Through Their Voices: Die Stimme des Überlebenden

In der zehnten und letzten Folge unserer Interviewserie mit syrischen Aktivisten aus der Stadt Moaddamiyeh erzählt Samer Abu Amer, wie es ihm gleich mehrmals gelang, den Kräften des Regimes zu entkommen und wie er auch weiterhin unermüdlich für eine bessere Zukunft kämpft.

von Ameenah A. Sawwan

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Samer während er ein Interview mit einem anderen Aktivisten führt. Moaddamiyeh 2016. Foto: Privat

Moaddamiyeh war ein früher Hotspot für die Anti-Assad-Demonstrationen und der darauffolgenden Regierungsunterdrückung. Die Menschen leiden seit vier Jahren unter der Belagerung durch das Assad-Regime und wurden im August 2013 mit chemischen Waffen angegriffenen. Trotz aller Gewalt, die ihnen bis heute widerfährt, haben diese Aktivisten den Glauben an den Frieden auch nach fünf Jahren der Revolution nicht verloren. Es ist höchste Zeit, dass ihre Stimmen Gehör finden. Ihre Worte reflektieren ihre Anstrengungen und Hoffnungen. 

Der syrische Aktivist Samer Abu Amer lebt derzeit in Moaddamiyeh. 2001 verlor er seinen Bruder Maher. Während dieser seinen Militärdienst ableistete, kam Maher unter mysteriösen Umständen durch einen Kopfschuss ums Leben.

„Mein Bruder war so voller Vitalität – und sie brachten ihn mit einer Kugel im Kopf zurück. Damals wurden wir von der Assad-Familie bedroht, so hatten wir nicht einmal die Möglichkeit, nach dem Wie und Warum zu fragen. Das war durchaus üblich in Syrien, viele Familien verloren ihre Söhne, während sie ihren Militärdienst für das Heimatland absolvierten. Es war keineswegs leicht für uns. Unterdrückung ist das Allerschlimmste, und wir durften nicht einmal darüber sprechen.“

Doch auch das, was später folgte, war nicht eben einfach für Samer. Während er das Gymnasium besuchte, wurde er von den Söhnen ranghoher Offiziere des syrischen Geheimdienstes drangsaliert. Eines Tages schnappten ihn die Jungen, fesselten ihn und legten ihn vor die Räder ihres Autos auf die Straße. Dann drohten sie ihn zu überfahren und lachten ihn aus.

„Und auch diesmal hatte meine Familie keine Möglichkeit, etwas dagegen zu unternehmen. Statt dass mir jemand half, flog ich von der Schule, als ich versuchte, mich bei der Leitung zu beschweren.“

Samer studierte Maschinenbau und machte gerade seinen Abschluss, als die Syrische Revolution begann. Am 21. März fand die erste Demonstration in Moaddamiyeh statt – und Samer nahm daran teil. Die Situation war äußerst heikel: Samer hatte just einen chirurgischen Eingriff an den Nebenhöhlen überstanden und checkte im Krankenhaus auf Facebook die aktuellen Meldungen aus Moaddamiyeh. Die Nachricht, dass seine Freunde demonstrieren wollten, wühlte ihn derart auf, dass er unbedingt dabei sein wollte.

„Ich verließ das Krankenhaus früher als vorgesehen und ging demonstrieren. Assads Kräfte tauchten auf und setzten Tränengas ein. Ich litt furchtbar, denn meine Nasenoperation war ganz frisch. Als sie kamen, um Leute zu verhaften, hätte ich rennen müssen, um ihnen zu entkommen. Aber ich konnte nicht rennen. Also blieb mir nichts übrig, als mich in den alten Rohren der Kanalisation zu verstecken. Sechs volle Stunden harrte ich dort aus, ständig in der Angst zu ersticken, weil ich kaum Luft bekam. Meine Familie dachte, ich wäre getötet worden. Aber schließlich zogen Assads Leute ab, und ich hatte endlich die Möglichkeit, die Rohre zu verlassen. Rohre, in denen ich geglaubt hatte, meinen letzten Atemzug tun zu müssen.“

Später arbeitete Samer als ehrenamtlicher Korrespondent für ein revolutionäres Netzwerk und berichtete über die Zustände in Moaddamiyeh. Demonstrationen, an denen er teilnahm, zeichnete er auf und stellte die Videos auf YouTube ein. Seine Aktivitäten erstreckten sich von Moaddamiyeh auf weitere Gebiete, inklusive Damaskus und der zugehörigen Vorstädte. Im April 2011 wurde sein Cousin während einer Demonstration von den Kräften des Regimes erschossen.

Es nahte der Zeitpunkt, an dem Samer seinen Militärdienst leisten sollte, also war es ratsam zu verschwinden. Irgendwann hörte er jedoch auf, ständig seine Behausung zu wechseln, weil es unmöglich wurde, die Kontrollpunkte der Regierung zu umgehen. Samer begann, sich in der Flüchtlingshilfe in Moaddamiyeh zu engagieren und unterstützte im Anschluss an das Massaker von Homs vor Ort IDP-Familien (IDP > Internally displaced person > Binnenflüchtling > Binnenvertriebene/r A.d.Ü). Das Regime steigerte seine Brutalität und in Moaddamiyeh häuften sich Spontanrazzien, mit dem Ziel Aktivisten zu verhaften.

„Ich war Zuhause und hörte, wie sie in unser Haus eindrangen. Dann hastete ich auf den kleinen Dachboden und versteckte mich dort in einem großen Karton voller Kleidungsstücke. Sie kamen ins Haus und blieben ganze zwei Tage. Zwei Tage lang war ich gefangen, konnte mich überhaupt nicht bewegen. Mein Durst war unerträglich, und ich wagte kaum zu atmen. Nach zwei Tagen Durst und Anspannung, verlor ich beinahe die Kontrolle über die Situation und war fast so weit, mich zu ergeben. Da plötzlich verließen sie das Haus und ich hatte erneut die Chance zu überleben. Meine Familie wiederum befürchtete, dass ich getötet worden sei, weil ich verschwunden war. Aber ich konnte meine Haut retten.“

Trotz eines weiteren Massakers verließ Samer die Stadt nicht. Vielmehr versuchte er, via Internet, Kontakt zu seinen Freunden zu halten, um sie über die Lage in seiner Umgebung zu informieren. Gerade beobachtete er die Straße und tippte einen Bericht auf seinem Handy, als ihn auf einmal jemand schubste. Er war geschockt: Es war ein Soldat. Irgendwie gelang es Samer, sich seines Handys zu entledigen, während der Soldat ihn abführte und zu einem Geheimdienst-Offizier auf der anderen Straßenseite brachte. Man stülpte ihm eine schwarze Tüte über den Kopf und fesselte ihn an Händen und Füßen. Während sie auf ihn einschlugen, hörte er das Geräusch eines Fahrzeuges. Es war der Bus, der die Gefangenen zu den Verhören bringen sollte.

„Als sie mich in den Bus stießen, hörte ich eine weibliche Stimme, die laut schrie: ‚Stopp! Stopp! Lasst ihn in Ruhe! Das ist mein Sohn!‘ Aber ich erkannte die Stimme nicht, sie kam mir überhaupt nicht vertraut vor. Ich fühlte Hände, die von beiden Seiten an mir herumzerrten und hörte, wie eine Frau mit ihnen stritt. Es schien, als ob sie versuchte, sie davon abzuhalten, mich in den Bus zu verfrachten. Gleichzeitig probierten Assads Männer mich in den Bus hinein zu manövrieren. Die Rangelei dauerte länger als eine Viertelstunde. Dann brüllte ein Offizier sie an, sie sollte sich mit mir zum Teufel scheren. Aber wenn ich ihm jemals wieder über den Weg liefe, würde er mir eine Kugel in den Schädel jagen. Ich ging mit ihr, und als wir ein Stück entfernt waren, nahm ich die Tüte ab, um sie zu sehen. Tränen standen in ihren Augen und sie lächelte und weinte gleichzeitig. Ich kannte sie nicht und sie kannte mich nicht, aber sie rettete mein Leben und so kam ich noch einmal davon.“

Ende 2012 ergänzte Samer seine Tätigkeit für die Medien und die Flüchtlingshilfe um die freiwillige Arbeit in einem Feldlazarett. Als er das chemische Gemetzel im Lazarett dokumentierte, erwischte ihn das synthetische Gas. Inzwischen befand sich Moaddamiyeh im Belagerungszustand und 12 Menschen waren bereits verhungert. Die Einwohner von Moaddamiyeh sahen sich gezwungen, einer Waffenruhe mit dem Regime zuzustimmen: Der Hunger war für die Bevölkerung letztendlich noch schlimmer als Chemikalien.

Samer begann, ehrenamtlich in einer Bäckerei zu arbeiten. Dort backte er und half bei der Verteilung der Brote. Eines Tages wurden die Versorgungskorridore nach Moaddamiyeh erneut für die Dauer von 40 Tagen gesperrt; und für weitere vier Monate; noch einmal für sechs Monate; und zuletzt seit Anfang 2016. Während des gesamten Zeitraumes arbeitete Samer daran, die dringendsten Bedürfnisse während der Belagerung zu dokumentieren. Er schloss sich mit anderen Aktivisten zusammen, um das Regime und die internationale Gemeinschaft unter Druck zu setzen, die Korridore zu öffnen.

„Ich bin dem Tod mehrmals entronnen und jetzt lebe ich aus einem ganz bestimmten Grund! Gott soll mich nutzen! Gott soll mich da einsetzen, wo ich helfen kann! Ich wiederhole das immer wieder. Ganz gleich, was geschah, ich will noch immer helfen und stehe zur Verfügung. Ich denke an all diese Schwierigkeiten und die schrecklichen Umstände bestehen nur für einen gewissen Zeitraum. Eines Tages sind es Erinnerungen, auf die wir uns nicht gerne zurückbesinnen werden.“

 

Dies war die letzte Folge der Reihe Through Their Voices. Die Teile 1-9 sind bereits erschienen:  Die Stimme des Träumers (1) / (2) , Die Stimme der LehrerinDie Stimme des Sanitäters, Die Stimme des HoffnungsgebersDie Stimme der Rückkehrerin, Die Stimme des KünstlersDie Stimme des Chronisten, Die Stimme der Mentorin und Die Stimme des Augenzeugen.

Ameenah A. Sawwan ist eine syrische Aktivistin und Journalistin aus Moaddamiyeh. Sie macht in ihren Texten auf Menschenrechtsverletzungen in den Krisengebieten Syriens aufmerksam. Ihre Augenzeugenberichte des Giftgasangriffs von 2013 waren Teil einer großen Aufklärungskampagne in den USA. Ameenah A. Sawwan bringt Geschichten aus dem Inneren Syriens ans Licht und zeigt uns Seiten ihres Heimatlandes, die heute kaum mehr sichtbar sind.

Übersetzung aus dem Englischen: Katja Doubek