„Wenn alles fremd ist – sogar der Wind“

In einem neuen Land ist zunächst alles fremd. Niemand spricht so wie wir. Es kann sich kalt anfühlen und einsam. Vielleicht sind wir nicht mehr wir selbst. So schwierig das auch ist, es braucht meist nur eine offene Begegnung um die Veränderung anzustoßen!

von Miriam Smidt

Die Illustrationen des Buches “Zuhause kann überall sein” von Irena Kobald stammen von Freya Blackwood (hier S. 28-29). Copyright: Freya Blackwood/Knesebeck Verlag

Das Kinderbuch ab fünf Jahren mit dem optimistischen Titel „Zuhause kann überall sein“ beginnt mit der Erinnerung eines kleinen Mädchens: „Meine Tante nannte mich immer Wildfang. Dann kam der Krieg und meine Tante nannte mich nicht mehr Wildfang.“

Geflohen vor dem Krieg, einmal angekommen in einem anderen Land, fühlt sich dann alles fremd an: Das Essen, die Tiere und Pflanzen – sogar der Wind.

Eine kalte Dusche in einem Wasserfall aus fremden Wörtern bricht jedes Mal über das Kind herein, wenn es die Straße betritt.

Die Autorin, Irena Kobald,  beschreibt nüchtern und in klaren, knappen Worten die große Einsamkeit und Ratlosigkeit, eine Fremdheit, die uns auch uns selbst entfremdet „als wäre ich nicht mehr ich“.

Dennoch braucht es oftmals nicht mehr als eine Begegnung, eine offene Ansprache, die den Impuls gibt, sich selbst wiederzufinden… In diesem Buch ist es die Begegnung auf einem Spielplatz, mit einem Mädchen, dass unsere Protagonistin erste Wörter lehrt. Ein Schicksalsmoment für das Kind.

Die Sprache – in diesem Kinderbuch das entscheidende Instrument um anzukommen – vergleicht die Autorin mit einer Decke, in die wir uns einkuscheln, eine Decke aus eigenen und bekannten Worten und Geräuschen. Nur verständlich der Wunsch, sich diese Decke in der Fremde sprichwörtlich über den Kopf zu ziehen, um der kalten Dusche zu entkommen.

 

Die Mädchen begegnen sich auf Augenhöhe (S. 24-25). Copyright: Freya Blackwood/Knesebeck Verlag

Die Illustrationen von Freya Blackwood sind Kompositionen verschiedener Materialien wie Aquarell, Gouache und Kohle. Ihre Bildsprache nähert sich auf unterschiedlichen Ebenen dem geschriebenen Wort Irena Kobalds an. Fluide Bilder in wunderschönen satten Farben, spiegeln in ihren jeweils eigenen Farbwelten den Kontrast zwischen dem Eigenen und dem Fremden wieder. Für das Eigene werden warme Rottöne und Erdtöne verwendet, für das fremde kühle Farben wie grau und blau, die Kälte des Wasserfalls.

Am Ende des Buches verschmelzen die Farbwelten miteinander und signalisieren somit visuell den Moment des Ankommens, den Brückenschlag zwischen alter und neuer Heimat. Das Eigene und das Fremde werden zu einer Einheit und machen so das ganze Spektrum der Farben sichtbar.

Zum Schluss des Buches wird auch das Kind wieder eins mit sich. Es „webt“ sich „eine neue Decke“ aus neu erlernten Worten. Die Sprache erscheint hier als eine Patchworkdecke, der stetig neue Flicken hinzugefügt werden können, eine Decke, die wächst und wächst, je mehr wir uns ihr zuwenden und die so schon bald Geborgenheit und Wärme vermitteln kann.

Mit dieser neuen Decke kann die Protagonistin wieder der Wildfang sein, der sie war und kommt zu dem Fazit „ich bin immer ich!“

Geborgenheit (S. 26-27). Copyright: Freya Blackwood/Knesebeck Verlag