mit verschieden langer Aufenthaltsdauer zusammen. Die Finanzierung wird über die Einnahmen durch Buchverkäufe oder die Kochkurse geleistet.

Ebenso wie der Begriff Augenhöhe kann Integration alles und nichts bedeuten. Der Soziologe Kamuran Sezer betont, dass Integration ein eingeengter Begriff geworden sei, der sich lediglich auf das Erlernen der deutschen Sprache, Bildungsabschlüsse oder Erwerbstätigkeit beschränkt. Seiner Meinung nach müsse Integration mehr sein als das. Auch die Ergebnisse einer kürzlich veröffentlichten Studie der Robert-Bosch-Stiftung deuten daraufhin, dass Geflüchtete nichts mehr brauchen als den Kontakt mit der Aufnahmegesellschaft. Dieses Bedürfnis zu erkennen und entsprechende Räume zu öffnen lässt sich auch als Integration auf Augenhöhe interpretieren. „Über den Tellerrand erweitert den Begriff der Integration dahingehend, dass es auf ein Bedürfnis eingeht, das bei vielen Geflüchteten besteht, nämlich diese Begegnung zu ermöglichen“, ergänzt Kaldinski.

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Syrischer Welcome Drink aus dem Kochkurs. Foto: Über den Tellerrand

Über Öffentlichkeit

Neben der auf den ersten Blick fehlenden Partizipation von Newcomer*innen im Leitungsteam ist mir auch die ausbleibende politische Positionierung aufgefallen. Selbstverständlich ist der Verein dennoch politisch. Das kommt mit dem Engagement automatisch einher. Kaldinski verstand, dass mir die explizite Positionierung fehlte und sagte dazu: „Eigentlich wäre es gut, wenn sich Vereine und ihre Netzwerke klar positionieren würden. Das hat eine große Strahlkraft“. Über den Tellerrand selbst benötige, um noch weiter zu strahlen und sich für eine Begegnungskultur einsetzen zu können, vor allem „Aufmerksamkeit“, betont sie noch. Das steht für sich selbst.

Mitmachen!

Die Kochbücher könnt ihr hier bestellen.

Oder direkt beim Verein:

Über den Tellerrand kochen GmbH
Roßbachstraße 6
10829 Berlin

Kontakt zur „Über den Tellerrand“-Community

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