Wie heißt du?

Im siebten Teil der JIK puzzle Kolumne stellt sich unsere Autorin die Frage wie Namen unser Leben prägen. Welchen Unterschied macht es, ob ich Jens heiße oder Ahmed? Aylin oder Blue Ivy?

von Hatice Tahtali

Illustration: Tuffix (2018)

Es gibt im Türkischen Lieder über meinen Namen. Regelrechte Liebeshymnen. Jede*r kennt eine, die so heißt wie ich. Selbst die Frau des Islamischen Propheten heißt so.

Meinen Eltern ist es 1991 (denn da bin ich geboren) bestimmt nicht in den Sinn gekommen, dass irgendjemand in Deutschland diesen Namen falsch aussprechen könnte. Sie haben das schlichtweg nicht bedacht. Sie haben auch nicht geahnt, dass ich je aufgrund ihrer Entscheidung benachteiligt werden könnte. Sonst hätten sie mich vielleicht anders genannt.

In den ersten Tagen meines Lebens hieß ich tatsächlich mal anders. Kurz nach meiner Geburt hatten mich meine Eltern Kerstin getauft. Sie hatten fest damit gerechnet, dass ich ein Junge werde und hatten keinen Namen für mich. Also hieß ich wie meine Hebamme. Leider kann ich mich nicht mehr daran erinnern, wie es war, für kurze Zeit einen deutschen Namen zu haben, den alle aussprechen konnten – naja fast. Ich kann mir vorstellen, wie meine Familie das „R“ im Namen Kerstin gerollt hat.

Manchmal frage ich mich, wie mein Leben aussehen würde, wenn ich eine Kerstin geblieben wäre. Wäre ich dann ein komplett anderer Mensch? Ich weiß es nicht.

Ich habe mal in einem Kindergarten gearbeitet. Dort gab es viele Kinder mit verschiedensten Namen. Namen die so exotisch waren, dass ich sie noch nie gehört hatte. Oder wie viele Lalukas kennt ihr? Selbst Beyonce hat ihre Tochter Blue Ivy genannt. Hätte sie ihr doch einen türkisch klingenden Namen gegeben….

Meiner Meinung nach trägt der Name viel zur Identität bei. Ich habe neulich einen Jungen kennengelernt. Er hat dunkle Haare, große dunkle Augen und einen dunklen Bart. Als er mir seinen Namen nannte, reagierte ich ganz verwundert. Es ist ein normaler, deutscher Name. Er ist ein Jens, sieht aber aus wie ein Ahmed. Also für mich jedenfalls. Es ist mir unangenehm, mir das einzugestehen, aber ich glaube ich „profile“ ihn.

Wäre mein Name Kerstin geblieben, hätten einige wahrscheinlich genauso reagiert. Bei der Vorstellung bin ich zum ersten Mal glücklich darüber, nicht Kerstin zu sein.

Er erzählt mir, dass ihm das immer wieder passiert. Alle reagieren überrascht auf seinen Namen und fragen ihn, ob er wirklich so heißt. Ich kenne das von asiatischen Kommiliton*innen, die sich manchmal einen europäischen Namen geben. Aber nein, so sei das bei ihm nicht, hat Jens mir versichert. Er heißt wirklich einfach Jens.

Er sagt, er würde sich aber nicht so fühlen. Das ist sein Dilemma… Er kann sich nicht mit seinem Namen identifizieren. Die Hälfte seiner Familie kann seinen Namen nicht aussprechen. Sie haben ihm mittlerweile sogar einen arabischen Namen gegeben. Auch unter seinen Freunden wechselt sein Name immer wieder zwischen Jens und Ahmed. Immer davon abhängig, in welchen Kreisen er sich bewegt.

Ich freue mich darüber, dass ich nur einen Namen habe und überall Hatice heißen kann.

Mir fällt auf, dass ich dieses Phänomen schon kenne. Einer meiner Kommilitonen heißt Hasan. Ein sehr typischer Name. Nach seinem Umzug wollte er sich neu definieren, einen exotischen aber doch aussprechbaren Namen haben und nannte sich Deniz. Ich finde das schade. Wenn wir Vielfältigkeit bei Namen nicht schätzen können, wie sollen wir die Vielfalt innerhalb der Gesellschaft schätzen?

Nur aufgrund der leichten Aussprache nennen 60% der deutschtürkischen Paare ihre Töchter Aylin. Was ist, wenn diese Zahl steigt? Sollen wir alle Aylin heißen, nur damit wir einen deutschtürkischen Namen haben, den auch beide Kulturen aussprechen können?

Mein Wunsch ist es, dass Eltern ihre Kinder eines Tages so nennen können, wie sie wollen, ohne an Diskriminierung oder an Aussprache zu denken und dass ein Jens, wenn er den Wunsch hat Ahmed zu heißen, so heißen kann und nicht zwischen den Namen balancieren muss.

Mittlerweile habe ich mich mit meinem Namen angefreundet. Aber bis vor nicht allzu langer Zeit habe ich ihn oft so ausgesprochen wie Deutsch-Muttersprachler*innen – eigentlich falsch.. Ich wollte ihnen damit einfach entgegen kommen. Letztes Jahr hab ich beschlossen damit aufzuhören. Und das geht gut. Inzwischen sind wir ja auch schon die dritte Generation. Ich glaube sogar, hier ist es mittlerweile so, wie damals 1991 in der Türkei: Jeder kennt eine Hatice.

JIK puzzle

Begegnungen sind wichtig, denn sie zeigen, dass wir ohne Angst verschieden sein können. Deswegen treffen auf der Jungen Islam Konferenz jedes Jahr 40 junge Erwachsene unterschiedlichster Hintergründe aufeinander, um gemeinsam für Vielfalt einzustehen. Um ihre Erfahrungen auch über den Rahmen der JIK hinaus zu teilen, schreiben ehemalige Teilnehmer*innen in dieser Kolumne einmal monatlich über Begegnungen, die sie besonders geprägt haben. Diese Alltagsmomente zeigen wie vielfältig die junge Generation ist und wie unterschiedlich ihre Sicht auf die Welt. Aber eins ist allen Geschichten gemeinsam: Vielfalt ist gelebte Normalität der Generation „Postmigrantisch“.

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