Wenn alles plötzlich ganz nah ist – ein filmischer Dialog

Film als Medium der Begegnung: Unter dem Titel „Sag mir, wer du warst – und wer du sein wirst“ sind Kurzfilme entstanden, die ganz unterschiedliche Geschichten erzählen. Eine davon ist „mensch.human“, an dem die Autorin mitgewirkt hat.

von Julia Baumann

Die Protagonisten des Films Mensch.Human. Foto: Filmstills
Die Protagonisten des Filmes Mensch.Human. Foto: Filmstills

Seit 2015 ist die sogenannte „Flüchtlingskrise“ Teil unseres gesellschaftlichen Diskurses. Wir schreiben, lesen, urteilen und politisieren über die Neuankömmlinge – leider häufig nicht mit ihnen.

Ich kam hierher, weil ich sechsjährige Krise, sechsjährigen Krieg, sechsjährige Zerstörung, sechsjährigen Hass erlebt habe. Diese sechs Jahre sind vergeblich vergeudet und eine ganze Generation ist verloren. Ich habe meine Heimat verlassen, damit ich keine Zahl bin, die beiläufig in den Abendnachrichten erscheint.“ Ammar in „mensch.human.“.

Was es bedeutet aus einem Heimatland vor Verfolgung, Hunger, Tod und Leid zu fliehen, können viele von uns nur erahnen. Deshalb ist es so wichtig, davon zu erzählen und erzählt zu bekommen. Der Kurzfilm „mensch.human.“ versucht, sich diesen Erlebnissen zwischen Leiden, Sein und Hoffen in Gesprächen zu nähern. Als eines von vier Filmprojekten ist er innerhalb von drei Monaten in Zusammenarbeit mit Geflüchteten aus Brück in Brandenburg sowie deutschen Teilnehmenden entstanden. Die Stiftung Partnerschaft mit Afrika e.V. hatte das Gesamtprojekt „Sag mir, wer du warst – und wer du sein wirst“ mit der finanziellen Unterstützung des Ministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie (MASFG) des Landes Brandenburg und des Bündnisses Brandenburg ins Leben gerufen. Von Oktober bis Dezember 2016 arbeiteten vier Teams aus syrischen, afghanischen, pakistanischen und iranischen Geflüchteten mit Teilnehmenden aus Deutschland und  studentischen Projektleitungen partizipativ zusammen. Sie konzipierten, drehten und bearbeiteten gemeinsam vier Kurzfilme, deren Inhalte und Ausgestaltungen ganz in der Hand der einzelnen Gruppen lagen. Entstanden sind „Geschichten von Verfolgung, Flucht, Hoffnung, Enttäuschung und Erwartungen, (die) Ausdruck wechselseitiger Annäherung an eine fremde Kultur (sind)“, so Joachim Gessinger, der das Gesamtprojekt koordinierte und einen Begleitfilm drehte.

So vielfältig die Gruppen und ihre Mitglieder, so vielfältig waren auch die Ausgestaltungen der Filme. „mensch.human.“ beginnt mit einer Autofahrt. Von Berlin-Kreuzberg ins brandenburgische Brück sind es etwa 77 Kilometer, doch der Berufsverkehr, die Staus, die winterliche Dunkelheit im Film lassen den Weg unendlich wirken. Wenn man schließlich dort ist, in die Wärme des AWO Mehrgenerationenhauses tritt und nach und nach Teilnehmende mit Vorfreude auf das Projekt ankommen, wundert man sich, wie einem die Kälte des brandenburgischen Winters überhaupt jemals etwas anhaben konnte.

Plötzlich sind sie alle ganz nah: die nach Gewürzen duftenden alten Straßen des Damaszener Suqs, tanzende Menschen in bunt bestickten, afghanischen Kleidern, die grünen Berghänge des Totschāl und die Ebenen der Salzwüste Dasht-e-Kavir hinter dem staubigen Teheran, die ballonförmigen, spitz zulaufenden, blau gefliesten Kuppeldächer der Moscheen im Punjab.

Aber auch der Krieg ist nah, die Bilder vom zerbombten Aleppo oder Kundus, von hungernden Kindern, von Ermordeten und Gefolterten, von Trauer, Leid und Verzweiflung.

„Meine Familie lebt im Schatten, des Krieges mitten unter den Taliban in der Provinz Mardan-Mardak. Afghanistan ist voll von Krieg und Blutvergießen. Es ist kein gutes Land. Zum Beispiel gibt es keine Freundschaft und Treue mehr. (Die Taliban) (…) wollen wissen auf wessen Seite man steht. Sie versuchen dich zu rekrutieren für ihre Camps. Alles, was daraus resultiert ist nicht endende Gewalt“, Jafar in mensch.human.

Während „mensch.human“ von Erzählungen vor neutralem Hintergrund im Interviewstil und den Gesichtern zu den Geschichten lebt, spürt man in „Die Anhörung“ zwar auch Emotionen Einzelner, aber vor allem die Wut und Enttäuschung einer ganzen Gruppe: Geflüchteter aus Afghanistan. Aus dem Off erklingen, während die Hauptfigur zu seiner tatsächlichen Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge begleitet wird, die Fragen des Entscheiders. Dieser individuellen Sicht sind immer wieder Szenen aus einer Demonstration gegen die Abschiebung afghanischer Flüchtlinge als Kontraste gegenübergestellt.

Teilnehmer*innen betonen auf der Demonstration in „Die Anhörung“ die deutsche Doppelmoral: „Der deutsche Staat hat manche Provinzen (…) als sicher erklärt. Asylanträge (aus diesen Provinzen) werden abgelehnt, was ungerecht ist (…). Das ist ein Spiel mit ihrem Leben und der Zukunft von Frauen und Kindern.Hier wird die Wut über die ungerechten Ablehnungen spürbar, die Ungewissheit im Warten, die Angst vor dem Zurück:  „In dem Fall, dass ihr uns zurückschickt, werden wir alle zu Taliban oder Daesh oder wir werden sterben. Das Ergebnis dort ist der Tod. Die afghanische Jugend (hätte) eine Zukunft hier…“, sagt ein etwa 14-jähriger Junge. Die Erwachsenen im Umkreis klatschen.

Welche Verunsicherung die gegenwärtige Situation Geflüchteter mit schlechter Bleibeperspektive auslöst, wird in beiden Filmen mehr als deutlich. Eine ganz andere Art der Darstellung wählte der Film „Neuanfang“. Hier wird eine fiktive Geschichte um den Hauptcharakter Omar erzählt, die auf den Erlebnissen der Gruppenteilnehmer basiert.

„Wir Menschen sind schon ein besonderes Geschöpf, alles, was wir wollen, ist Frieden… Doch alles, was wir tun ist kämpfen. Wir kämpfen um ein Land, wir kämpfen aus Glauben, wir denken, wir kämpfen für das Gute, doch der Krieg nimmt uns all das Gute, was wir einst hatten. Wir verlieren unsere Heimat, unsere Familie, unsere Hoffnung und unseren Glauben… Wir verlieren alles, was wir je hatten und müssen neu anfangen. Wir glauben der Krieg hätte einen Gewinner, aber der Krieg hat nur Verlierer. Ich bin einer von ihnen.“ Anfangsworte in „Neuanfang“.

„Neuanfang“ widmet sich ganz alltäglichen Problemen in Omars Leben, etwa wenn die Nachbarin mit Brot und Salz zum Einzug vorbeikommt und Omar diesen deutschen Brauch nicht kennt und versteht oder wenn Omar beim Besuch des Arbeitsamtes stapelweise Unterlagen ausfüllen muss, ohne dass seine beruflichen Kompetenzen beachtet werden. Im Subtext jedoch behandelt der Film noch eine ganz andere Problematik:  „Omar im Film ist in Deutschland, einem sicheren Ort, während seine Familie immer noch in Syrien ist. Dort ist sie nicht sicher und er möchte, dass sie wieder zusammenkommen. (…) vielen unserer Leute (…) ist es verwehrt, sich mit ihren Familien zu vereinen (…).“ Ibraheem aus „Neuanfang“ im Making of.

Was die Aussetzung des Familiennachzuges für subsidiär Geschütze auf individueller Ebene bedeutet, wird in „Neuanfang“ nachfühlbar. Integration kann in ständiger Sorge um die eigene Familie nicht funktionieren.

„Begegnungen“ – ein weiterer Kurzfilm – dreht sich um die Frage, wie Geflüchtete und Einheimische in Kontakt kommen können: „Ich bin neu in Deutschland und möchte soziale Kontakte aufbauen (…). Ich würde gerne die Bräuche und Traditionen der Deutschen kennenlernen, was machen sie am Wochenende, wie arbeiten sie, wie sieht ihr Alltag aus, was essen sie, wie leben sie, was mögen sie nicht, was haben sie gerne (…).“ Akram in „Begegnungen“.

Auf humorvolle Weise werden Rollenbilder und kulturelle Differenzen diskutiert. Neben den Filmemachern kommen auch Passant*innen auf der Straße zu Wort.

In „Neuanfang“ und „Begegnungen“ wird klar, dass Engagement nicht mit dem Aufenthaltsstatus in Deutschland enden darf. Alle vier Projekte und die filmische Verarbeitung legen einen wichtigen kommunikativen Grundstein für eine gelungene Integration, die nicht mit einem Ablegen der eigenen Identität einhergehen soll, sondern mit gegenseitigem Kennenlernen und Anerkennung. Wir alle haben im Projekt Gemeinsames im „Fremden“ entdecken können, haben zusammen gelacht und geweint und sind am Ende wohl einfach Freunde geworden.

Nicht nur für Geflüchtete sind Projekte wie dieses bereichernd, wir alle können maßgeblich von ihnen profitieren. Besonders an diesem Projekt ist, dass sämtliche Arbeit sowohl im Projektverlauf als auch am Film von den deutschen und geflüchteten Teilnehmenden als Autor*innen ausgeführt wurden. Sie wurden vor einige Schwierigkeiten gestellt: Einem zunächst fremden Menschen innerhalb kurzer Zeit persönliche Ansichten und Erlebnisse zu erzählen, sich vielleicht sogar politisch zu positionieren, fordert Öffnung und Vertrauen. Der Umgang mit traumatischen Erlebnissen, diese zu erzählen und erzählt zu bekommen, birgt ebenfalls große Herausforderungen. Ein solches Projekt zwingt einen die eigene Machtlosigkeit und Grenzen im Spiegel des Gegenübers zu reflektieren. Das ist oft nicht leicht zu ertragen.

Am Ende fingen wir uns gegenseitig in einer Welt auf, die wir uns in den Sitzungen während der Projektlaufzeit gemeinsam geschaffen hatten. Wir brachen mit Vorurteilen und ungerechtfertigten Erwartungen und Grenzen wurden aufgelöst. Plötzlich war unser Gegenüber mit allen individuellen Geschichten, Ängsten und Bedürfnissen ganz nah.

 

Das ‘making of’ zeigt die Dreharbeiten zu den einzelnen Filmen des Projekts und lässt einige der Mitwirkenden zu Wort kommen. Darüber hinaus hat dieser Film eine klare Botschaft: Geflüchtete wollen vor allem eines: als Menschen in einem sicheren Land leben.

Auf Youtube könnt ihr euch die Filme ansehen.