Unübersetzte Heilkünste

Unsere Autorin ist fasziniert von den Wissensschätzen, die sich im Gespräch mit Ahmad Mansoor zeigen. Metaphysik, Heilkunde und Astrologie – die Herausforderung ist, eine gemeinsame Sprache zu finden.

von Kathrin Reikowski

Ahmad Mansoor schreibt während des Gesprächs mit der Autorin die Wörter auf, die der Übersetzer Ahmad nicht verstanden hat.

Ein Samstagabend im August 2016: Ich bin mit meinen Söhnen und meiner Mutter zum Essen bei Familie Mansoor eingeladen. Ahmad, seine Frau Halima und ihre beiden Kinder wohnten damals seit einigen Monaten in der Mietwohnung meiner Mutter, waren seit August 2015 in Deutschland. Bisher hatten wir gewusst, dass Halima im Iran Friseurin gewesen war, Ahmad hatte im Erstgespräch mit einem Caritas-Mitarbeiter erzählt, er kenne sich mit Gold und Steinen aus. Ein erster Übersetzungsversuch war „Goldschmied“. Nach dem Essen beginnt Ahmad, uns über unsere Berufe auszufragen und erzählt plötzlich, er selbst habe „Religion“ studiert. Nach einigen Nachfragen unsererseits, trotz schlechter Internetverbindung mit Hilfe von google translate, stellt sich schließlich heraus, dass er sich keineswegs alleinig mit dem Islam beschäftigt hat, sondern mit einer ganzen Latte an Themen: Metaphysik, Soziologie, Heilkunde, Psychologie, Philosophie, Parapsychologie – er erwähnt auch Yoga und Buddhismus. Ich bin fasziniert und nehme mir vor, ihm das Ankommen in Deutschland zu erleichtern – vielleicht mit Hilfe von Kontakten zur Uni, vielleicht im Rahmen einer „Meet your neighbours“-Veranstaltung in München. Aus beidem wird nichts, weil er an der Uni nicht die richtigen Ansprechpartner findet und weil wir uns nach mehreren Vorgesprächen mit verschiedenen Übersetzern einig werden, dass seine Themen für eine Meet-your-neighbours-Veranstaltung zu komplex sind. Aber es entsteht die Idee, ein Interview mit ihm zu führen.

Ein Jahr später – diesmal zum Geburtstagskaffee im Haus meiner Mutter. Endlich habe ich jemanden gefunden, der meine Fragen für ein Interview mit Ahmad übersetzt. Ahmad Ahmadi ist 19 Jahre alt, wie Ahmad Mansoor aus Afghanistan, beide hatten zuletzt im Iran gelebt. Ahmad Ahmadis Deutsch ist flüssig und fast akzentfrei, er absolvierte ein vorbereitendes Jahr zur Ausbildung als Koch in einer Wasserburger Gaststätte. Denn Ahmad Mansoor und ich sprechen ohne Übersetzer*in immer noch zu oft aneinander vorbei. Er besucht zwar einen Integrationskurs und kann sich im Alltag immer besser verständigen, kommt aber wegen seiner Familie zuhause kaum dazu, darüber hinaus noch Grammatik zu pauken. Und, wie mir Ahmad Ahmadi lachend bestätigt: „Er hat einfach zu viel im Kopf, als dass er sich auf das Deutschlernen konzentrieren könnte.“ Viele Ausdrücke, die der ältere Ahmad verwendet, kann der Jüngere nicht nur nicht übersetzen – er versteht sie schlichtweg nicht. Der ältere Ahmad spricht hochpersisch und über Themen, die der jüngere Ahmad noch nie zuvor gehört hat.

„Schon als Schüler im Iran habe ich mich immer für Metaphysik interessiert, mir Bücher aus der Bücherei besorgt“, erzählt der ältere Ahmad. Weil er im Iran ohne Papiere lebte und sich verstecken musste, konnte er sich allerdings nicht an einer Universität einschreiben. Was er lernte, lernte er bei Universitätslehrern aus Iran, Afghanistan, Pakistan – aber privat gegen Bezahlung. Er beschäftigte sich mit Naturheilkunde, lernte Heilkräuter und Heilsteine kennen und sammelte Kenntnisse der Astrologie und Numerologie. „Wenn jemand mit einem Problem, wie etwa Augenschmerzen, zu uns kommt, dann fragen wir nach Namen, Geburtsdatum, Geburtsort, wir sehen der Person ins Gesicht – und daraus entsteht eine Heilempfehlung.“ Erfolg hatte er damit – als Mitarbeiter in einem Laden für Heilschmuck verdiente er umgerechnet fast 3000 Euro pro Monat. Daraus entstand ein Netzwerk aus Gelehrten und Heilern, die inzwischen über viele Länder verstreut leben, aber online in engem Kontakt stehen.

Was genau er erlebt hat und warum seine Familie sich schon seit über vierzig Jahren in Afghanistan nicht mehr sicher fühlt, das möchte er mir nicht erzählen. „Ich muss meiner Frau, meinen Kindern und meinen Brüdern und Eltern im Iran und Afghanistan zuliebe immer noch sehr vorsichtig sein.“ Aus dem gleichen Grund möchte er unter keinen Umständen ein Foto von sich im Internet sehen. „Ich weiß ja nicht, was noch auf uns zukommt und wo wir leben werden. Und das Internet vergisst nicht.“ Weil seit kurz nach unserem Interview der Kontakt zu seinem Bruder in Afghanistan abgebrochen ist und die Familie in höchster Sorge um ihn lebt, verzichte ich für den Artikel auch auf seinen vollen Nachnamen.

„In Deutschland habe ich Sicherheit, aber es braucht etwas Zeit, um hier richtig anzukommen“, übersetzt Ahmad für Ahmad. „Weil ich keine Leute kenne, mit denen ich mich austauschen kann, die sich für meine Themen interessieren. Und wenn ich doch solche Leute kennenlerne, ist es nicht leicht, die richtigen Worte zu finden.“ Wie schwer das ist, wird deutlich, wenn der jüngere Ahmad, der die gleiche Sprache gelernt hat, immer wieder nachhaken muss, um den älteren Ahmad richtig zu verstehen. Und weil auch eine kulturelle Übersetzungsleistung nötig ist, denn er begründet sein gesamtes Wissen auf den Koran und auf die Auslegung durch Mullahs und andere seiner Lehrer – eine Heilkunst, mit der hier in Deutschland wahrscheinlich nicht so schnell wieder den gleichen Patientenandrang wie im Iran haben wird. Daher liegt der Fokus doch auf seiner handwerklichen Tätigkeit im Bereich Schmuck, seine erste Prio bei der Jobsuche nach Abschluss des Integrationskurses. Gleichzeitig ist es für ihn völlig abwegig, seine Studien und Lehrtätigkeit aufzugeben, nur weil er nicht mehr im Iran lebt. Er liest täglich zwei Stunden, bevor die Familie aufwacht. Und unterrichtet weiterhin: Online beantwortet er immer noch Fragen von Schülern und Patient*innen. Per Mail, WhatsApp und telegram erreichen ihn mehr als 200 Nachrichten pro Tag. Abends, wenn die Kinder schlafen, schreibt er zurück. Eine Gruppe, die er mir zeigt, besteht aus 319 Mitgliedern.

Der jüngere Ahmad wartet seit Monaten auf einen Termin im afghanischen Konsulat in München, wo er dann mit Hilfe eines Formulars einen Ausweis aus Afghanistan anfordern kann. „Und dann brauche ich noch jemanden, der für mich in Kabul auf die Behörden geht und die notwendigen Unterlagen sucht“, erzählt er mir und zuckt dabei hilflos mit den Schultern, weil auch er keine Familie mehr in Kabul hat. Bis der Pass da ist, hält die Gaststätte, in der er nach dem berufsvorbereitendem Jahr nun wieder ein Praktikum macht, eine Ausbildungsstelle für ihn frei. Damit steckt er in genau jenem Dilemma, in dem sich viele Geflüchtete momentan befinden, die nach vielen Anstrengungen bereits einen Weg für eine gute Zukunft in Deutschland eingeschlagen haben.

Bedenkt man, dass der ältere Ahmad für eine Beratungsstunde im Iran bis zu 150 Euro verlangen könnte und momentan gratis online berät, wird mir irgendwie klar, dass es noch andere Wege geben muss, Leute hier zu „integrieren“. Und dass eine politische Diskussion, die nur die beiden Alternativen „Integration“ oder „Abschiebung“ kennt, völlig vorbei an der Lebensrealität von geflüchteten Menschen geht, die täglich mit internationalen Netzwerken in Kontakt stehen und sich darüber unter anderem auch ihr Leben finanzieren könnten. Es muss etwas Drittes geben für Leute, die sich zwar im Ankunftsland einbringen wollen (das steht außer Frage), aber sich niemals alleine über die deutsche Gesellschaft definieren werden. Die Arbeitswelt digitalisiert sich, immer mehr Leute verdienen online ihr Geld – warum nicht auch Geflüchtete? Was für unzählige digitale Nomaden möglich ist, muss auch für Ahmad möglich sein. Thema in all den Beratungen, die er bisher hatte, war das aber nicht.