Von der Ökonomie in unseren Beziehungen – Die „Wechselstube“ im Deutschen Theater

Am 1. Mai eröffnet auf dem Vorplatz des DT die „Wechselstube“ – ein Projekt mit neuen und alten Berlinern, das irgendwo zwischen Theaterstück und Speed-Dating changiert.

von Caroline Kraft

Berlin 2016. Foto: Wechselstube
Berlin 2016. Foto: Wechselstube

„Sind alle unsere Beziehungen von ökonomischen Faktoren bestimmt?“ Diese Frage ist es, die der „Wechselstube“ zugrunde liegt. Das Projekt, das das DT in Zusammenarbeit mit der Berlin Mondiale realisiert, will Menschen zusammen bringen, die sich ansonsten nicht zwangsläufig begegnen würden. Dafür haben sie Anfang des Jahres einen großen Aufruf gestartet und eine bunt gemischte Truppe von fast 50 Teilnehmern zusammengetrommelt. Über die Partnerschaft des DT mit dem Übergangswohnheim Trachenbergring sind viele Geflüchtete zu dem Projekt gekommen, genauso wie über die ehrenamtlichen Deutschkurse, die Mitarbeiter des DT seit September letzten Jahres anbieten. Zehnmal werden ab 1. Mai Begegnungen auf dem Vorplatz des DT inszeniert, bei denen Teilnehmer und Publikum sich in kurzen Eins-zu-eins-Situationen gegenübersitzen.

„Unsere Idee war von Anfang an, geflüchtete Menschen mit Berlinern zusammenzubringen, und das nicht erst im theatralen Raum, sondern auch vorher und nachher. Es sollen Begegnungen und vielleicht sogar Freundschaften entstehen. So kann die ‚Wechselstube‘ dann auch ins Leben überschwappen“, sagt Ruth Feindel, die das Projekt zusammen mit Frank Oberhäußer künstlerisch leitet.

Berlin 2016. Foto: Janina Janke
Berlin 2016. Foto: Janina Janke

Das funktioniert bei den Proben, die bei der „Wechselstube“ eher Workshopcharakter haben, schon ziemlich gut. Es sind Fragen wie „Was würde dir am meisten fehlen, wenn du es zurücklassen müsstest“, „Was kannst du in der Liebe besser: geben oder nehmen“ oder „Hast Du schon mal Sex gegen etwas anderes getauscht?“, die eine sofortige Verbindung zwischen den Teilnehmern herstellen – und eine Ahnung von den unterschiedlichen Lebenswelten geben.

Da ist Konstantin, halb Grieche, halb Deutscher, der gerade von München nach Berlin umgezogen ist. „In München habe ich aus erster Hand so gut wie nichts von der Flüchtlingssituation mitbekommen. Das kam mir unnatürlich vor. Als ich dann den Aufruf vom DT sah, dachte ich: Ich bin neu hier, das ist genau das, wonach ich suche. Das mache ich.“ Da ist Fernanda aus São Paulo, die seit Februar in Berlin ist und nicht mehr zurück nach Brasilien möchte. Da ist Jan, der vor fünf Jahren aus dem Rheinland gekommen ist. Und da sind Ayman und Ayham. Die beiden 19- und 20-jährigen Brüder sind ohne ihre Familie nach Deutschland gekommen. „Unsere Eltern wollten Syrien nicht verlassen, weil sie in einer relativ friedlichen Region am Meer leben. Wir hätten aber zur Armee gemusst.“ Einer der insgesamt vier Brüder ist im Krieg gestorben. In ihrer Heimat haben sie studiert, hier sind sie zum Nichtstun verbannt. Deutschlernen ist das erste Ziel. „Ich möchte die Sprache möglichst schnell lernen, um die Voraussetzungen für ein Studium zu erfüllen“, sagt Ayman. Wenn er für seine Deutschkenntnisse gelobt wird, wehrt er ab; es könnte besser, schneller gehen. „Es ist wichtig für mich, mit Deutschen in Kontakt zu sein, für die Sprache und für alles andere auch.“ Bei der Frage, was ihm am meisten fehlen würde, muss Ayman nicht lange überlegen. „Mein Handy. Wenn ich das verlieren würde, das wäre schlimm. Es ist meine Verbindung nach Hause und dort sind die einzigen Erinnerungen, Fotos und Dokumente gespeichert, die ich noch habe.“

Die Frage nach ökonomischen Faktoren in unseren Beziehungen, die die „Wechselstube“ aufwirft, spielt in der aktuellen Debatte eine kleine, vielleicht zu kleine Rolle. Was wäre, wenn wir die Flüchtlingssituation mehr als einen Tausch, einen Handel begreifen würden? Wenn es darum ginge, was die verschiedenen Seiten geben können, die unterschiedlichen Menschen zu bieten haben, anstatt nur darum, was die sogenannte Aufnahmegesellschaft leisten kann? Vielleicht wird die „Wechselstube“ auf diese Fragen keine Antworten geben. Und doch ist es wichtig, dass sie gestellt werden.