Wie war es früher als Newcomerin in Deutschland? Wie ist es heute?

„Als ich nach Deutschland kam" – unter diesem Titel kamen bei einer vom International Women Space organisierten Konferenz Frauen zum Austausch zusammen

von Oula Suliman

Photo: Shaheen Wacker
Foto: Shaheen Wacker

Die Konferenz „Als ich nach Deutschland kam“ fand am 28. und 29. Oktober 2017 in Berlin Treptow statt. Während der zwei Konferenztage konzentrierten sich die Diskussionen auf den Kampf der Frauen, die zu verschiedenen Zeiten nach Deutschland gekommen sind. Viele Geschichten waren hier zu hören: von Gastarbeiterinnen in Ost- und Westdeutschland in den 50er Jahren und Flüchtlingsfrauen in Ost- und Westdeutschland. Darüber hinaus ging es auch um Rassismus und Gewalt von den 90er Jahren bis heute, die Entstehung und den Einfluss des Begriffs „mit Migrationshintergrund“ sowie feministischen Aktivismus im Kontext der Migration. Die angesprochenen Themen wurden sehr eindrucksvoll simultan in sechs Sprachen gedolmetscht, um alle Frauen, die an diesem kalten Berliner Tag gekommen waren, zu erreichen.

“Wir sind der Meinung, dass diese Geschichten nicht unsichtbar bleiben sollten. Aus diesem Grund haben wir International Women Space gegründet“, sagte eine der Organisatorinnen.

Die Konferenz vermittelte einen umfassenden Überblick der komplexen Gesetze, Migrationsschwierigkeiten, Konflikte und Kämpfe, mit denen Migrantinnen immer wieder konfrontiert sind. Gleichzeitig hob sie auch die persönlichen Erfahrungen, Gefühle und beeindruckenden Geschichten der Sprecherinnen hervor. Es wurde eine Reihe von Filmen und Videos gezeigt, die die Kindheit der Sprecherinnen, ihre Wanderungen zwischen den Ländern sowie einige besondere Momente in sozialen und politischen Bewegungen wie auch Streiks der Migrant*innen Deutschlands veranschaulichten.

Die Lage der Migrant*innen in Deutschland ist in der Tat sowohl für Männer als auch für Frauen schwierig, vor allem in Bezug auf Ungleichheit, niedriges Einkommen im Vergleich zu ihren Kolleg*innen und kurzfristige Aufenthaltsgenehmigungen. Es gibt viele einzigartige Geschichten, die kaum in Literatur oder Medien repräsentiert sind.

“Kaum jemand weiß, dass es Frauen gab, die schon vor ihren Männern allein nach Deutschland kamen. Sie hatten vor, ihre Familien nachzuholen, sobald sie einen Wohnsitz hätten. Von Männern hörte man ab und zu, dass die Arbeit hart ist und dass sie gerne zurückkehren würden, aber keine Frau hat so was jemals gesagt “, erzählte Figen Izgin aus der Türkei, die 1979 im Alter von 14 Jahren mit ihrer Familie nach Berlin kam. Derzeit arbeitet sie als Sozialarbeiterin mit Arbeitslosen aus verschiedenen Ländern. Während ihrer Kindheit musste sie aufgrund der instabilen finanziellen Situation und Gesetzesänderungen zwischen der Türkei, Deutschland und Österreich hin und her wandern, sie wechselte währenddessen achtmal die Schule. Zuletzt besuchte sie in Berlin eine türkische Schule. Hier waren viele Kinder deren Familien planten, später in die Türkei zurückkehren. Sie war letztlich die einzige Studentin ihrer Klasse, die in Deutschland ein Studium aufnehmen konnte. „Jetzt kommt mir diese Zeit wie Folter vor, wenn ich zurückschaue”, berichtete sie.

Mai-Phuong Kollath, 1963 in Hanoi, Vietnam geboren, die 1981 als Vertragsarbeiterin nach Ostdeutschland kam, erinnerte sich an die harten Verordnungen gegen Frauen in den 80er Jahren in Ostdeutschland. “Ohne ein einziges Wort auf Deutsch zu kennen, sind wir nach Deutschland gereist. Wir wurden auf Krankheiten und Schwangerschaft getestet. Wir durften nicht schwanger werden, weil wir nur hier waren, um zu arbeiten. Die kulturellen Unterschiede zwischen uns wurden wenig berücksichtig, z.B. die Tatsache, dass unsere Kultur uns überhaupt keinen Sex vor der Ehe erlaubt. Als wir ankamen, untersuchte uns ein Arzt; und wir waren dem Blick völlig fremder Männer ausgesetzt”, erzählte Mai-Phuong. Als Beraterin, Coach und Diversity-Trainerin unterstützt sie seit vielen Jahren verschiedene Organisationen, Verbände und Gewerkschaften bei ihrer interkulturellen Arbeit. Sie war die stellvertretende Vorsitzende des Bundeszuwanderungs- und Integrationsrates sowie Vertreterin von vielen Migrant*innenorganisationen in Mecklenburg-Vorpommern.

Das Konferenzambiente veränderte und entwickelte sich spürbar mit jeder Sitzung: von Mitgefühl, wenn eine der Sprecherinnen von den schwierigen Tagen ihres Lebens erzählte, bis hin zu Bewunderung und Anerkennung, wenn sie über das Erreichte sprach. “Wir haben oft gelächelt, als wir uns mit den Biographien dieser großartigen Rednerinnen beschäftigt haben, uns ihre Interviews anschauten, ihre Artikel oder Bücher lasen und ihnen zuhörten”, berichteten die Organisatorinnen.

Im Gegenzug nutzten die Zuschauer*innen während der “Q&A” Sitzungen die Gelegenheit, um auf die gegenwärtig auftretenden Herausforderungen für geflohene Frauen einzugehen, so z.B. Sexismus und Diskriminierung von Frauen in ihren Heimatländern. Diese Herausforderungen werden vom Gesetz in Europa immer noch unterschätzt.

Hier noch ein paar Impressionen von Shaheen Wacker

Photo: Shaheen Wacker

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Die Konferenz wurde filmisch dokumentiert und wird in Kürze online zur Verfügung stehen. Dem International Women Space ist es wichtig, auch den vielen Frauen, die nicht persönlich teilnehmen konnten, Zugang zu hier geteiltem Wissen und Erfahrungen zu ermöglichen.