Wie verändert Mutterschaft das Leben von Frauen im Exil?

Zur Finissage der Ausstellung "Ich habe mich nicht verabschiedet | FRAUEN IM EXIL" von Heike Steinweg sprach die Schriftstellerin Dilek Güngör am 15. Januar mit Dima Al-Bitar Kalaji , Doha El Jaduh und Nivin Maksour über ihre Erfahrungen als junge Mütter im Exil, über Kindererziehung und das Leben zwischen den Sprachen.

von Dilek Güngör

Nivin Maksour, Doha El Jaduh, Dilek Güngör, Lama Al Haddad, Dima. Foto: Hans Glave, Berlin
Nivin Maksour, Doha El Jaduh, Dilek Güngör, Lama Al Haddad, Dima Al-Bitar Kalaji. Foto: Hans Glave, Berlin

Was erzählt man einem Kind vom Krieg? Wie spricht man über das, was man auf der Flucht erlebt hat? Die Kinder von Dima Al-Bitar Kalaji und Nivin Maksour sind noch zu klein, um Fragen zu stellen. Dimas Tochter ist acht Monate alt, Nivin hat eine zweijährige Tochter und ein kleines Mädchen, das erst vor zwei Monaten, in Berlin, zur Welt gekommen ist. Allein der siebenjährige Sohn von Doha El Jaduh wäre alt genug, um seine Mutter zu fragen. „Aber er stellt keine Fragen“, sagt Doha. Ihr Sohn war zwei, als die Familie aus Syrien floh. Sie weiß nicht, woran er sich erinnert. Die Familie floh mit dem Jungen und seiner acht Monate alten Tochter erst in den Libanon, dann in die Türkei, von dort nach Griechenland, weiter nach Ungarn, wo die Familie von der Polizei aufgespürt und ins Gefängnis gebracht wurde. Sie floh nach Österreich und musste, weil man in Ungarn ihre Fingerabdrücke hatte, wieder zurück nach Debrecen, in ein Heim, wo Dohas jüngstes Kind geboren wurde. Im Februar 2015 erreichte die Familie Berlin. Doha sagt, sie sei manchmal froh, dass ihr Sohn keine Fragen stelle. Sie und ihr Mann wollen nicht über diese furchtbare Zeit sprechen müssen. „Es reicht, dass wir es erlebt haben, wir wollen es nicht noch einmal erleben, indem wir es unserem Sohn erzählen.“

Doha, Nivin und Dima sind drei der Frauen, die die Fotografin Heike Steinweg für ihre Ausstellung „Ich habe mich nicht verabschiedet |Frauen im Exil“ porträtiert hat. So sitzen wir umringt von den großformatigen Fotografien in der Galerie des Tempelhof Museums und machen uns am letzten Tag der Ausstellung Gedanken, wie das Muttersein das Leben der Frauen verändert hat und noch immer verändert. Lama Al Haddad, die 2013 ebenfalls aus Syrien geflohen ist, dolmetschte unser Gespräch. Auch sie ist auf einem der Bilder zu sehen.

Wie darüber sprechen? Das ist eigentlich keine Frage, die man in einer solchen Runde ausführlich erörtern kann, ich habe sie dennoch gestellt, weil die Journalistin Dima in dem Text zu ihrem Foto beklagt, dass ihre Eltern ihr stets ein geschöntes Bild von Syrien gemalt haben. „Das möchte ich für meine Tochter nicht. Ich werde ihr sagen, dass der Krieg nicht von einem Tag auf den nächsten über uns hereingebrochen ist. Das hat sich lange angebahnt.“ Auch Nivin sagt, sie möchte sich später den Fragen ihrer Kinder stellen. „Ich werde ihnen sagen, was mit ihrem Onkel geschehen ist, wenn sie es wissen wollen.“ Nivin geht davon aus, dass ihr Bruder in Syrien im Gefängnis getötet wurde. „Als wir im Gefängnis nach ihm gesucht haben, hat man uns weggeschickt und gesagt, wir sollten ihn vergessen.“ Was tatsächlich mit ihm geschehen ist, weiß sie nicht. Sie hat ihn seither nicht mehr gesehen.

Wir kommen vom wie auf die Frage, in welcher Sprache die Mütter mit ihren Kindern sprechen. Dima spricht auf Arabisch zu ihrem Baby, doch Nivin hat sich für Englisch entschieden. In Syrien hat sie englische Literatur studiert, nach ihrer Flucht aus Hama lebte sie drei Jahre in der Türkei und arbeitete dort für die französische NGO Handicap International. Ihr Mann spricht Arabisch mit den Töchtern. „Und in der Kita lernt unsere große Tochter Deutsch.“ Das Sprachenlernen scheint Nivin leicht zu fallen, sie spricht schon gut Deutsch und bereut, dass sie während ihrer Zeit in Hatay in nicht auch noch Türkisch gelernt hat. Doha spricht mit ihren Kindern Deutsch. „Ich habe mich nicht bewusst dazu entschieden, das kam einfach so“, sagt sie. Dass das einfach so kommen konnte, liegt daran, dass Deutsch Dohas zweite Muttersprache ist. Sie kam aus dem Libanon als Vierjährige nach Deutschland. 16 Jahre lebte sie in Nordrhein-Westfalen, 16 Jahre lang war der Aufenthaltsstatus der Familie unsicher, über Jahre wurde ihre Duldung verlängert, schließlich wurde Doha 2006 mit ihren Eltern und Geschwistern in den Libanon abgeschoben. „Ich wusste nicht, dass meine Eltern sich ständig melden mussten, zum Schluss sogar jede Woche.“ Doha hat inzwischen einen Ausbildungsplatz zur Sozialassistentin, aber wie lange sie in Berlin bleiben kann, ist unklar. Sie ist derzeit mit ihrer Familie von der Abschiebung nach Ungarn bedroht.

 Viele Gäste kamen zur Finissage in die Galerie, um den Frauen zuzuhören. Foto: Hans Glave, Berlin
Viele Gäste kamen zur Finissage in die Galerie, um den Frauen zuzuhören. Foto: Hans Glave, Berlin

„Besonders in der Zeit nach der Geburt meiner Tochter habe ich mich alleine gefühlt und meine Mutter sehr vermisst“, sagt Dima. Dima wie auch Nivin haben versucht, ihre Mütter nach Deutschland zu holen. „Aber es hat nicht geklappt“, sagt Nivin. „Mein Mann hat mir geholfen, so gut er konnte, aber durch seine Kopfverletzung ist er in seinen Bewegungen eingeschränkt.“ Zudem muss er oft mehrere Stunden am Tag in physiotherapeutische Behandlung. Als ich Doha frage, ob es auch sein Gutes habe, die Verwandtschaft nicht immer um sich zu haben, lacht sie. „Natürlich. Mir wurde als Kind vieles verboten. Ich durfte zum Beispiel nie mit auf Klassenfahrten. Meine Kinder sollen überall mitgehen dürfen. Wenn meine Eltern hier bei uns wären, würden sie mir bestimmt in alles hineinreden.“ Auch das Publikum lacht und Dima sagt, sie leide zwar unter der Entfernung, aber genieße auch die größere Freiheit, die ihre kleine Familie nun habe. „Die große Nähe innerhalb syrischer Familien ist einerseits schön, aber sie lässt dem Einzelnen wenig Freiraum für eigene Entscheidungen.“

„Gibt es etwas, was ihr mit nach Syrien nehmen wolltet, wenn ihr denn zurückgeht“?, fragt jemand aus dem Publikum. Doha will nicht zurück, nicht nach Syrien und nicht in den Libanon, aber Nivin und Dima möchten wieder in Syrien leben. „Das Land braucht uns”, sagt Dima. “Wir können viel lernen von Deutschland, das auch einen Krieg erlebt hat und anschließend ein mächtiges Land geworden ist.“ Nivin nickt.