Was tun? Beitrag aus dem philosophie Magazin

Wie ist der Sorge der jüdischen Gemeinden zu begegnen? Susan Neiman im aktuellen Philosophie Magazin. 27 Philosoph_innen zur Lage Deutschlands angesichts der Krise der Flüchtlingspolitik.

von Susan Neiman

Artikel "Was tun? Philosophen zur Flüchtlingskrise" aus dem Philosophie Magazin Februar/März 2016. Foto: Gallerystock
Artikel „Was tun? Philosophen zur Flüchtlingskrise“ aus dem Philosophie Magazin Februar/März 2016. Foto: Gallerystock

Meine Antwort wird utopisch klingen, aber manchmal hel­fen nur utopische Antworten. Ich glaube, man sollte die Sorgen (von Teilen) der jüdischen Gemeinschaft sehr ernst nehmen – ernst genug, um daraus eine Gelegenheit zur Aussöhnung in mehrerlei Hinsicht zu machen.
Es liegt auf der Hand, dass arabische Diktaturen seit vielen Jahren auf eine alte Strategie zum Macherhalt setzen: Sie einigen ihre Untertanen, indem sie einen äußeren Feind heraufbeschwören. Bösartige Propaganda gegen den Staat Israel und gegen Juden im Allgemeinen zählt in weiten Teilen der muslimischen Welt zur Medien- und Schulbuchnormalität. Ebenso liegt auf der Hand, dass sich der Staat Israel in den letzten 15 Jahren so weit nach rechts und in Richtung Rassismus bewegt hat, dass oppositionelle Israelis mittlerweile das Wort „Faschist“ als angemessene Bezeichnung für manche Mitglieder der Regierung betrachten. Dem Rest von uns – Juden außerhalb Israels und Nichtjuden, die für Israels Recht auf ein Leben in Frieden eintreten, aber ohne eine ersprießliche Lösung für die Palästinenser keine Möglichkeit
zum Frieden sehen – kommt der Konflikt zunehmend ausweglos vor. Kann nun die Flüchtlingskrise ein Anlass zu neuer Hoffnung sein?
Viele Juden setzen sich dafür ein, dass jüdische Gemeinden Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Afghanistan mit offenen Armen empfangen. Das religiöse Gebot dazu findet sich im dritten Buch der Thora: „Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, euer Gott.“ (Levitikus 19, 34) Und wenn wir in eine weit jüngere Vergangenheit zurückblicken, sollten jene, deren Eltern und Großeltern von den Nazis, wenn sie Glück hatten, nur ins Exil gezwungen wurden, doch eine besondere Sensibilität für das Leid von Menschen haben, die vor Krieg und Fanatismus aus ihrer Heimat fliehen müssen. Strategisch betrachtet wäre eine Willkommenskultur vonseiten der jüdischen Gemeinden Europas ein gutes Gegenbild zu den antisemitischen Klischees, die viele Flüchtlinge – wie viele andere Menschen auch – verinnerlicht haben. Auf diese Weise könnte der Kreislauf von Furcht und Hass zwischen der jüdischen und der muslimischen Welt durchbrochen werden.
Damit diese Strategie Früchte tragen kann, müsste die Bundesregierung dafür sorgen, dass die Geflüchteten Deutschlands besondere Verantwortung im Kampf gegen den Antisemitismus erkennen – und Fälle von Hasskriminalität müssten konsequent bestraft werden.
Hilfreich, aber vielleicht noch utopischer wäre es, wenn die Bundesregierung sich überdies eindeutig für eine Zweistaatenlösung in Israel/Palästina einsetzen würde und dabei auch bereit wäre, Druck auf Netanjahu auszuüben. Zugleich sollte sie ihre Unterstützung für das Regime in Saudi-Arabien zurückfahren, das weltweit als Hauptfinanzier der salafistischen und antisemitischen Propaganda agiert. Wie könnte Deutschland seine Entschlossenheit im Kampf gegen den Antisemitismus besser zeigen, als konkrete Schritte zur Lösung des scheinbar endlosen Nahostkonflikts zu unternehmen?

Dieser Artikel erscheint im Philosophie Magazin Nr. 2/2016.