Through Their Voices: Die Stimme der Rückkehrerin

Through Their Voices ist eine Interviewserie mit zehn syrischen Aktivisten aus der belagerten Stadt Moaddamiyeh, westlich von Damaskus. Die Stimme der Rückkehrerin gehört Basma, die erzählt, was sie nach der Flucht dazu bewogen hat, in ihre Heimatstadt zurückzukehren.

von Ameenah A. Sawwan

Moaddamiyeh war ein früher Hotspot für die Anti-Assad-Demonstrationen und der darauffolgenden Regierungsunterdrückung. Die Menschen leiden seit vier Jahren unter der Belagerung durch das Assad-Regime und wurden im August 2013 mit chemischen Waffen angegriffenen. Trotz aller Gewalt, die ihnen bis heute widerfährt, haben diese Aktivisten den Glauben an den Frieden auch nach fünf Jahren der Revolution nicht verloren. Es ist höchste Zeit, dass ihre Stimmen Gehör finden. Ihre Worte reflektieren ihre Anstrengungen und Hoffnungen. Die Stimme der Rückkehrerin ist der fünfte Teil der Serie.

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Spielende Kinder im libanesischen Flüchtlingslager in der Bekaa Ebene. Libanon 2015. Foto: Grace Kassab

„Ich bin vollkommen durcheinander. All diese Erinnerungen. Es ist schwer, sie in die richtige Reihenfolge zu bringen. Also, das war so… Ich studierte an der Universität in Damaskus Arabische Literatur. Ich lebe schon immer in Moaddamiyeh und mein Haus liegt dort, wo die Stadt beginnt, an der Hauptstraße. Da, wo ich immer lächeln musste, wenn ich mit dem Mini-Bus von der Universität kam. Der Punkt, an dem ich beinahe Zuhause angekommen war. Aber im Laufe des Jahres 2011 wurde er zu dem Ort, an dem die Streitkräfte der Regierung sich versammelten und ihre Razzien planten, um die Anti-Regierungs-Demonstranten zu verhaften.”

Anfang 2011 studierte Basma noch an der Universität. Doch ab Mai konnte sie die Seminare und Vorlesungen nicht mehr besuchen. Dank der Lage ihres Elternhauses hatte sie gewissermaßen einen Logenplatz, als die Proteste aufkamen.

„An den ersten Demonstrationen gegen die Assad-Diktatur habe ich nicht teilgenommen. Ich war nicht darauf vorbereitet und vielleicht hatte ich auch einfach nicht den Mut. Aber später konnte ich von meinem eigenen Fenster aus beobachten, wie die Sicherheitskräfte des Regimes mit den Demonstranten umgingen. Wie sie sie an ihrer Kleidung packten und über die ganze Straße zerrten. Sie schlugen auf unvorstellbar schreckliche Art und Weise auf sie ein. Junge Männer und Teenager lagen am Boden und ein Polizist sagte, mit seinem Fuß auf ihren Köpfen: »Willst Du immer noch Freiheit? Hier! Ich gebe Dir Freiheit!« Wer das erlebte und nicht daran dachte, sich der Revolution anzuschließen, mit dem ist entweder etwas nicht in Ordnung, oder er sympathisiert mit dem, was dort geschah.“

Je größer die Wut der Menschen wurde, desto mehr Leute schlossen sich den Demonstrationen gegen die Diktatur an. Gleichzeitig agierte das Regime immer brutaler bei den Versuchen, die Aufstände in Moaddamiyeh und anderen Randvierteln von Damaskus zu verhindern.

„Einmal hatten wir länger als eine Woche Ausgangsverbot und Assads Kräfte waren überall in den Straßen. Sie veranstalteten Razzien in der ganzen Stadt und durchkämmten die Häuser – eines nach dem anderen. Eine Seite unserer Küchenwand war komplett verglast, und so konnten wir während des Ausgangsverbotes nicht in die Küche gehen, um uns aus dem Kühlschrank etwas zu essen zu holen. Das war schrecklich. Man hatte nicht einmal Zugriff zu den eigenen Lebensmitteln in der eigenen Küche. Kannst du dir das vorstellen? Ich habe versucht, in die Küche zu gehen, aber ein Soldat brüllte mich an: »Verschwinde, oder ich schieße dir in den Kopf, Hure!«

Später nutzte Basma die Lage ihres Elternhauses, um Aktivisten und Demonstranten zu warnen, wenn sich Regierungskräfte näherten. Auf diese Weise konnten sie rechtzeitig aus der Gefahrenzone verschwinden.

Anfang 2012 wurde Basmas Bruder zum Militär einberufen. Statt Folge zu leisten, floh er aus Syrien in den Libanon. Nach zwei Monaten besuchten Basmas Eltern und ihre jüngeren Geschwister ihn dort. Basma allerdings blieb, sie wollte auch weiterhin ihre Freunde unterstützen.

Im Jahr 2012 kam es zu zwei Massakern in Moaddamiyeh. Eines davon erlebte Basma hautnah mit. Danach ergriff sie die Flucht, um die blutigen Szenen und die Toten in den Straßen hinter sich lassen zu können. Basma folgte ihrer Familie in den Libanon. Kurz darauf begann sie, an Depressionen und Traumata zu leiden.

„Ich war an einem dieser Orte im Bekaa Valley [Zelt- und Wellblech-Camps für Flüchtlinge aus Syrien in der Bekaa Ebene. Anm.d.Ü.] und nur 57 km entfernt vom Zentrum von Damaskus. Es war hart, so nah an Zuhause zu sein und nicht dort hinfahren zu können. Ich hatte nichts zu tun, außer mit der neuen Situation fertig zu werden. Die Lage um mich herum war entsetzlich. Hunderte von syrischen Familien, die ihr Land verlassen hatten, mit nichts im Gepäck als ihren strapazierten Seelen. Ich musste lernen, das Wenige zu schätzen, was ich hatte. Immerhin waren wir nicht in einem Zelt. Da mein Bruder arbeitete, konnten wir uns leisten, ein Haus zu mieten. Die anderen Flüchtlinge lebten in Lagern und waren in einer miserablen Lage. Ich musste etwas dagegen tun. Also schloss ich mich einer wohltätigen Organisation an, die syrische Flüchtlinge im Libanon unterstützte.“

Basmas Aufgabe bestand unter anderem darin, Kleinkinder im Bekaa Valley mit Fertignahrung, Windeln und Decken zu versorgen. Irgendwann wuchs ihr die Arbeit natürlich über den Kopf, gleichzeitig gab es aber immer mehr Anfragen, weitere Familien zu unterstützen – unter ihnen auch Neuankömmlinge, die eine Bleibe suchten.

„Eines Tages kamen meine Großeltern, um uns für ein paar Tage zu besuchen. Ich hatte den ganzen Tag in der Decken-Ausgabe gearbeitet, aber als ich nach Hause kam, konnte ich für mich selbst keine Decke finden. Am nächsten Tag erzählte ich die Geschichte lachend einem Freund, der auch ehrenamtlich half. Er zog los und organisierte uns ein paar Decken. Ich war wirklich sauer, aber als er darauf bestand, nahm ich schließlich eine Decke für mich und gab die restlichen den Menschen im Lager.”

Nach Monaten der ehrenamtlichen Tätigkeit brauchte Basma eine bezahlte Arbeit, um ihre Familie zu unterstützen. Sie bekam eine Anstellung bei einer nicht staatlichen Hilfsorganisation des Bekaa Valley. Die Arbeitsbedingungen waren miserabel. Eines Tages erfuhr sie, dass sie von der Organisation gefeuert worden war. Basma hatte das Gefühl, dass es sich um eine Ungerechtigkeit handelte, sah aber keine Handhabe, Beschwerde einzulegen.

Schließlich fand Basma einen neuen Job. Dieser war keinen Deut besser als der vorherige, aber er bot die Möglichkeit, Zeit mit den Familien im Lager zu verbringen.

„Eng mit diesen Familien zusammenzuarbeiten, war kostbar. Ich wollte nicht weit ab der Realität in einem Büro sitzen. Kurz darauf erhielt ich zusätzlich ein Stipendium für das Studium der Montessoripädagogik. Ich war überglücklich! Ich liebe es, mit Kindern zu arbeiten. Außerdem war es etwas, was wir wirklich brauchten in den Lagern – dort, wo den Kindern so viel fehlt. Ich fing also an, die Kinder nach dem, was ich lernte, zu unterrichten. Lehrmaterialien gab es natürlich kaum. In dem Lager stand ein ausgebrannter Wohnwagen, den niemand benutzte. Ich versuchte also, ihn ein wenig herzurichten und versammelte die Kinder jeden Tag dort. Ich wollte unbedingt etwas für sie tun. Zum Beispiel brachte ich ihnen das Zählen mit Hilfe von Schottersteinen bei.“

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Es gibt keine Spielplätze für die Kinder dort, daher improvisieren sie. Libanon 2015. Foto: Grace Kassab

Basma bemühte sich um finanzielle Unterstützung für das Projekt. Sie wollte die Montessoripädagogik im Lager realisieren, erhielt jedoch keine positiven Rückmeldungen und spürte, dass ihre Depression sich erneut bemerkbar machte. Trotz der fehlenden Unterstützung vollendete sie ihr Projekt.

„Eines Tages meldete sich ein neuer Sponsor, der Familien monatlich mit einer finanziellen Zuwendung unterstützen wollte. Meine Freude war riesig, aber das Glück war nicht von langer Dauer. Der Geldgeber forderte Fotos von den Familien, die seine Hilfe erhalten sollten. Die Vorstellung, die er von den Bildern hatte, klang demütigend. Er wollte ein Bild auf dem die Familie sitzt, ein anderes, auf dem sie steht, ein drittes, auf dem sie isst, ein viertes mit Vergrößerungen und eine lange Liste mit weiteren Posen und Aufstellungen der Familie. Ich war wütend und fühlte mich erniedrigt, aber ich gab natürlich an die Familie weiter, was der Geldgeber forderte. Sie waren empört, und ich hielt zu ihnen. Ich berichtete dem Sponsor, dass seine Forderungen nicht akzeptabel waren. Und so gab er seine monatliche Zuwendung einer anderen Familie, die gezwungen war, all seine Forderungen zu akzeptieren, um ihre Kinder vor dem Hungertod zu bewahren.”

Basma spürte, dass sie so nicht weitermachen konnte. Sie entschloss sich, ihre Familie im Libanon zu verlassen und wieder nach Syrien zu gehen. Sie kehrte zurück nach Moaddamiyeh, wo sie heute – in Zeiten der Belagerung – lebt. Alle Durchgangsstraßen sind seit Anfang 2016 gesperrt. Und doch bedauert sie ihre Entscheidung nicht.

„Ich bin zurückgekehrt, weil ich fühle, dass ich hierher gehöre! Nur Menschen, die die Demütigungen und miserablen Zustände des Flüchtlingslebens empfunden haben, wissen die Würde zu schätzen. Diese bleibt einem – auch in einem solch gefährlichen und belagerten Gebiet – zumindest erhalten. Ich werde meine Entscheidung nie bereuen. Am Anfang, nach meiner Rückkehr, war es schwer, mit den Umständen der Belagerung fertig zu werden. Aber jetzt bin ich eindeutig stärker. Ich arbeite daran, mein eigenes Projekt aufzuziehen. Ich will die Montessoripädagogik den traumatisierten Kindern zuteilwerden lassen, die hier mit den Konsequenzen der Belagerung leben müssen. Ich habe etwas zu geben, und ich bin zurückgekommen, um es an diese Kinder weiterzugeben.“

 

In zwei Wochen erscheint an dieser Stelle die sechste Folge der Reihe Through Their Voices : Die Stimme des Künstlers, ein Interview mit Abu Numair, der Kunst-Workshops für die traumatisierten Kinder seiner Heimatstadt organisiert. Er spricht darüber, wie ihm die Kunst dabei hilft, mit der Krise umzugehen.

Bereits erschienen sind Die Stimme des Träumers (1) / (2) , Die Stimme der LehrerinDie Stimme des Sanitäters und Die Stimme des Hoffnungsgebers.

 

 

 

Ameenah A. Sawwan ist eine syrische Aktivistin und Journalistin aus Moaddamiyeh. Sie macht in ihren Texten auf Menschenrechtsverletzungen in den Krisengebieten Syriens aufmerksam. Ihre Augenzeugenberichte des Giftgasangriffs von 2013 waren Teil einer großen Aufklärungskampagne in den USA. Ameenah A. Sawwan bringt Geschichten aus dem Inneren Syriens ans Licht und zeigt uns Seiten ihres Heimatlandes, die heute kaum mehr sichtbar sind.

Aus dem Englischen: Katja Doubek