Von Schneemännern in Teheran, von Atheisten im Islam. Von der Kraft der Worte

Die persische Autorin Ayeda Alavie und der syrische Autor Fouad Yazji verhandeln in ihren Texten Begegnungen von Vergangenheit und Gegenwart, von Ost und West, Hier und Dort. Bei Meet your neighbours in der Monacensia am 30. November lasen sie aus Texten über Kindheit und Aufwachsen, Liebe oder Religion und sprachen über Aktuelles und Brisantes.

von Nora Zapf

Silke Kleemann, Fouad Yazji, Ayeda Alavie und Martin Lickleder im Gespräch. Auf der Projektion Fouad Yazji neben seinem Auto in Homs. Foto: Verena Kathrein.

Den Anfang macht der Schreibtisch von Oskar Maria Graf: Lisa-Katharina Förster von der Monacensia erzählt einleitend davon, wie das Möbelstück dem bayerischen Autor in seiner Exil-Zeit in New York in der Hillside Avenue beistand, auf ihm schrieb er und dachte über das Schreiben in der Fremde nach. Jetzt ist der Tisch im Münchner Literaturarchiv zu sehen. Genau wie die lange Zeit in München lebenden Autor*innen Oskar Maria Graf, Anette Kolb oder Thomas Mann in der Fremde schrieben und über das Leben in der Fremde, die sie umgab, schreiben auch heute in München viele über ähnliche Themen, die mit ihrer Lebensgeschichte und Herkunft, mit Verbannung und Exil zu tun haben. Wie Karl Valentin darüber sagt: „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“, also fremd sind wir alle irgendwo, es kommt nur auf die Perspektive an. Zum literarischen Gedächtnis der Stadt München gehören also beide Perspektiven, München als Fremde, und die Münchner in der Fremde.

Nach dieser Einleitung tauscht sich der syrische Autor Fouad Yazji, der sich in seinen Texten besonders mit den Themen Religion und Liebe befasst, mit der Münchner Autorin und Übersetzerin Silke Kleemann aus. Der 1959 in Homs geborene Schriftsteller ist seit 2015 Stipendiat des Writers-in-Exile-Programms des PEN-Zentrums. Er kam 2015 über Ägypten nach Deutschland und hielt seine Ankunft und das unbekannte Land unmittelbar für ein Wunder, die Menschen für offenherzig, die Literaturgeschichte für bereichernd. Er sei von der Mathematik über das Schachspiel schließlich zur Literatur gekommen, erzählt Yazji, da er die ersten beiden Beschäftigungen zwar sehr schätze, sie aber für zu wenig der Phantasie zugeneigt hielte. Er zeigt Bilder aus Homs, vom Haus der Familie, in dem auch er lebte bis zu seiner Flucht.

Silke Kleemann liest Fouad Yazjis Aufsatz auf Deutsch vor. Das Gespräch führen die beiden Autoren auf Englisch. Foto: Verena Kathrein

Beeinflusst vor allem von arabischen Gelehrten wie dem mittelalterlichen islamischen Dichter und Mystiker Daschalal ad-Din Rumi und von westlichen Philosophen wie Nietzsche – dieser ist vor allem für die Entstehung seines Romans Blaue Volga von Bedeutung – beschäftigt sich der syrische Autor seither vor allem mit philosophischen und religiösen Perspektiven, vor allem auf das Thema Liebe. Denn, wie Yazji wieder Rumi zitiert, „Sei nicht ohne Liebe, damit du dich nicht als Toter fühlst“.

Aus seinem Aufsatz „Religiöse Skepsis und Atheismus in der islamischen Welt“, der 2017 in der Anthologie Zuflucht in Deutschland. Texte verfolgter Autoren bei S. Fischer erschienen ist, liest er dann einige Passagen vor. Darin beschäftigt sich der Autor mit der islamischen Tradition des Atheismus, die vor über tausend Jahren zu einer Blütezeit von Wissenschaft, Medizin und Dichtung geführt hat. Die Alphabetisierung war sehr verbreitet, leider sind viele der Schriften nur durch ihre Kritiker erhalten, die sie als Blasphemie bezeichneten. Gelehrte wie Ibn al-Muqaffa‘ oder Dschābir ibn Hayyān tauchen in dem Essay auf, die Vordenker in Wissenschaft und Prosa in der arabischen Blütezeit waren, aber gegenwärtig, wie Yazji sagt, nicht in der gleichen Weise Einfluss auf das Denken nehmen dürften, da der heutige Islam mit bedeutend mehr Restriktionen verbunden sei. Obwohl Yazji den Koran für ein sehr gutes Buch hält, findet er den Umgang mit der Wahrheit im Zusammenhang mit dem religiösen Zeitgeist daran schwierig.

 

Fouad Yazji. Foto: Verena Kathrein

Yazji, der stets ein kleines Notizbuch dabei hat, um spontane Aufzeichnungen zu machen, arbeitet derzeit an einem neuen Buch über die Liebe. Schreiben sei für ihn wie eine Droge, so der Autor zu Silke Kleemann. Während des Schreibens fühle er sich high, danach wie auf Entzug.

In der zweiten Hälfte des Abends unterhalten sich die iranische Autorin und Übersetzerin Ayeda Alavie und der Münchner Autor und Musiker Martin Lickleder. Ayeda Alavie, die seit 1999 in Deutschland ist und aus Teheran stammt, schreibt nicht nur Gedichte und Romane und übersetzt aus dem Persischen und Deutschen, sie arbeitet auch im Hagebutte Verlag für Kinder- und Jugendliteratur. „Zeichnen ist Sprache für die Augen, Sprache ist Malerei für das Ohr“, so steht es auf der Website des Verlags, der Übersetzungen aus dem und ins Persische publiziert, wobei jedes Buch aufwändig und liebevoll illustriert ist. In ihrem Vortrag zeigt Alavie mehrere Fotos von eigenen Zeichnungen, sowie aus ihrer Kindheit in Teheran. Sie veröffentlichte bereits in Iran in mehreren Zeitschriften, vor allem Reportagen und Kurzprosa, mit der sie auch nationale Wettbewerbe gewann. Zu der Zeit der Revolution sei das Bedürfnis der Jugendlichen nach kreativem Ausdruck in Literatur, Malerei, Musik besonders hoch gewesen, so Alavie.

Einmal baute die Großmutter in Teheran einen Schneemann vor dem Küchenfenster. Daraus entstand Alavies Gedicht „Walnussaugen“. So heißt auch das Buch, das Lyrik für Jugendliche auf Deutsch und auf Persisch enthält (siehe Abbildung). Alavie, die mit 25 nach Deutschland kam, ist ebenso wie Yazji süchtig nach dem Schreiben, für sie ist der Bleistift eine Art Instrument. In ihrer literarischen Tätigkeit verarbeitet sie ebenso Erinnerungen an Teheran wie neue Eindrücke. Für Alavie ist die Sprache und Literatur ihrer Heimat eine neue Heimat geworden, da sie seit nun schon rund 20 Jahren nicht mehr dort war. Deshalb sind ihr die Texte auf beiden Sprachen, das Übersetzen und Nachdichten, auch so wichtig.

Gemalt von Ayeda Alavie. Foto: Verena Kathrein


Es weht

Ich habe Angst vor Rückkehr
vor Suchen und
nicht Finden unserer Gasse
unseres Hauses
Davor
nicht die Großmutter zu sehen
am Fenster

Morgen
Morgen wenn du nicht mehr da bist
sind alle Raben unruhig
Morgen wenn du nicht mehr da bist
ist der Himmel des Fensters
ein wenig zu wenig
Stell dir nur vor
morgen wenn du nicht mehr da bist
ist die Zuflucht des Fensters
nur der Wind

Cover der zweisprachigen Anthologie „Walnussaugen“ aus dem Hagebutte Verlag, übersetzt von Ayeda Alavie. Foto: Verena Kathrein

Ayeda Alavie erzählt, wie im Persischen das Dichten viel präsenter ist als im Deutschen – es gehört beinah zum normalen Sprachgebrauch dazu. Es gibt daher im Iran viel mehr Blogs über Lyrik, viel mehr Lyriklesende als hier. Derzeit schreibt Alavie auch einen Roman, in dem es um Parastu und ihre sechsjährige Tochter Minu geht, die zusammen aus dem Iran fliehen und in Deutschland ankommen, während sie noch nicht einmal einen Koffer im Gepäck haben. Durch ihre Perspektive macht Alavie das Ankommen nachvollziehbar, das sie selbst auch erlebt hat. Der Geschmack des Safrantees, der von Händlern auf fliegenden Teppichen verkauft wird, das Fleisch, das mit der Stimme des Vaters spricht, das imaginäre Gespräch mit der fehlenden Großmutter, dies alles sind Symbole für den Umgang mit dem Vertrauten im Fremden.

Zum Abschluss öffnet sich die Diskussion vom Podium auch dem Publikum, das interessiert nachfragt, ob über politische Fragen oder die (Un-)übersetzbarkeit von einer Sprache in die andere. In gemütlichem Miteinander an der Theke klingt der Abend dann aus.

Ayeda Alavie hält durch die Sprache und Literatur Kontakt zu ihrer Heimat Teheran. Foto: Verena Kathrein

Eine gemeinsame Veranstaltung der Monacensia und WIR MACHEN DAS. In Zusammenarbeit mit der Allianz Kulturstiftung und der Stiftung :do.