Was tun? Beitrag aus dem philosophie Magazin

Im aktuellen philosophie Magazin: 27 Philosoph_innen zur Lage Deutschlands angesichts der Krise der Flüchtlingspolitik. Chefredakteur Wolfram Eilenberger macht den Auftakt.

von Wolfram Eilenberger

Titelbild vom philosophie Magazin Nr. 02/2016. Foto: Alex Majoli/Magnum Photos/Agentur Focus
Cover des philosophie Magazins Nr. 02/2016. Foto: Alex Majoli/Magnum Photos/Agentur Focus

Der Herbst des letzten Jahres ist bereits jetzt als einer der großen Wendepunkte unserer Nachkriegsgeschichte erkennbar. So wie einst der Herbst des Jahres 1989. Der Fall der Mauer bedeutete einen enormen Mobilitätsschub. Im Zeichen der Freiheit ordnete er die Landkarte Deutschlands, Europas, ja faktisch der ganzen Welt politisch neu. Wie nun wäre das zweite große Herbstereignis, also der faktische Kollaps der EU-Außengrenzen und die damit verbundene Entscheidung zur Aufnahme von mehr als einer Million Flüchtlinge allein in Deutschland einzuordnen? Wieder fallen Grenzen. Wieder stimmen ganze Völker mit den Füßen ab und marschieren – als Opfer von Bürgerkriegen und einem mittlerweile Staat gewordenen islamistischen Terrorregime – aus den kriegsversehrten Gebieten der arabischen Welt nach Kerneuropa: unterwegs in ein besseres Leben – oder auch nur Überleben.

Zumindest eine Deutung lässt sich bereits klar formulieren: 2015 markiert das Ende der zentralen Lebenslüge einer ganzen europäischen Generation. Ich spreche von der verstohlenen Hoffnung, das konkrete Leid, das in den Ländern des Nahen Ostens, Asiens und Afrikas den Alltag von Milliarden Menschen prägt und bestimmt, ließe sich auch für die kommenden Jahrzehnte lebensweltlich auf Distanz halten. Ich spreche von der Illusion eines Kerneuropas als eines mauerlosen Paradiesgartens in einer Welt des Elends. Denn auch dies scheint mit Blick auf die geopolitische Lage klar: Der Migrationsschub des Jahres 2015 bedeutet perspektivisch erst den Anfang, nicht das Ende einer Entwicklung. Angesichts der schieren Anzahl von bereits heute konkret Wanderungswilligen wird der Unterscheidung zwischen Kriegs-, Wirtschafts- oder Klimaflüchtlingen in den kommenden Dekaden allenfalls noch akademischer Wert zukommen. Die mit diesem Erwartungshorizont verbundene Verunsicherung ist in unserer Gesellschaft überall spürbar, in Politik, Kultur, Kunst, Philosophie: Was tun? Woran sich halten? Wie sich im Denken orientieren?

Wegweisende Deutungen der jüngsten Entwicklungen sind hingegen rar. Noch mangelt es im Angesicht der neuen Normalitäten an umfassenden Konzepten, die der tatsächlichen Komplexität der Lage gerecht würden. Das gilt beispielsweise für den Verweis, die jetzigen Flüchtlingsbewegungen seien letztlich nichts anderes als direkte Folgen eben jener sozialen Ungleichgewichte, die ein global gewordener Kapitalismus zwangsläufig erzeugt. Ebenso wie für die These, der Aufschwung des radikalen Islamismus sei bei Licht betrachtet eine direkte Folge des Kolonialismus – und gerade in jüngerer Zeit der fatalen Kriegspolitik der Vereinigten Staaten. Denn was folgt daraus in der gegebenen Situation, abgesehen von der moralisch ohnehin offenkundigen Pflicht, sich der bedürftigen Menschen würdig anzu- nehmen? Auffällig ist zudem, dass diesen Analysen, so begründbar sie sein möchten, ein Hang zur Selbstresponsibilisierung eignet: Der Westen, also „wir“, ist letztlich schuld an „all dem“. Also muss er dafür auch Verantwortung übernehmen, also sich maximal flüchtlingsoffen zeigen. Begangene Schuld (in einem historischen Rahmen von wahlweise 450 bis 20 Jahren) soll im Sinne einer Willkommenskultur motivational dauerhaft wirksam werden. Eine nachhaltige Strategie?

Unbedingter Wille

Die politische Lage in Europa nimmt sich vor dem Hintergrund dieser Perplexität geradezu ironisch aus: Ausgerechnet die christdemokratische, ostdeutsche Politikerin, die sich über mehr als ein Jahrzehnt jeder programmatischen, geschweige denn ideologischen Festlegung entzog, zeigt sich auf dem Höhepunkt der humanitären Krise als extrem handlungsfähig und willensbestimmt. Sie tut dies als Kanzlerin ausgerechnet jenes Volkes, dem seine eigene kulturelle Identität aus historischer Sicht wie keinem anderen fraglich, ja angstbelastet bleiben muss. Seit Monaten hält Angela Merkel – gegen den wachsenden Willen der Anrainer, tiefe Widerstände ihrer eigenen Partei sowie unter Aussetzung bestehender Gesetzeslagen – die Grenzen offen. Mit diesem Wagemut des Menschlichen wurde sie zur sichtbarsten Spitze einer neudeutschen Willkommenskultur, so selbstmobilisierend und mitreißend, dass man fast so etwas wie Stolz empfinden könnte. Wo war all die Energie, bevor die Flüchtlinge kamen? Wo floss sie hin? Und nicht zuletzt: Wie lange wird sie noch sprudeln?
Der Vitalitätszuwachs der vergangenen Monate, die Vielzahl von spontan gebildeten Netzwerken und Helfergruppen, die bevölkerungsweite Spenden- und Hilfsbereitschaft deuten das geradezu utopische Potenzial der Situation an: Es weist hin auf die Möglichkeit einer Gesellschaft von dauerhaft tätiger Solidarität, in der kulturelle Unterschiede produktiv zur Selbstfindung jedes einzelnen Mitglieds beitragen werden. Eine Gesellschaft, die lebensweltliche Pluralität feiert – und nicht fürchtet.

Gespannte Hoffnung

Als dunkler Begleitteil der gleichen Dynamik aber verdoppelte sich binnen eines Jahres auch die Anzahl fremdenfeindlicher Anschläge. In ganz Europa legen rechtspopulistische Parteien zu. Auch in der Bundesrepublik, wo die AfD und die Pegida-Bewegung gerade im Osten des Landes generell fremdenfeindliche Meinungsmilieus erfolgreich mobilisieren. Milieus, die bis weit in das sogenannte Bürgertum hineinragen und von dort aus gezielt Terrorakte gegen Flüchtlinge verüben. Die Brisanz dieser Konstellation ist kaum ernst genug einzuschätzen. Schließlich war Herbst des Jahres 2015 auch einer des Terrors. Die Anschläge von Paris sandten neue Angstwellen durch die Welt und warfen, mit Blick auf ihre Drahtzieher und Entstehensbedingungen, auch Bedenken auf, welche langfristigen Folgen eine gescheiterte Integrationspolitik für ein Land und einen Kontinent haben könnte. Schaffen wir, was in Frankreich augenscheinlich misslang? Und wenn ja, mit welchen Mitteln, Zielen, Überzeugungen?
Wollte man Merkels derzeitige Haltung philosophisch unterfüttern, wäre sie Ausdruck eines protestantischen Pragmatismus im Sinne Immanuel Kants: Demnach gibt es auf dieser Welt nichts Besseres, und auch nichts Machtvolleres als einen guten Willen. Dieser gute kantische Wille sieht den Menschen zunächst als unbedingt zu schützenden Zweck an sich – und erst in zweiter Linie als mögliches Mittel zum (demografischen, wirtschaftlichen …) Zweck. Darin bestünden die beiden bleibenden Unbedingtheiten einer kantischen Realpolitik. Doch war Kant nicht nur ein Denker des vernünftig Überschüssigen, sondern auch einer der heilsamen Grenze und Grenzziehung. Eine reine praktische Vernunft gibt es in seinem System aus guten Gründen nicht, ganz einfach, weil jedes vernünftige Handeln auf die widerständige Wirklichkeit bezogen bleibt, in der es sich zu beweisen hat. Wie nun sähe eine Flüchtlingspolitik innerhalb der Grenzen der prak- tischen Vernunft aus? Und worauf dürfte sie im Angesicht der geopolitischen Gegebenheiten hoffen? Darauf, dass vorhandene Grenzen dereinst nicht zu todbringenden Mauern werden? Darauf, dass es gelänge, jedem Ankommenden sowie allen Empfangenden (!) dauerhaft zu vermitteln, wie unsagbar kostbar das Verspre- chen ist, jeden Menschen als Zweck an sich zu würdigen und ihm dementsprechend die Freiheit zu ermöglichen, den jeweils eigenen Lebenszweck in diesem Rahmen selbst zu suchen? Es wäre gewiss schon viel.

Fragen zuerst

Auf dem Weg dorthin gilt es, eigene Ängste und Hoffnungen, Sorgen und Ziele für alle besprechbar zu machen: offen, ehrlich und mit offenem Ohr auch für das, was wir vielleicht lieber nicht hören oder nicht einmal verstehen wollen. Ein Anfang dazu wäre gemacht, wenn wir den Mut hätten, uns für den Moment eine grundlegende Perplexität einzugestehen; und deshalb erst einmal Fragen zu formulieren. Darin bestand der Impuls zur aktuellen Ausgabe des Philosophie Magazin, in der Philosophen auf drängende Fragen der Flüchtlingskrise ihre persönliche, durch Gründe gestützte Antwort gegeben. Nicht als letzte Wahrheit, sondern als Anfang eines klärenden Gesprächs über das Land und die Welt, in denen wir leben wollen. Es ist die Zeit dafür.

Das philosophie Magazin ist Medienpartner von Wir machen das.

Dieser Artikel erscheint im Philosophie Magazin Nr. 2/2016.