Wir können alles gewinnen, wenn wir nur an uns glauben

Gestern sind die Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro zu Ende gegangen. Mit dabei waren erstmals zehn „Refugee Olympic Athletes”. In einem Team vereint, traten sie gegen die weltbesten Sportler an. Sie gewannen keine Goldmedaillen. Doch unser Rückblick zeigt: Ihre Geschichten, ihre Tapferkeit und ihre Hoffnungen bewegen die Welt. Und ihre Träume sind mehr wert als Gold und Silber.

von Katja Doubek

Der Schwimmer Rami Anis aus Syrien, der Teil des Refugee Olympic Team (ROT) ist, beim Training. Belgien 2015. Foto: Comité International Olympique (CIO) / Harry Fayt (Fotograf)
Der Schwimmer Rami Anis aus Syrien, der Teil des Refugee Olympic Team (ROT) ist, beim Training. Belgien 2015. Foto: Comité International Olympique (CIO) / Harry Fayt (Fotograf)

„Es ist der Traum eines jeden Athleten, in Rio dabei zu sein”, sagte der syrische Schwimmer Rami Anis. „Wir träumen von Olympia, seit wir Kinder sind. Jeder von uns wollte unter der Flagge seines eigenen Landes mitmachen, aber der Krieg hat das verhindert. Wir sind stolz, Teil des Flüchtlingsteams zu sein.“

Über ein Jahr ist es her, dass Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) anfingen, über eine Mannschaft nachzudenken, die es so noch nie gegeben hat. 43 Sportler*innen standen nach den Kriterien des IOC zur Auswahl. Männer und Frauen, mit einem durch die Vereinten Nationen anerkannten Flüchtlingsstatus, angemessenen sportlichen Leistungen und einem entsprechenden biografischen Hintergrund.

Sie alle leben mittlerweile im Exil, haben dort nach ihrer Flucht vorerst ein Zuhause gefunden. Eine von ihnen ist Raheleh Asemani. Vor drei Jahren aus dem Iran geflohen, lebt sie seither in Belgien. Die Taekwondo-Kämpferin arbeitete als Postangestellte und trainierte hart, um sich für Rio zu qualifizieren. In die Gruppe der 43 hatte sie es bereits geschafft, als ihr im Frühjahr 2016 die belgische Staatsbürgerschaft zuerkannt wurde. Damit kämpfte sie in Rio nicht als Geflüchtete, sondern für ihr Land – Belgien.

Bei der Suche nach den Athleten standen dem IOC die Nationalen Komitees, das UN-Flüchtlingshilfswerk und verschiedene andere Organisationen zur Seite. Gemeinsam wählten sie zehn Sportler*innen in das „Refugee Olympic Team (ROT)“: Fünf Leichtathleten aus dem Südsudan, einen aus Äthiopien, zwei Judoka aus dem Kongo und zwei Schwimmer aus Syrien. Am Eröffnungstag der Olympischen Spiele liefen sie als vorletzte Mannschaft ein – direkt vor den brasilianischen Gastgebern. Mangels einer gemeinsamen Flagge trug Rose Nathike Lokonyen das olympische Banner zu den Klängen der olympischen Hymne. Die 800-Meter-Läuferin stammt aus dem Südsudan, lebt zurzeit in Kenia und sorgte für Verwunderung, weil sie erst vor einem Jahr begann, Schuhe zu tragen, statt barfuß zu trainieren.

„Wenn Gott dir ein Talent schenkt, musst du es nutzen“, formuliert 400-Meter-Läufer James Nyang Chiengjiek. Um nicht von Rebellen gekidnappt und zu einer Existenz als Kindersoldat gezwungen zu werden, floh er als 13-Jähriger aus dem Südsudan. Chiengjiek landete im Nachbarland Kenia, ging dort zur Schule und traf auf eine Gruppe älterer Jungen, die für Langstreckenläufe trainierten. Er schloss sich ihnen an. „Wir hatten alle jede Menge Blasen und wunde Füße. weil wir uns gegenseitig die Schuhe leihen mussten.“ Seine Teilnahme in Rio will er nutzen, um andere zu inspirieren. „Wenn ich anständig laufe, tue ich etwas Gutes … vor allem für die Geflüchteten. Wir müssen uns umsehen, wo unsere Brüder und Schwestern abgeblieben sind und wenn sie Talent haben, können wir sie motivieren, mit uns zu trainieren und so auch ihr Leben besser machen“, ist James Chiengjiek überzeugt.

Wie Chiengjiek stammt auch Leichtathletin Rose Nathike Lokonyen aus dem Südsudan und lebt heute in Kenia. Sie war zehn Jahre alt, als sie floh. Bis vor etwas über einem Jahr hatte sie noch nie an einem Wettlauf teilgenommen. Ein Lehrer im Flüchtlingscamp entdeckte ihre Fähigkeiten und ermutigte sie, an den Start zu gehen. „Ich hatte überhaupt nicht trainiert. Es war das erste Mal, das ich überhaupt gelaufen bin – und ich wurde Zweite. Das war eine unglaubliche Überraschung.“ Ihr Debüt lief Lokonyen über 10.000 Meter. Am 17. August ging sie in Rio als 800-Meter-Läuferin an den Start.

Auch Paulo Lokoro hat seine Wurzeln im Südsudan und lebt jetzt in Kenia. Dort traf er auf Tegla Loroupe. Tegla Loroupe wuchs mit den fünf Frauen ihres Vaters und 25 Geschwistern auf, und lief bereits als 7-Jährige jeden Morgen zehn Kilometer zur Schule und am Nachmittag zurück. Die zierliche Sportlerin trainierte Lokoro für den 1500-Meter-Lauf am 16. August. „Ich will Weltmeister werden“, sagte Lokoro, der auf diese Weise sein altes Leben als Kuhhirte hinter sich lassen möchte.

Ähnlich wie er, hofft auch Anjelina Lohalith, Läuferin über 1500 Meter, mit Hilfe des Sports auf ein anderes Leben. „Alles war zerstört“, erinnert sie sich an die Zeit, als sie als kleines Mädchen von sechs Jahren ihr Heimatdorf im Südsudan verlassen musste und nach Kenia gebracht wurde. Ihre Eltern hat sie seither nicht wiedergesehen. Irgendwann erkannte sie ihre Vorliebe für Leichtathletik, und mit den ersten Erfolgen wuchs ihre Motivation. „Wenn du Geld hast, kannst du dein Leben ändern und musst nicht bleiben, was du warst.“ Gefragt, was sie nach einem großen Sieg als erstes täte, antwortete Anjelina Lohalith: „Ich würde meinem Vater ein schöneres Haus bauen.“

Yiech Biel trainiert wie Paulo Lokoro unter den Fittichen von Tegla Loroupe. Zweimal stellte Loroupe einen Weltrekord im Marathon auf, sie ist dreifache Weltmeisterin im Halbmarathon. Heute coacht sie Sportler wie Biel und Lokoro, bereitete Biel auf seinen 800-Meter-Lauf vor. Nachdem er den Südsudan 2005 verlassen hatte, verbrachte Yiech Biel zehn Jahre im Flüchtlingslager Kakuma im Norden Kenias. „Viele von uns haben große Herausforderungen zu meistern. Im Camp fehlt es an allem – auch an Schuhen. Es gibt keine Turnhalle. Sogar das Wetter scheint sich gegen unser Training verschworen zu haben, es ist von morgens bis abends glühend heiß und sonnig.“

Da sind die moderaten klimatischen Bedingungen, unter denen Marathonläufer Yonas Kinde trainiert, zweifellos angenehmer. Geflohen aus Äthiopien, lebt Kinde seit etwa fünf Jahren in Luxemburg und arbeitet dort als Taxifahrer. Im vergangenen Oktober lief er anlässlich eines Marathons in Deutschland nach 2:17 Stunden ins Ziel. Er verdoppelte seine Trainingseinheiten, als er von der Idee eines olympischen Flüchtlingsteams erfuhr. „Ich glaube, es ist eine großartige Botschaft, dass junge geflüchtete Athleten, hier ihr Bestes geben. Natürlich haben wir Probleme, aber wir können in den Camps alles dafür tun, um den Athleten unter den Flüchtlingen zu helfen.“ Yonas Kinde startete am 21. August in Rio.

Einen olympischen Sieg hat Popole Misenga bereits in der Tasche. Geboren im Kongo, fand er Zuflucht in Brasilien. Dort nahm er 2013 für sein Heimatland an den Judo-Weltmeisterschaften teil und bat um Asyl. Popole Misenga war neun Jahre alt, als seine Mutter ermordet wurde. Schutzlos irrte der Junge über eine Woche durch den Regenwald, bis er aufgegriffen und nach Kinshasa in ein Waisenhaus gebracht wurde. Der heute 24-jährige Athlet hat seine Familie seither nie wieder gesehen. „Ich habe zwei Brüder, aber ich weiß nicht, wie sie aussehen. Ich sende ihnen Küsse und umarme sie.“ Sein Talent für Judo zeigte sich früh. Er absolvierte professionelles Training und ging schließlich für den Kongo bei internationalen Wettkämpfen an den Start. „Ich habe zu viel Krieg gesehen, zu viel Tod. Ich will davon frei sein, so dass ich meinen Sport machen kann.“ In Rio gewann Popole Misenga als erster Sportler des „Refugee Olympic Teams“ seinen Wettkampf.

„Ich bin sehr glücklich über diesen Sieg“, sagte er anschließend. „Als Flüchtling bin ich gegen einen Weltmeister angetreten, und dieser Weltmeister war mir nicht gewachsen. Ich bin ein Sieger! Ich denke, das freut alle Flüchtlinge aus dem Kongo. Sie werden sich fragen: Wie hat er das nur geschafft? – Ich habe es geschafft, weil ich siegen wollte. Jeder Flüchtling ist ein menschliches Wesen und wir können alles gewinnen, wenn wir nur an uns glauben.“

2013 beantragte Mannschaftskollegin Yolande Mabika zusammen mit Popole Misenga in Brasilien Asyl. Die Methoden ihrer Trainer waren grob und rücksichtslos: Qualvolle Übungseinheiten, mickrige Essensrationen. Siege wurden gewürdigt, Verluste mit brutalen Methoden bestraft. Stundenlanges Einsperren in geschlossenen Räumen, körperliche Gewalt. Auf internationalen Wettkampfreisen wurden die Athleten in den Hotels eingesperrt, Pässe und Brieftaschen kontrollierte der Staff. Mabika unterlag zwar im Kampf gegen Linda Bolder, dennoch ist sie überzeugt: „Wir werden zeigen, dass Flüchtlinge in der Lage sind, all das zu tun, was alle anderen Menschen in der Welt auch tun.“

Und manchmal eben noch ein bisschen mehr. So wie Rami Anis, der endlich dort angekommen ist, wo er seine Leistungen zeigen kann. Anis lebte mit seiner Familie im syrischen Aleppo. Dort trainierte er bereits im Alter von 14 Jahren als Leistungssportler. Doch das Leben in Aleppo wurde immer gefährlicher. 2011 entschieden die Eltern des inzwischen 20-Jährigen, ihn und den älteren Bruder für eine Weile in die Türkei zu schicken. Rami trainierte in Istanbul weiter, konnte jedoch ohne türkische Staatsangehörigkeit bei offiziellen Wettbewerben nicht für das Land antreten. Die eskalierende Situation in Syrien machte eine Rückkehr unmöglich. Rami beschloss, mit einem Schlauchboot nach Griechenland zu fliehen. Von Samos aus gelangte er nach Gent, wo man ihm im Dezember 2015 belgisches Asyl gewährte. In Rio betonte er, welch „fantastisches Gefühl“ es für ihn sei, an den Olympischen Spielen teilzunehmen.

Wie Rami Anis ist die Syrerin Yusra Mardini in Brasilien mit den Besten der Welt um die Wette geschwommen. Die junge Frau gilt mit ihren gerade 18 Jahren als „das Gesicht und die Stimme des Teams“. Ihre Geschichte handelt von Hunger, Verrat, Angst – und unglaublicher Tapferkeit. Ihre Kraft und ihr Optimismus beeindrucken.

Türkische Küste, später Abend. Gemeinsam mit ihrer Schwester Sarah befindet sich Yusra in einem Schlauchboot auf der Flucht nach Griechenland. Das kleine Gummiboot ist für maximal sechs Personen ausgelegt. Es sind aber nicht sechs, sondern zwanzig Menschen, die die Überfahrt wagen. Der alte Motor stottert, hustet, verschluckt sich und hört auf zu tuckern. Einmal noch gelingt der Versuch, ihn erneut anzuwerfen. Dann ist Schluss. Der Motor schweigt. Wellen schwappen in das Boot. Ein Teil der Passagiere kann nicht schwimmen. Beherzt springen Yusra und Sarah in das nachtschwarze Meer. Sie greifen die Leine und ziehen das schwankende Schlauchboot mitsamt den verschreckten Insassen schwimmend hinter sich her. Zwei, drei Männer unterstützen sie, schwimmen abwechselnd mit ihnen. Eine Stunde, zwei Stunden, eine dritte Stunde. Die vierte Stunde bricht an, als die erschöpften Mädchen endlich Boden unter den Füßen spüren. Es ist früher Morgen, die Sonne geht auf. Sie haben es geschafft. Gehen in Lesbos an Land.

Heute leben Yusra und Sarah in Berlin. „Viele Menschen in Syrien haben ihre Träume verloren. Ich hoffe, dass alle Menschen ihren Träumen folgen können, um etwas Gutes in der Welt zu erreichen.“

In Rio haben ohnehin alle gewonnen: Die Sportler durch Ihre Teilnahme und die Medaillen und die Welt durch die Geschichten der Athleten, die unsere Aufmerksamkeit verdienen und ein Zeichen der Hoffnung setzen.