Through Their Voices: Die Stimme des Augenzeugen

In der neunten Folge unserer Interviewserie mit syrischen Aktivisten aus der Stadt Moaddamiyeh erzählt Ghassan Abu Ahmad, langjähriger Mitarbeiter des Kulturzentrums, warum er es so wichtig findet, auch weiterhin gegen die Unterdrückung zu kämpfen.

von Ameenah A. Sawwan

Moaddamiyeh war ein früher Hotspot für die Anti-Assad-Demonstrationen und der darauffolgenden Regierungsunterdrückung. Die Menschen leiden seit vier Jahren unter der Belagerung durch das Assad-Regime und wurden im August 2013 mit chemischen Waffen angegriffenen. Trotz aller Gewalt, die ihnen bis heute widerfährt, haben diese Aktivisten den Glauben an den Frieden auch nach fünf Jahren der Revolution nicht verloren. Es ist höchste Zeit, dass ihre Stimmen Gehör finden. Ihre Worte reflektieren ihre Anstrengungen und Hoffnungen. 

Ein durch den Beschuss von Regierungstruppen zerstörtes Gebäude in Moadamaiyeh. Moadmaiyeh 2015. Foto: Ghassan
Ein durch den Beschuss von Regierungstruppen zerstörtes Gebäude in Moadamiyeh.
Moadamiyeh 2015. Foto: Ghassan

Ghassan Abu Ahmad arbeitete seit 1998 für das Kulturzentrum von Moaddamiyeh. Nachdem er die ersten Monate syrischer Aufstände miterlebt hatte, wollte er sofort seinen Job kündigen, um an der revolutionären Bewegung teilzunehmen. Ghassan ist dreifacher Vater und lebt mit seiner Familie in Moaddamiyeh.

“Ich habe beide Assads erlebt, Vater und Sohn. Dementsprechend gehörte ich 2000 nicht zu denen, die dachten, dass der Sohn besser wäre als sein Vater. Wir wussten, dass der Sohn nur die Unterdrückung fortsetzte, mit der sein Vater begonnen hatte und die ich seit 1979 selber erlebt habe, wie z.B. 1982 in Hama während des Massakers.

Bashar Al-Assad versucht vorzutäuschen, dass er fortschrittlicher ist und offener für neue Ideen. In Wirklichkeit bewegt er sich in den Fußstapfen seines Vaters. Einer meiner Freunde saß unter Hafez Al-Assad 13 Jahre im Gefängnis und jetzt ist sein Sohn unter dem Regime vom Bashar Al-Assad seit vier Jahren inhaftiert.”

Ghassan spürte die Ungerechtigkeiten in Syrien am eigenen Leib. Es schien ihm, als seien alle wichtigen Positionen in Syrien von Anhängern des Regimes besetzt. Dies galt besonders für Damaskus. Dort bauten die Herrschenden ihre Macht aus, um die Kontrolle vollständig an sich zu reißen.

“Ich liebte meine Arbeit im Kulturzentrum. Es gab dort eine große Bibliothek, und da ich nicht besonders viel zu tun hatte, konnte ich die meiste Zeit mit Lesen verbringen. Das Kulturzentrum in Moaddamiyeh befindet sich im gleichen Gebäude wie das Bürgermeisteramt.”

Das Kulturzentrum von Moaddamiyeh lag im dritten Stockwerk, das Rathaus im ersten. Aber durch die Fenster im dritten Geschoss konnte man viel hören und sehen. Vor eben diesem Rathaus fand die erste Demonstration statt. Dadurch wurde das Bürgermeisteramt zu dem Ort, an dem sich Assads Kräfte versammelten, um ihre Angriffe auf die Demonstranten zu planen. Außerdem brachten sie ihre Gefangenen zuerst dorthin, bevor sie sie anschließend auf verschiedene Gefängnisse verteilten.

Seinerzeit arbeitete Ghassan noch im Kulturzentrum und niemand bemerkte, dass er viel mehr Zeit dort verbrachte, als seine Arbeit erforderlich machte.

Manchmal blieb er sogar über Nacht im Büro. Ohne Licht, ganz still, saß er im Dunkeln so nah wie möglich am Fenster. Über sein Mobiltelefon informierte er seine Freunde in anderen Stadtvierteln über das, was er sah, unter anderem auch darüber, wer verhaftet worden war. Er schickte vermeintlich harmlose Nachrichten. Die Botschaften dahinter waren mit einem Code verschlüsselt, den sie gemeinsam entwickelt hatten. So konnte niemand außerhalb der Gruppe etwas damit anfangen. Ghassan war fest entschlossen, so umfangreich wie möglich zu helfen. Menschen, die sich auf Assads Seite schlugen oder entschieden, neutral zu bleiben, enttäuschten ihn maßlos.

“Ich habe Grauzonen immer gehasst. Für mich ist das Leben entweder schwarz oder weiß. Und das gilt auch für Ansichten. Man muss sich entscheiden – willst du auf der Seite der unterdrückten Menschen stehen oder beim Unterdrücker? Das ist der Grund, warum ich mich beteiligen musste. Ich hatte und habe noch immer eine sehr dezidierte Meinung zu dem, was hier stattfindet. Als ich zum ersten Mal in einer Demonstration mit skandierte, fühlte ich mich wie neu geboren. Es war mir gleichgültig, ob ich zu Frau und Kindern zurückkehren würde. Es kümmerte mich nicht, ob der Sicherheitsdienst in den dritten Stock kommen und herausfinden würde, dass ich dort versteckt, jede Nacht detailliert über ihre Aktionen berichtete.

Es war ein unglaubliches Gefühl, unser Sprechchor klang wie von einer einzigen Person, mit einem einzigen Herzen. Während der Demonstration verschwand jeder Unterschied zwischen uns. Wir waren alle Syrer, die Veränderung und eine bessere Zukunft wollten. Ganz ehrlich, ich habe mir keinerlei Sorgen gemacht und habe auch keine Angst gehabt. Eine Revolution wie diese war uns unmöglich erschienen und plötzlich erkannten wir, dass die Syrer das Unmögliche taten und die Ketten der Angst sprengten.”

In den folgenden Monaten wurde die Lage zunehmend schwieriger. In Moaddamiyeh überschlugen sich die Ereignisse. Viele Menschen wurden während der Demonstrationen getötet. Ghassan fing an, alles, was ihm vor die Linse kam, mit seinem einfachen Handy aufzunehmen.

“Ich besitze Tausende Fotos und Videos, die ich in den letzten fünf Jahren aufgenommen habe. Ich selbst war nicht besonders aktiv in den sozialen Medien. Aber ich stellte meinen Freunden das gesamte Material zur Verfügung, damit sie es online veröffentlichten.”

Nach dem Blutvergießen, das Moaddamiyeh 2012 erlebt hatte, begannen Ghassan und eine Gruppe von Aktivisten, die durch das Regime verursachten Schäden in der Stadt zu dokumentieren. Ghassan war ununterbrochen mit der Kamera unterwegs und filmte alles, was er um sich herum wahrnahm. All denjenigen, die der Meinung sind, 53 ist ein Alter, in dem es ein bisschen spät ist, noch Fotograf zu werden, hat Ghassan das Gegenteil bewiesen.

“Es war ausgesprochen wichtig, alles, was wir gesehen haben und noch sehen werden, zu dokumentieren. Ich wünschte, ich hätte die Möglichkeit gehabt, alles aufzuzeichnen, was ich bisher in meinem Leben erlebt habe. Es war eine lange Reise und erst jetzt, nachdem alles dokumentiert ist und darüber gesprochen wird, sehe ich, wie wichtig es ist, Augenzeuge zu sein.”

Ghassan entschied, sein Schicksal mit dem von Moaddamiyeh zu verknüpfen und auch während der Belagerung in der Stadt zu bleiben.

“Alles, was geschah und geschieht, berührt mich natürlich auf vielfältige Weise. Aber ich habe viel zu tun. Nur durch meine Arbeit kann ich mit der Traurigkeit und der Verzweiflung, die hier herrschen, umgehen. Als mein Vater durch einen Heckenschützen getötet wurde, dokumentierte ich sein Begräbnis. Es war in Wirklichkeit gar kein Begräbnis. Wir wurden die ganze Zeit bombardiert und beschossen. Ich habe nicht geweint. In mir verspürte ich tiefsten Schmerz, aber wir haben hier keine Zeit für Trauer. Wir müssen weitermachen und noch härter arbeiten.“

Zurzeit arbeitet Ghassan an seinem Projekt. In der Hoffnung, dass die Wahrheit eines Tages ihren Weg in die Welt findet, sammelt und dokumentiert er alle Zeugenaussagen und Interviews, die er während der Belagerung von den Menschen bekommt.

”Wir müssen fortführen, was wir begonnen haben. Für uns gibt es keine halbe Revolution. Jetzt müssen wir den Aufstand gegen die Unterdrücker in Syrien zu Ende bringen. Die Unterdrücker, wer auch immer sie sind, müssen gehen!”

 

In zwei Wochen erscheint an dieser Stelle die letzte Folge der Reihe Through Their Voices : Die Stimme des Überlebenden, ein Interview mit Samer Abu Amer, dem es mehrmals gelang, den Kräften des Regimes zu entkommen und der unermüdlich an einer besseren Zukunft arbeitet.

Bereits erschienen sind Die Stimme des Träumers (1) / (2) , Die Stimme der LehrerinDie Stimme des Sanitäters, Die Stimme des HoffnungsgebersDie Stimme der Rückkehrerin, Die Stimme des KünstlersDie Stimme des Chronisten und Die Stimme der Mentorin.

Ameenah A. Sawwan ist eine syrische Aktivistin und Journalistin aus Moaddamiyeh. Sie macht in ihren Texten auf Menschenrechtsverletzungen in den Krisengebieten Syriens aufmerksam. Ihre Augenzeugenberichte des Giftgasangriffs von 2013 waren Teil einer großen Aufklärungskampagne in den USA. Ameenah A. Sawwan bringt Geschichten aus dem Inneren Syriens ans Licht und zeigt uns Seiten ihres Heimatlandes, die heute kaum mehr sichtbar sind.

Übersetzung aus dem Englischen: Katja Doubek