Weg sein – hier sein

Die Anthologie »Weg sein – hier sein« versammelt Texte von 19 Autor*innen, die vor kurzem nach Deutschland geflohen sind und jetzt hier im Exil leben und schreiben.

Weg sein – hier sein. Autorenbilder. Fotos Mathias Bothos
Weg sein – hier sein. Autoren. Fotos: Mathias Bothor

In und durch ihre Gedichte und Erzählungen sprechen diese Autor*innen zu uns – wir erfahren von ihrer Heimat und dem verlorenen Alltag, vom Scheitern der Revolution und dem Leben im Krieg, von Entwurzelung und ihrer Suche nach einer neuen Identität. Es gilt diesen kraftvollen literarischen Stimmen, die in ihren Heimatländern häufig unterdrückt wurden, unsere Aufmerksamkeit zu schenken. Denn je mehr Geschichten wir uns erzählen, desto besser werden wir auch lernen, uns und andere zu verstehen.

Das Gedicht  „Eilmeldung“ von Khawla M. Dunia ist einer der über 50 Texte aus der Anthologie »Weg sein – hier sein«:

 

EILMELDUNG

 

Es ist ganz einfach

wir sterben

unter einer Brücke

beim Warten auf die Überquerung

fallen die Lasten von unseren Schultern.

Wir lassen die Reste unserer Möglichkeiten

und unsere Herzen zurück.

 

Es ist ganz einfach

ein Kind rennt

und verliert sein Brot.

Eine Frau taumelt

wird verwundet.

Eilmeldung.

So enden wir –

und nun sterben wir.

 

Es ist ganz einfach

ein Scharfschütze schießt auf hastige Füße

ein Auge blickt vom Minarett herab.

Das Herz der Heiligen weint.

Wenn eine Witwe sie anfleht

stürzen Häuser ein

und es bellen die Bomben.

 

Und wir

– ganz einfach –

sterben.

 

Foto: Mathias Bothor

Khawla M. Dunia wurde 1968 in Damaskus geboren, wo sie auch ihr Studium mit einem Bachelor in Wirtschaftswissenschaften abschloss. Die Journalistin und Dichterin bezeichnet sich als Atheistin alawitischer Abstammung. Sie ist Mitglied des Komitees für die Verteidigung der Menschenrechte, engagierte sich in Syrien in der humanitären Hilfe und dokumentierte als Journalistin fortlaufend die Revolution. Im Oktober 2011 wurde sie festgenommen und verbrachte sechs Monate in Haft. 2013 floh sie in den Libanon und 2014 weiter nach Deutschland, wo sie mit ihrer Familie in Löhne lebt. Khawla Dunia hat sich in zahlreichen Veröffentlichungen insbesondere mit der Lage der Frauen in Syrien und während der Revolution beschäftigt, unter anderem 2008 in Syrian Women between Reality and Ambition, Report on the Damascus Declaration Detainees. 2009 verfasste sie einen Bericht über die Gefangenen im Damaszener Frühling. 2012 brachte sie ihren ersten Gedichtband »Overhasty Poems Before the Missile Falls» im Amarji Magazine heraus. Auf Deutsch erschien von ihr 2012 der Aufsatz Der Aufstand der Frauen – Der Kampf um Würde und Gleichberechtigung in dem von Larissa Bender herausgegebenen Band »Syrien, der schwierige Weg in die Freiheit«.

beitrag3_weg_sein_anthologie_buchWeg sein – hier sein. Eine Anthologie mit Texten aus Deutschland, von: Rasha Abbas, Ayham Majid Agha, Pegah Ahmadi, Galal Al Alahmadi, Ramy Al-Asheq, Assaf, Alassaf, Mohammad Al Attar, Lina Atfah, Daher Ayta, Khwala M Dunia, Aref Hamza, Yamen Hussein, Noor Kanj, Kenan Khadaj, Amer Matar, Widad Nabi, Nihad Siris, Raed Wahesh, Rosa Yassin Hassan, erschienen am  19. Oktober 2016 im Secession Verlag. Mit einem Vorwort von Sherko Fatah und 19 Porträtfotos von Mathias Bothor.

Übersetzung des Gedichts aus dem Arabischen: Suleman Taufiq