Vielfaltspostulate und Kriegsmetaphern

Paragraph 4 des FIFA-Verbandsreglements verbietet jegliche Diskriminierung. Trotzdem findet sie statt – Autorin Lena Grehl kommentiert, wie die Weltmeisterschaft für Spaß und Schrecken steht.

von Lena Grehl

Foto: Mathias Herheim/Unsplash
Foto: Mathias Herheim/Unsplash

Als Kind Westberliner Eltern wurde ich häufig zu Bundesligaspielen ins Olympiastadion mitgenommen. Die langen Wartezeiten vor dem Spiel bedeuteten für die Erwachsenen Bier und ausgelebten Lokalpatriotismus, wir Kinder füllten die Zeit mit Brötchen, Bratwurst und Ketchup. So weit, so Klischee. Ich mochte das Stadion. Ich mochte die Emotionen, gute wie schlechte. Ich hasste die prallende Sonne, die langen Wartezeiten, das Geräusch von Plastikbechern auf die ich unweigerlich trat. Die Rufe aus der Hertha BSC-Ostkurve machten mir manchmal Angst; der Zigarrenrauch, der aus der familienfreundlichen Kurve aufstieg, irritierte meine Sicht. Und trotzdem: Auf dem Weg nach Hause übte ich alle Klatsch-Choreographien, sammelte Sticker, und schließlich mein erstes „Poldi-Puzzle“. Wäre ich ein paar Jahre zuvor geboren und wäre es meiner Mutter auch nur halb so wichtig gewesen, mich mit Mannschaftssport zu sozialisieren, hätte es sich hierbei auch um Eishockey und die Eisbären handeln können. Und doch ist der einzige Sport, den ich dauerhaft und mit andauernder Begeisterung verfolge, Fußball.

Als 11-Jährige hat mir das „Sommermärchen“ Spaß gemacht. Der letzte Rest Westberliner Punkattitüde, den meine Mutter sich bewahrte, zeigte sich an mir und meiner Schwester in Form von niederländischen oder brasilianischen Trikots. Hauptsache Deutschlandfahnen schwenkende Nachbar*innen beim Pavillion-Public Viewing im Garten nerven. Und in der Schule ist man sich fast einig: Mädchen gucken Fußball um den Jungs zu gefallen. Dass dahinter unterdrückende und stereotypisierende Muster stecken, die sich später für mich viel sichtbarer und gewalttätig auf das Leben vieler Frauen, Lesben, Trans, queer und Intersexuellen auswirken würde, ahnte ich noch nicht.

Ein fast weltweit ausgestrahltes Ereignis kann ja auch eine Menge Spaß bringen, wenn eine*r bewusst oder unbewusst ignorieren kann, wie sich nationalistische Symboliken, rassistische Parolen, Misogynie und dieses ach so völkerverbindende Momentum auf das realpolitische Klima auswirken kann. Wie vieles, dass sich auch außerhalb Kreis-, Landes-, und Bundestagsebene abspielt: Sport ist politisch. Ein Fakt, den meine Freund*innen und ich für 90 Minuten erstmal zu verdrängen versuchten. Wer überhaupt die Möglichkeit auf Tickets hat, welcher Austragungsort gewählt wird, wer kommentiert, wer aus welchen Gründen Veranstaltungen (un)freiwillig fortbleibt, wer sich während der vier Wochen unbeschwert und frei bewegen kann, das alles basiert auf Ein- und Ausgrenzungspolitiken. Und auf verfehlten Versuchen der FIFA, ihre Vielfaltspostulate auch wirklich gemeinschaftsbildend in die Gesellschaft zu tragen.

Als ich in die WM-Partie Japan gegen Kolumbien reinschaltete, fieberte ich in böser Vorahnung mit der Kommentatorin Claudia Neumann mit. Mehr, als mit irgendeiner Mannschaft je zuvor. Ich wollte nicht wissen, wie Menschen außerhalb meiner linken Kuschelsocken-Bubble auf eine Frau, die ein WM-Spiel der Männer kommentiert, reagieren. Ein Fehler wird zum Pranger. Das vorhandene Fachwissen wird ihr von tausenden Unwissenden abgesprochen.

Alle -ismen, für die ich andere und mich selbst zu sensibilisieren versuche, alle überhöht konservativen Werte, denen ich mit Verabscheuung gegenüber stehe, gehen Hand in Hand mit der identitätsstiftenden Kraft einer Fußball-Weltmeisterschaft. Neu-Rechte und konservative Funktionäre in ganz Europa wissen diese Schnittstelle für sich zu nutzen. Für jedes Tor gibt es eine neue Kriegsmetapher. Und das ist nicht okay.

Elf Jahre später betrachte ich die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer in Russland mit schweren Augen. Irritiert, verwirrt, wütend über meine persönliche Rolle in alldem. Über die nicht-spielerischen Gewinne und Verluste Russlands. Wütend über den Zigarrenrauch, den Putin uns allen metaphorisch ins Gesicht bläst. Unfähig, nachempfinden zu können, wie sich die queere Fußball-Community trotz massiven Gewalt- und Mordandrohungen russischer Fußballfans heute in den Austragungsorten bewegt. Unwissend über die Gelder in Fließbewegungen, die Russland durch diese WM zur Verfügung stehen. Fassungslos und gelähmt durch den Rauch, den ich regelmäßig in verwackelten Handy-Videos aus Ost-Ghouta aufsteigen sehe. Die echten Bomben, die wir in ihrer Stärke nur zu einem minimalen Bruchteil durch unsere Lautsprecher hören. Die Lichter, die längst kein Fest mehr, sondern Krieg bedeuten.

 

 

Foto: Privat

Lena Grehl wurde 1995 in Berlin geboren und lebt und arbeitet hier als selbsternannter Social Media Justice Warrior. Sie ist besonders fasziniert von Dingen, die von männlichen Mitstreitern dominiert und in schriftlicher Form festgehalten werden: Sozialwissenschaften, Journalismus und Kalligraphie. Sie schreibt u.A. für das Missy Magazine, das splash! Mag und stotterte mal für Deutschlandfunk ins Mikrophon. Zur Zeit ist sie freie Redakteurin für den YouTube Kanal „Auf Klo“ und kann die Füße einfach nicht still halten wenn es um Feminismus und Ungerechtigkeiten geht.