Von der Pension zum Flüchtlingsheim: Das neue Leben des wunderbaren Herrn H.

Ich wusste von drei transsexuellen syrischen Frauen, die nirgendwo sicher waren. "Ich schließe meine Pension und mache ein Flüchtlingsheim draus", sagte Herr H. und nahm die drei auf.

von Annika Reich

Herr H. mit den irakischen Asylbewerbern Ahmad Mala Ali (links) und Akram Hedi (rechts). Foto: ZDF
Herr H. mit den irakischen Asylbewerbern Ahmad Mala Ali (links) und Akram Hedi (rechts). Foto: ZDF

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die junge irakische Familie war von der Notunterkunft wegen Überfüllung abgewiesen worden und nun obdachlos, als ich sie auf der Straße vor dem LaGeSo traf. Die Frau war schwanger, der Sohn zwei Jahre alt. Alle Hostels, die ich daraufhin abtelefonierte, winkten ab: „Nein, Flüchtlinge nehmen wir keine. Vom LaGeSo haben wir genug, wir haben immer noch kein Geld gesehen.“

Ich brachte die Familie also erst einmal bei Freunden unter und sprach mit einer Freundin, die in einer Villen-Gegend lebt. Meine Idee war, dass es dort noch keinen LaGeSo-Überdruss gebe, und: tatsächlich, wir fanden eine Pension, die sofort zustimmte, die Familie aufzunehmen.

Als Esra, Radwan, der kleine Anas und ich in die Straße der Pension einbogen, schauten wir uns nur schweigend an, denn nach allem, was wir bisher an Hostels und Notunterkünften zu sehen bekamen, war das hier kaum zu fassen: das Haus, in dem sie nun ein paar Monate wohnen sollten, war eine kleine Villa mit blau gestrichenen Fensterläden, es gab einen Garten und Apfelbäume. Vor der Tür stand ein älterer Herr mit Zigarette und begrüßte uns so freundlich wie er jeden anderen Gast auch begrüßt hätte, oder vielleicht sogar noch ein bisschen freundlicher.

Die Familie bekam ein Appartment mit Küche, Blick auf Apfelbaum und Wlan und Herr H. lud uns ins Café nebenan ein, um erst einmal anzukommen, wie er sagte. Er bestand darauf, uns auf der Terrasse einen Käsekuchen zu spendieren und rauchte dabei eine nach der anderen. Radwan, der junge Vater, kam mit dem Feuer geben kaum nach.

„Eine ernste Frage hab ich aber doch noch“, sagte Herr H. zu Radwan: „Rauchen Sie?“ Radwan nickte.

„Er raucht!“, rief Herr H. „Fantastisch! Er raucht!“ Dann ging er zum Tresen, kaufte eine Schachtel Zigaretten, legte sie Radwan vor die Nase und sagte: „Na, dann mal los, mein Freund!“

Am nächsten Wochenende rief Herr H. mich an und fragte: „Ist doch so schönes Wetter heute. Was meinen Sie? Nervt es die Leute, wenn ich einen Ausflug nach Potsdam mit ihnen mache?“

Es blieb nicht bei Potsdam, Herr H., Radwan und Esra stiegen zusammen auf den Teufelsberg, besuchten die Museumsinsel und die Musikschule seines Sohnes, sie feierten zusammen das Opferfest in einem italienischen Restaurant und suchten gemeinsam Bettwäsche bei Ikea aus. Esra bekochte Herrn H. regelmäßig mit ihren köstlichen irakischen Speisen und Herr H., der im obersten Stockwerk der Villa wohnt, verbrachte viel Zeit mit den dreien. Über den kleinen Anas sprach er schon nach einer Woche wie von einem Enkel: wie besonders schlau er doch sei, wie süß und wie gut er werfen könne.

„Das sind schon meine Freunde geworden, wissen Sie?“, sagte Herr H., als wir zwei Wochen später telefonierte und nahm gleich noch zwei mit Esra und Radwan befreundete Iraker auf.

„Nur damit Sie nicht auf falsche Gedanken kommen: Ich verdiene auch nicht schlecht daran“, sagt Herr H. jedes Mal, wenn ich mich bei ihm bedanken wollte. Und das stimmt auch, nur eben nicht ganz. Denn irgendwann, als das Amt einem der beiden Iraker keine weitere Kostenübernahme bescheinigen konnte, ließ Herr H. ihn umsonst in seiner Villa wohnen.

Eines Tages rief Herr H. mich an und sagte: „Ich hab mir was überlegt: ich schließe meine Pension und gebe alle Zimmer für Flüchtlinge. Also: bringen Sie mir vier Leute, die es am meisten brauchen.“

Ich fand drei transsexuelle Frauen, die nirgendwo sicher waren, und ein Mitarbeiter des Lesben- und Schwulen Verbandes brachte sie zu Mister H. „Schräge Vögel“, sagte Herr H. und lachte: „Aber was soll ich sagen? Die eine ist bildhübsch und die andere hochintelligent. Und wenn Sie wüssten, was für einen Humor die haben!“

Das alles ist ein paar Monate her. Herr H. ist dabei geblieben. Er bewohnt seine Villa mit Menschen aus allen möglichen Ländern. Die transsexuellen Syrerinnen kochen mit den jungen irakischen Männern zusammen und laden Herrn H. dazu sein. Nur wenn sich jemand aus der Nachbarschaft beschwert, kann Herr H. richtig wütend werden. Sein Leben habe sich geändert, er habe neue Freunde bekommen, und er denke jetzt sehr viel mehr an früher, an seine Kindheit, in der er so arm war, dass er auf Strohsäcken schlafen musste und gehungert hat.