Spaß, viel Essen und Held_innen in letzter Sekunde: 11 Mal Syrien

Syrien ist ein Land mit einer langen Historie und vielen Traditionen. Hier ein Bild aus alten Tagen. Syrien 1923, drei Musiker mit einer syrischen Cincinnati. Foto: National Photo Company Collection (Library of Congress)
Syrien ist ein Land mit einer langen Geschichte und vielen Traditionen. Hier ein historisches Bild aus vergangenen Tagen. Syrien 1923. Drei Musiker mit einer syrischen Cincinnati. Foto: National Photo Company Collection (Library of Congress)

„Wer sind diese Menschen aus Syrien eigentlich?“, als ich meinem Mann davon erzählte, dass ich überlege diesen Text hier zu schreiben, waren seine ersten Worte: „Glaubst du irgendjemand kann diese Frage beantworten?“ Nun, ich habe nicht vor, eine soziologische oder historische Studie in diese Zeilen zu packen!

Vor dem Jahr 2011 war Syrien, ein eher unbekanntes Land, obwohl es sehr alt und geschichtsträchtig ist. Normalerweise hörten wir Sätze wie „Wo ist das genau?“, wenn wir auf die Frage nach unserer Herkunft antworteten. Mittlerweile hören wir eher solche Reaktionen: „ Oh! Es ist kompliziert in Syrien!” Weltbekannt wurden wir durch schreckliche Nachrichten, furchtbare Geschichten und Bilder und natürlich durch die „Flüchtlingskrise“. Niemand spricht nun mit uns Syrer_innen, ohne dabei all diese schrecklichen Dinge im Hinterkopf zu haben.

Ich möchte jetzt mal ein einfacheres Bild dieser Leute, meiner Leute zeigen!

11 Zeichen, die Dir helfen, eine Syrerin oder einen Syrer zu erkennen:

1

Wenn wir am Telefon sprechen, wird unsere Stimme automatisch lauter.

Umso weiter die Person, mit der wir sprechen, entfernt ist, desto lauter sprechen wir. Nun stellen wir uns vor, was passiert, wenn ich in Berlin mit meiner Großmutter in Damaskus telefoniere. Eigentlich bräuchte ich kein Telefon, ich kann sie durch mein Fenster hören.

2

Wir sind verrückt nach unserem Essen.

Es grenzt an Unmöglichkeit, Syrer_innen davon zu überzeugen, dass diese Welt noch weitere ausgezeichnete Küchen bereithält. Ich habe zwei Jahre eine Radiosendung über die syrische Kultur und Küche gemacht. Jedes Mal, wenn ich nach Rezepten suchte, erhielt ich immer dieselbe Antwort: Dieses Rezept ist nur in einem ganz bestimmten Dorf oder einer ganz bestimmten Stadt zu bekommen. Selbst nach langen Diskussionen und vielerlei Beweisen, dass ich dieses Gericht auch an anderen Orten genießen durfte, blieb es dabei: „Ich bin mir sicher, dass sie das Rezept von uns haben! Und niemals kochen sie so gut, wie wir das hier tun!“

3

Du hast schlechte Chancen, jemanden aus Syrien zu finden, der zugesteht: „Ich weiß es nicht.“

Wir sind Expert_innen für alles. Niemand wird zugeben, dass er oder sie die Adresse, die du suchst, nicht kennt oder nicht weiß, wie man eine verstopfte Spüle repariert. Natürlich auch nicht, dass er oder sie keinen blassen Schimmer davon hat, wie ein Raumschiff funktioniert!

4

Wir erfinden die großartigsten Lösungen und werden in der letzten Minute zu Held_innen.

Für die meisten Probleme finden wir eine Lösung. Sie ist vielleicht seltsam oder lustig, aber in den meisten Fällen funktioniert sie! Und aus irgendeinem Grund, finden wir diese Lösungen unter höchstem Zeitdruck, auch wenn dieser eigentlich gar nicht besteht.

5

Wir lieben es, Witze zu machen, nichts ist zu ernst für uns!

Das kann ganz schön nervig sein. Die besten Witze beginnen mit “Homsi”. “Homsi” ist ein Mensch aus Homs, einer Stadt mitten in Syrien. Die besten Witze machen „Homsis“ über sich selbst. Und ich weiß wovon ich spreche, mein Mann ist „Homsi“! Wir haben viel zu lachen zu Hause!

6

Und nochmal die Sache mit dem Essen!

Wenn du zu einem syrischen Essen eingeladen wirst, dann tu dir selbst den Gefallen und iss bitte ab dem Abend zuvor nichts mehr! Nicht nur, weil das Essen so lecker ist oder wir dir zeigen, wie willkommen du bist, indem wir dich auffordern noch einen Nachschlag zu nehmen und noch einen. Essen ist ein geselliges Ereignis, mit einem einfachen Gericht oder eben zehn! Wir machen wundervolle, unterhaltsame Festessen.

7

Wir glauben, „Wände haben Ohren“.

Ich sprach zuvor darüber, wie laut wir sind. Dies gilt nicht, wenn es um Politik geht. In über 40 Jahren, hat es das Regime geschafft, uns den Zweifel einzupflanzen, dass jede Person, die wir kennen, Spitzel des Regimes sein könnte. Leider, hat das einen sehr negativen Einfluss auf uns, denn wir trauen einander nicht.

8

Das Jahr 2000 bedeutet für uns nicht den Start eines neuen Milleniums.

Es ist das Jahr, als Hafiz Al-Asad starb! Mehr als 15 Jahre nach seinem Tod, bekommen Menschen noch immer Panikattacken und Angstzustände, wenn sie seine Stimme hören oder ein Bild von ihm sehen.

9

Wenn wir das Wort „Deutschland“ hören, sagen wir automatisch „Ich liebe dich“.

Das sind die einzigen deutschen Worte, die wir kennen. Wir haben vom „Spiegel“ gehört, aber „Burda“ klingt einfach weicher. Und natürlich lieben wir die deutschen Autos.

10

Unser Lieblingssport?

Gemeinsam Fußballspiele anschauen!

11

Alle Menschen, die in den 70er und 80er Jahren geboren sind, haben identische Erinnerungen.

Zu dieser Zeit war Syrien ein sehr geschlossenes Land. Wir trugen alle die gleiche Kleidung, hatten dieselben seltsamen Frisuren und bis in die späten 90er Jahre konnten wir uns über genau zwei Fernsehsender freuen. Diese Fernsehsender nannten wir liebevoll „Gewalt 1“ und „Gewalt 2“. Wir hatten drei lausige überregionale Propagandazeitungen und je eine noch lausigere regionale Zeitung in jeder Provinz. Alle wiederholten immer wieder, wie großartig und toll der Präsident und seine Partei doch sind und wie schlecht die Welt da draußen ist. Aber die Zeitungen dienten wunderbar zum Fenster putzen.

Diese Liste könnte ich noch unendlich weiter führen! Vielleicht hatte mein Mann Recht!

Dima wurde 1982 in Damaskus, Syrien, geboren. Sie studierte Journalismus und Kunst an der Universität Damaskus und arbeitete anschließend als freie Journalistin für internationale Medien und Onlineportale. Seit 2012 ist sie Koordinatorin und Produzentin bei Radio Souriali. Seit 2013 lebt Dima in Berlin und schreibt in ihrem Blog darüber, wie es ist fernab der vertrauten Welt, ein Kind zu erwarten. Mittlerweile ist sie Expertin für Papierkram und tiefgründige Gedanken.
Übersetzung: Patricia Bonaudo