Through Their Voices: Die Stimme des Künstlers

Through Their Voices ist eine Interviewserie mit zehn syrischen Aktivisten aus der belagerten Stadt Moaddamiyeh, westlich von Damaskus. Die Stimme des Künstlers gehört Abu Numair, der von seiner künstlerischen Arbeit mit den Kindern in Moaddamiyeh und von seiner Wahrnehmung eines Lebens unter Belagerung erzählt.

von Ameenah A. Sawwan

Moaddamiyeh war ein früher Hotspot für die Anti-Assad-Demonstrationen und der darauffolgenden Regierungsunterdrückung. Die Menschen leiden seit vier Jahren unter der Belagerung durch das Assad-Regime und wurden im August 2013 mit chemischen Waffen angegriffenen. Trotz aller Gewalt, die ihnen bis heute widerfährt, haben diese Aktivisten den Glauben an den Frieden auch nach fünf Jahren der Revolution nicht verloren. Es ist höchste Zeit, dass ihre Stimmen Gehör finden. Ihre Worte reflektieren ihre Anstrengungen und Hoffnungen. Die Stimme des Künstlers ist der sechste Teil der Serie.

Abu Numair with one of his posters for the Detainees' advocacy campaign. Moadamiyeh 2016. Photo: Private
Abu Numair mit einem seiner Bilder der Kampagne für die Verteidigung der Gefangenen. Moaddamiyeh 2016. Foto: Privat

Abu Numair ist Cartoonist, Karikaturist und Video-Experte. Zurzeit arbeitet er in Moaddamiyeh als Kunstlehrer für Kinder. In den vergangenen fünf Jahren hat Abu Numair die belagerte Stadt, in der er mit Frau und Kindern lebt, nicht verlassen. Vor der Syrischen Revolution hat er als Video-Techniker für das syrische Fernsehen gearbeitet.

„Eines Tages fand im Zentrum von Damaskus eine Demonstration statt. Ich befand mich mit einem Fernseh-Team mittendrin. Wir drehten gerade eine Serie. Die Situation war furchtbar. Sicherheitskräfte tauchten auf, schlugen und verhafteten Demonstranten. Sie kamen zu mir und nahmen mir das Aufzeichnungsband weg. Sie vermuteten, dass wir etwas für sie Unangenehmes aufgezeichnet haben könnten. Ich weiß nicht, wie ich es geschafft habe, nicht zu sagen ›Zur Hölle mit Euch und Eurem Präsidenten!‹. Stattdessen verließ ich den Ort des Geschehens und ging zurück nach Moaddamiyeh. Dort wurde ich Zeuge weiterer Demonstrationen, in die ich schließlich hinein geriet. Ich beschloss, nicht nach Damaskus und zu meiner Arbeit zurückzukehren. Ich wusste, wenn diese Art von Unterdrückung weiterhin direkt vor meinen Augen geschehen würde, könnte ich es nicht ertragen, nur schweigend zu beobachten, wie ich es beim ersten Mal getan habe.“

Seit Beginn der syrischen Revolution brachte Abu Numair täglich eine neue Zeichnung zu Papier. Er begann, all seine Kunstwerke und Karikaturen zu archivieren. 2011 half er, große Plakate für die Demonstrationen zu entwerfen. Mittels seiner aktuellen Zeichnungen versucht er meistens sowohl die Lage in Moaddamiyeh, als auch die politische Situation in Syrien zu reflektieren. Während des Belagerungszustands organisiert Abu Numair Kunst-Workshops für die Kinder seiner Stadt.

“Die Kinder hier sind wirklich traumatisiert und müde. Seit fünf Jahren geht das schon so. Einige von ihnen sind erst fünf Jahre alt und haben nichts anderes gesehen und erlebt als Leid, Blockade und Gewalt. Als ich die Kinder zum ersten Mal bat, etwas zu zeichnen, malten sie Panzer, Raketen, Blut und Leichen. Ich versuchte sie zu animieren etwas Farbenfrohes zu zeichnen, wie eine Rose oder einen Baum oder Zeichentrick-Figuren. Einige von ihnen wussten nicht einmal, was eine Rose oder wer Micky Maus ist. Sie haben noch nie Fernsehen gesehen. Sie benutzten meistens dunkle Farben und behaupteten, dass sie helle Farben nicht mögen.“

Abu Numair erklärt, dass die Situation so ernst ist, dass all seine Bemühungen kaum ins Gewicht fallen. Immerhin hat er es geschafft, für etwa 90 Kinder zwischen fünf und fünfzehn Jahren regelmäßig Kurse anzubieten. Er sammelt alle ihre Zeichnungen, schreibt die Namen der Kinder darauf und hofft, sie eines Tages in einer Ausstellung zeigen zu können. Da es ihm fast an allen notwendigen Materialien fehlt, vermutet er, dass nur 15% seiner Schüler psychologisch profitieren können.

“Es ist sehr schwer, in einer solchen Situation mit Kindern umzugehen. Letztendlich bin ich natürlich kein Psychiater, aber ich gebe mein Bestes, um ihnen zu helfen, sich besser zu fühlen. Eigentlich bräuchte ich ein größeres Team und angemessenes Material, ganz zu schweigen von spezialisierten Psychiatern. Diese Kinder wurden geboren und leben mit Bombardierungen und Hunger. Ich hasse es, so etwas sagen zu müssen, aber sie sind wie kleine Monster. Sie bekommen kein Essen, sie leben die ganze Zeit in Unsicherheit, und sie empfinden, dass sie kämpfen müssen, um zu überleben. Sie sehen, wie Helfer ihre belagerte Stadt betreten und sie spüren, dass sie kämpfen müssen, um als Erste in der Schlange zu stehen und an die Lebensmittel zu kommen. Ich sehe das in dem Bewusstsein, dass es kaum möglich ist, etwas dagegen zu unternehmen und fühle mich niedergeschlagen und nutzlos. Mit meiner Kunst kann ich ihre ausgemergelten Körper nicht füttern und ihre verwundeten Herzen nicht heilen.“

Abgesehen von seiner Arbeit mit den Kindern unterstützt Abu Numair Sensibilisierungskampagnen. Er malt Wandgraffiti und kommentiert so die aktuelle Situation in Moaddamiyeh. Außerdem besucht er Leute in der Stadt und bemüht sich, durch Gespräche, die Familien der Gefangenen und Leidtragenden zu unterstützen. Abu Numair erzählt, dass die Familien sich mit einer Menge Widrigkeiten auseinandersetzen müssen, sich jedoch niemals mit dem Verlust ihre Ehre abfinden würden.

“Wir haben an der Revolution teilgenommen, weil wir unsere Ehre bewahren wollten. Jetzt nach all den Verlusten und dem Horror, den wir durchgemacht haben, können sie uns nicht zwingen, einen Teil unserer Ehre zu verlieren. Hungern ist eine wirkliche Demütigung. Wir haben nicht fünf Jahre gekämpft, damit wir uns schließlich in einer Schlange wiederfinden, um einen Korb mit Essen zu bekommen. Wir haben wahnsinnig gelitten und wir haben eine Menge verloren, wir haben einen enormen Preis für unsere Ehre gezahlt. Dazu gezwungen, um Lebensmittel zu kämpfen, leben die Menschen unter einem enormen Druck. Das Regime setzt den Hunger wie eine Waffe ein.“

Ein weiteres wichtiges Thema für Abu Numair sind die Probleme mit der Internetverbindung und anderen notwendigen Kommunikationsmitteln in der Stadt. Denn Moaddamiyeh ist seit fast vier Jahren von den regulären Verbindungssystemen abgeschnitten.

“Es ist schwer für uns, weil wir überhaupt keine Ahnung von dem haben, was außerhalb der Stadt los ist. Und mit ‚keine Ahnung‘ meine ich tatsächlich keine Ahnung. Was gleichzeitig bedeutet, dass die Leute außerhalb der belagerten Gebiete auch keine Ahnung haben von dem, was hier passiert. Also wissen sie auch nicht, dass hier Kinder verhungern. Ich wünschte, dass jeder Mensch mit einem lebendigen Bewusstsein unsere Nachrichten verfolgen könnte und über unsere Kinder nachdenken würde und dann versuchen würde, sich die eigenen Kinder in einer ähnlichen Situation vorzustellen. Die Medien des Regimes sagen nicht die Wahrheit. Sucht die Wahrheit, Leute! Unterstützt die Wahrheit! Es ist wirklich unglaublich, dass all dies im Jahr 2016 passiert. Die Situation ist katastrophal, und die Versorgungswege sind seit Anfang 2016 abgeriegelt. Diesmal wollen wir von euch keine Hilfe. Stattdessen, wollen wir, dass die Belagerung gebrochen wird. Brecht die Belagerung nicht nur für die verhungernden Menschen, sondern für die Herzen unserer Kinder, die momentan von Dunkelheit erfüllt sind.”

Abu Numair beim Zeichnen. Moaddamiyeh 2016. Foto: Privat
Abu Numair beim Zeichnen. Moaddamiyeh 2016. Foto: Privat

In zwei Wochen erscheint an dieser Stelle die siebte Folge der Reihe Through Their Voices : Die Stimme des Chronisten, ein Interview mit Abdulrahman, der erzählt, warum es ihm besonders wichtig ist, die Vorkommnisse in der belagerten Stadt, mithilfe von Stift und Papier, festzuhalten.

Bereits erschienen sind Die Stimme des Träumers (1) / (2) , Die Stimme der LehrerinDie Stimme des Sanitäters, Die Stimme des Hoffnungsgebers und Die Stimme der Rückkehrerin.

Ameenah A. Sawwan ist eine syrische Aktivistin und Journalistin aus Moaddamiyeh. Sie macht in ihren Texten auf Menschenrechtsverletzungen in den Krisengebieten Syriens aufmerksam. Ihre Augenzeugenberichte des Giftgasangriffs von 2013 waren Teil einer großen Aufklärungskampagne in den USA. Ameenah A. Sawwan bringt Geschichten aus dem Inneren Syriens ans Licht und zeigt uns Seiten ihres Heimatlandes, die heute kaum mehr sichtbar sind.

Aus dem Englischen: Katja Doubek