Vom Fleischwolf zum „Aleppo Supper Club“

Der Traum vom eigenen Restaurant. Marion Detjen über den langen Weg einer syrischen Familie, die versucht, in Berlin Fuß zu fassen.

von Marion Detjen

Berlin 2016. Foto: Wir machen das
Durch das Kochen holt sich Huda ein bisschen Syrien zurück in ihr Leben und in unsere gemeinsame Gegenwart. Berlin 2016. Foto: Wir machen das

Als Huda hier ankam, hatte sie einen Koffer dabei. Der Koffer war schwer, als hätte sie Steine aus Aleppo hierher geschleppt. Er barg, neben Gewürzen und ihrem Wintermantel, einen riesigen altmodischen elektrischen Fleischwolf. Ohne den Fleischwolf, den man braucht, um Kibbeh zuzubereiten, wollte Huda nicht fliehen. Kibbeh sind Kugeln, Klöße, aus Bulgur, Hackfleisch und Zwiebeln, auch mal mit Nüssen und Rosinen, in unterschiedlichsten Mischungsverhältnissen. Oft werden die Kugeln frittiert oder geröstet, es gibt sie aber auch roh und scharf gewürzt oder –  besonders lecker – überhaupt nicht kugelig, sondern als Kuchen gebacken in einer Form. Eine Kibbeh-Mahlzeit wird als Hauptgericht gegessen. Dazu werden Salate gereicht und andere gefüllte, gebackene oder frittierte Köstlichkeiten wie die Ousi – hauchdünner Blätterteig mit einer Reis-Erbsen-Nuss-Füllung. Oder diese Teigtaschen mit Käse darin, ihr Name fällt mir gerade nicht ein.

Huda hat recht, Kibbeh und Fleischwolf müssen sein, und diesen ersten Winter ihrer Familie in Deutschland, diesen harten Neuanfang, wo viel geweint und gehadert wurde, hätten wir alle ohne die Kibbeh viel schlechter überstanden. Immer, wenn wir sie besuchen, holt Huda aus der Küche kleine Speisen, die wir mit der Hand essen, während im Fernsehen Al Jazeera oder Al Arabiya läuft, mit Szenen, deren Bildersprache uns genauso unverständlich ist wie das dazu gesprochene Arabisch.

In Aleppo war Huda Hauswirtschaftslehrerin, sie könnte auch nähen oder töpfern oder Malkurse geben. Aber seit sie in Deutschland ist, will sie unbedingt nur noch kochen. Durch das Kochen holt sie ein bisschen Syrien zurück in ihr Leben und in unsere gemeinsame Gegenwart. Jenes Syrien, das sie zerstört zurückgelassen hat, für das sie keine Zukunft mehr sieht und nach dem sie sich trotzdem so schrecklich sehnt, dass sie jeden Tag weinen muss. Bald will sie anfangen, Geld zu verdienen, und wir haben versprochen, dass wir ihr helfen. Das Projekt heißt „Aleppo Supper Club“. Man kann Huda bereits für ein Catering buchen. Sie kocht zu Hause, ihre erwachsenen Kinder helfen beim Einkaufen, beim Transport zum Kunden und natürlich beim Bedienen des Fleischwolfs und beim Frittieren. Und wir, wir Deutsche, machen das ganze Drumherum: das Budget, die Abrechnungen, die Kundenakquise unter unseren Freunden und Bekannten, die Besprechung der Speisefolgen, (leider auch) den Transport mit dem Auto, das Besorgen des Geschirrs, und meistens helfen wir auch beim Abwasch. Irgendwann bald wird der älteste Sohn seinen syrischen Führerschein auch in Deutschland verwenden dürfen und die Transporte selbst machen können. Irgendwann bald wird ihr Deutsch so gut sein, dass sie selbst mit den Kunden verhandeln werden. Irgendwann bald werden sie fit genug sein, um ein Restaurant zu eröffnen. Ein Begegnungsort, auch ein Ausstellungsort, ein Erinnerungsort an das untergegangene Aleppo, mit dem Fleischwolf als prominentestem Ausstellungsstück.

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Ohne den Fleischwolf, den man braucht, um Kibbeh zuzubereiten, wollte Huda nicht fliehen. Berlin 2016. Foto: Wir machen das

Und Huda ist ja nicht die einzige Syrerin, die leidenschaftlich kocht. Wir sind dabei, uns mit anderen Köchinnen, Köchen und Kochinitiativen zu vernetzen, um das Catering größer aufzuziehen. Mehrere Restaurants wollen helfen und haben den „Aleppo Supper Club“ für vereinzelte Gänge und Aufträge bereits gebucht. Gemeinsam werden wir versuchen, eine Struktur zu finden, damit auch die Newcomer in den Notunterkünften vom „Aleppo Supper Club“ profitieren können und nicht mehr den grausigen Fraß essen müssen, der ihnen dort serviert wird. Bis dahin ist noch eine ziemliche Wegstrecke, aber: Wir machen das!