Wir brauchen alle mal ein bisschen Starthilfe im Leben

Das Projekt JumpStart bringt Einheimische und Newcomer*innen zusammen und möchte Orientierungshilfe, Unterstützung und Motivation für einen Neubeginn in Berlin liefern. Autorin Lorna Cannon, die selbst vor einigen Jahren aus England nach Deutschland zog, berichtet aus eigener Erfahrung über die Herausforderungen des Ankommens und wie sie über internationale Freundschaften und den besetzen Oranienplatz in Berlin-Kreuzberg auf das Projekt aufmerksam wurde.

von Lorna Cannon

Foto: Mirjam Klessmann
Lorna Cannon in einem Berliner Cafe im Frühjahr 2017. Foto: Mirjam Klessmann

Als ich aus England nach Berlin zog, hatte ich es nicht leicht. Ich hatte keinen Job, keine Wohnung und keine Ahnung, wie schwierig es ist, diese Dinge hier zu bekommen. Ich fand schließlich eine Wohnung, aber musste mich über ein Jahr lang mit schlecht bezahlten Nebenjobs über Wasser halten. Als ich etwas Fuß gefasst hatte, galt es, Freund*innen und eine Gemeinschaft zu finden – was sich ebenfalls als schwierig herausstellte. Ich war aus irgendeinem Grund nicht in der Lage, mich mit Deutschen anzufreunden. So hatte ich fast ausschließlich internationale Freund*innen, die oft nur für eine begrenzte Zeit hier waren. Und wenn sie in ihre Heimat zurückkehrten, fühlte ich mich alleingelassen und musste wieder von vorne anfangen.

Ich fand meine Gemeinschaft schließlich im Jahr 2012, auf dem besetzten Oranienplatz und der Gerhard-Hauptmann-Schule. Die Menschen, die ich dort traf, lebten als Geflüchtete in Deutschland. Sie rückten meinen schwierigen Start in Berlin in eine neue Perspektive. Gemeinsam hatten wir, dass wir alle in Berlin fremd waren. Aber der große Unterschied war, dass ich mich entschieden hatte, hier zu leben, während sie aus Not heraus ihre Heimat hatten verlassen müssen. Plötzlich kamen mir meine Mindestlohnjobs und leidige Wohnungssuche nicht mehr so schlimm vor. Ich fühlte mich schuldig, mich je über etwas beschwert zu haben, das ich selbst gewählt hatte.

Viele meiner geflüchteten Freund*innen brauchten Hilfe mit ihren Papieren. Die deutsche Bürokratie ist ein Albtraum, selbst wenn man nicht im Asylprozess steckt. Deswegen wollte ich meinen Freunden umso mehr damit helfen. Leider war es mit mir als Ausländerin, die selbst schon einige große bürokratische Fehler gemacht hatte, so als ob der Blinde den Lahmen führt. Häufig war ich nach dem Durchkämmen des scheinbar unendlichen Papierkrams meiner Freund*innen verwirrter als davor.

Letztes Jahr sprach ich mit Nebras, einem der Gründer der Daseinsfreunde, über die schwierige Situation Asylsuchender in Deutschland. Er hatte den Prozess selbst durchgemacht und sagte, dass es eine wesentlich schnellere, effizientere und stressfreiere Erfahrung gewesen wäre, wenn ihm eine deutsche Person bei seinem Papierkram und der Umsetzung seiner Pläne geholfen hätte. Er sagte, dass viele Menschen mit Motivation und Zielvorstellungen in Deutschland ankommen, aber durch all die Hürden, die sie überwinden müssen, demotiviert und frustriert werden. So entstand die Idee von JumpStart.

Das Konzept war, zunächst fünf Personen auswählen, die vor Kurzem als Geflüchtete in Deutschland angekommen waren. Diese fünf sollten mit jeweils zwei Einheimischen zusammengebracht werden, die ähnliche Interessen hatten oder in einem ähnlichen Bereich arbeiteten. Auf diese Weise bekämen die Neuankömmlinge Orientierungshilfe und Unterstützung und würden hoffentlich motiviert bleiben, ihre Ziele zu erreichen.

Das JumpStart-Projekt begann letzten Sommer. Vor ein paar Wochen setzte ich mich mit einem der Teams zusammen, um zu sehen, wie gut das Projekt funktioniert. Was ich im Verlauf unseres Treffens über die Auswirkungen von JumpStart erfuhr, war ebenso unerwartet wie aufschlussreich.

Wir saßen zu viert im ägyptisch-marokkanischen Restaurant Baraka in Kreuzberg und tauschten Albtraum-Mitbewohner-Geschichten, Pläne für die Weihnachtstage und Beobachtungen über syrischen Humor aus. Wir hatten uns alle durch die Daseinsfreunde kennen gelernt, aber noch nicht die Fortschritte des JumpStart-Teams besprochen. Das Dreierteam besteht aus Linda aus Süddeutschland, die seit vier Jahren in Berlin lebt und Projektleiterin von JumpStart ist; Lilith, die seit ihrer Kindheit in Berlin lebt, und Ameenah aus Syrien, die im vergangenen Jahr als Asylsuchende in Deutschland ankam.

Als ich fragte, wie das Projekt lief, war die Reaktion unerwartet. Ameenah standen Tränen in den Augen als sie sagte, dass sie in Linda und Lilith ihre besten Freundinnen in Berlin gefunden habe. Freundinnen, bei denen es ihr so vorkäme, als würden sie sich bereits seit Jahren kennen. Unser Treffen fand während der schrecklichen Bombardierung Aleppos statt, was verständlicherweise hart für Ameenah war. Sie erzählte, dass viele Leute hier ihr sagten, sie solle aufhören die Nachrichten zu schauen und sie abzulenken versuchten, wenn sie über Syrien sprach. Das Besondere an Lilith und Linda sei, dass sie Ameenah niemals unterbrachen oder versuchten, das Thema zu wechseln, sondern ihr zuhörten – und das war es, was sie wirklich brauchte. Sie war beeindruckt, wie gut die beiden über die Situation in Syrien informiert waren und so bei schwierigen Themen Stärke zeigen konnten.

Lilith antwortete, dass es eine Ehre sei, dass Ameenah so offen mit ihr sein konnte: „Wir können uns nicht vorstellen, was sie durchgemacht hat. Aber wenigstens können wir zuhören. Alle sollten diese Geschichten hören, damit sie verstehen können, was die Menschen dort erleben müssen.“ Sie fügte hinzu, dass Ameenahs Fähigkeit, trotz allem ihren Sinn für Humor zu wahren, inspirierend sei. Es war klar, dass die drei jungen Frauen eine starke Bindung hatten und dass diese Freundschaft für Linda und Lilith ebenso wichtig war wie für Ameenah.

Nach einem emotionalen Gespräch über ihre Freundschaft fragte ich nach Ameenahs Zielen, und ob JumpStart ihr geholfen hatte, sie zu erreichen. Das zog Ameenah eine bunte Mind-Map hervor, die sie mit Lilith und Linda erstellt hatte. Ameenah ist eine ambitionierte Journalistin, die freiberuflich in Deutschland arbeitet. Lilith konnte ihr helfen, da sie selbst bei einem Nachrichtensender arbeitet. Aber Ameenahs Zielsetzungen gehen weit über den Journalismus hinaus. Ihre Mind-Map nur anzusehen machte mich schon erschöpft! „Die meisten Leute sagen, ich nehme mir zu viel vor, aber Linda und Lilith ermutigen mich einfach weiter – manchmal fügen sie sogar etwas zur Liste hinzu!“

Linda und Lilith unterstützten Ameenah bei dem bürokratischen Prozess, den Geflüchtete in Deutschland durchmachen müssen. Sie begleiteten Ameenah zu Jobcenter-Terminen, übersetzten und halfen ihr beim Ausfüllen deutscher Formulare. Sie lachten darüber, dass Ameenahs JobCenter-Betreuerin sie zuerst zu hassen schien und dann schließlich so beeindruckt von ihr war, dass sie ihr Arbeit anbot. Da sie ohne Kenntnisse der deutschen Sprache angekommen war, hätte Ameenah ohne die Hilfe von Linda und Lilith Schwierigkeiten gehabt. Aber beide geben zu, dass die deutsche Bürokratie selbst für sie als Deutsche manchmal immer noch verwirrend ist.

Der Abend hinterließ in mir ein sehr willkommenes Glücksgefühl. Die Nachrichten im Jahr 2016 vermittelten den Eindruck, die ganze Welt sei voller Bosheit und Gier. Aber es sind die kleinen, leider viel zu selten erzählten Geschichten wie die von Ameenah, Linda und Lilith, die mir zeigen, wie viel Gutes es noch in der Welt gibt.
Ich begann, mich zu fragen, was meine ersten Erfahrungen in Berlin gewesen wäre, wenn ich ein JumpStart-Team an meiner Seite gehabt hätte. Und wie die Erfahrungen für diejenigen gewesen wären, die gezwungen waren, aus ihrer Heimat zu fliehen. Mir war mehr als klar, dass das, was als Programm begonnen hatte, um Geflüchteten zu helfen, unweigerlich zu einem Programm geworden war, das Freundschaften bildet und auch den Menschen von hier hilft, die Welt und auch ihre eigene Kultur aus einer anderen Perspektive zu sehen. Wenn sich dieses Projekt in ganz Deutschland verbreiten würde, könnte es den Druck auf die Geflüchteten reduzieren und die Angst und den Hass der Menschen mildern, die nicht wissen, was sie von dem jüngsten Zustrom von ausländischen Menschen in ihr Land halten sollen. Dieses Projekt ist keine Einbahnstraße, schließlich braucht jeder im Leben hin und wieder ein bisschen Starthilfe.

Der Originalbeitrag ist auf der Seite der Daseinsfreunde erschienen.