Wie wir Welt teilen

Migration ist Regel, nicht Ausnahme. Auch der Stoff, aus dem Deutschland gemacht ist, ist gewebt aus Bewegung und Wanderung, aus Aufbruch und Wandel. Akzeptieren wir die Tatsachen und fangen wir an, unsere Gesellschaft neu zu gestalten.

von Wir Machen Das

Installation view, facade of Kunst-Werke Institute for Contemporary Art Berlin, 2015/2016. Photograph Castro & Ólafsson.
Libia Castro & Ólafur Ólafsson: _DEIN LAND EXISTIERT NICHT_, 2013  (Aus der laufenden Kampagne _Your Country Doesn´t Exist_, seit 2003)  Leuchtreklame, 190 x 700 cm, Installationsansicht an der Fassade der  KW Institute for Contemporary Art Courtesy Libia Castro & Ólafur Ólafsson; Foto: Libia Castro & Ólafur Ólafsson

Einer Monstranz gleich trug Deutschland über Jahrzehnte die Überzeugung vor sich her, kein Einwanderungsland zu sein. Doch Deutschland ist nicht erst seit diesem Sommer ein Einwanderungsland, Europa nicht erst seit Lampedusa und Lesbos ein Einwanderungs­kontinent. Der Stoff, aus dem (auch) Deutschland gemacht ist, ist gewebt aus Migration und Bewegung, aus Aufbruch und Wandel. Was wir daher nicht brauchen, sind verschärfte Asylgesetze und Politiken der Abschottung, sondern eine dem Anderen zugewandte und positive Haltung gegenüber Einwanderung sowie eine Vision davon, wie das Zusammen- und Miteinander-Sein von bereits Ansässigen und Newcomern gestaltet werden kann, wie wir Welt teilen. In Europa gibt es seit vielen Jahrhunderten regen Handel und Migration (und eine lange, fast vergessene Tradition von Vielvölkerstaaten). Viele Einflüsse haben den Kontinent geprägt: Die Mauren siedelten über Jahrhunderte in Spanien, die Osmanen in Bulgarien, die Einwanderer aus den Kolonien wie die Algerier in Frankreich, die Inder in Großbritannien, die Indonesier in den Niederlanden. Nach 1989 kam eine nicht unbeträchtliche Anzahl von US-Amerikaner_innen nach Prag, derzeit haben sich mehr als 20.000 junge Israelis für ein Leben in Berlin entschieden. Noch nicht berücksichtigt hierbei sind all die innereuropäischen Migrations­bewegungen von den Hugenotten bis zu den enormen Bevölkerungsverschiebungen während und in Folge der beiden Weltkriege, die Europa in seinem Binnengefüge verändert haben. Die Europäer sind – wie der kürzlich verstorbene Soziologe Ulrich Beck postulierte – Multikulturalistinnen und Kosmopoliten.

Die Idee der Nation und des Nationalstaats ist vergleichsweise jung: Sie fand erst seit dem 18. Jahrhundert langsam Verbreitung. Noch der Deutsche Bund um 1848 war ein multikulturelles Gebilde, in dem viele Sprachen und Nationalitäten (oder wie man damals sagte: Völker) zuhause waren. Die deutschen Lande waren eine höchst heterogene Region in einem vielfältigen, multiethnischen und multireligiösen Europa. Später, in der Weimarer Republik, lebten hier so viele russische Exilanten und Exilantinnen, dass über 80 russischsprachige Zeitungen und Zeitschriften gedruckt und gelesen wurden. Seit den 1880er Jahren übersiedelten tausende aus dem polnischen Kulturkreis stammende Einwanderer (preußischer bzw. deutscher und polnischer Nationalität) in das Ruhrgebiet. Deren Zahl erreichte 1910 mit einer halben Million den höchsten absoluten Wert und zugleich den höchsten Anteil an der dortigen Gesamtbevölkerung. Das viel gepriesene westdeutsche Wirtschaftswunder wäre ohne die zahlreichen so genannten Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen, die ab den frühen 1960er Jahren nach Deutschland kamen, nicht möglich gewesen.

Deutschland war immer auch Auswanderungsland. Namen brandenburgischer Dörfer wie Boston, Philadelphia oder schlicht Amerika zeugen von Wunsch und Wille, Deutschland auf der Suche nach einem besseren Leben zu verlassen. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in der nachnapoleonischen Zeit, verließen Tausende den Hunsrück und migrierten nach Brasilien. Noch heute sprechen zwei Millionen Brasilianer_innen den Hunsrücker Dialekt, das so genannte Riograndenser Hunsrückisch. Sie flohen aus Armut und wirtschaftlicher Verelendung; sie waren: Wirtschaftsflüchtlinge. Seit der Wende wanderten jährlich mindestens 600.000 Menschen aus Deutschland aus. Allein 2013 verließen fast 800.000 Menschen die Bundesrepublik, fast so viele wie wir in diesem Jahr neu aufnehmen werden.

Es waren die Nationalsozialisten, die ein ethnisch homogenes Reich propagierten und gewalttätig durchzusetzen suchten. Dieses ethnisch und kulturell homogene Land hat es nie gegeben. Doch ihre Vorstellungen wirken bis heute nach, was an dem lange Zeit unhinterfragten Diktum „Deutschland ist kein Einwanderungsland“ spürbar ist. Die Kohl-Regierung verteidigte dieses Narrativ sechzehn Jahre lang entschlossen – entgegen der Fakten: Unter Helmut Kohl lebten rund 14 Millionen Migrant_innen in Deutschland (nun sind es 16,5 Millionen). Den Folgen dieser Realitätsverleugnung begegnen wir jetzt auf psychosozialer Ebene in Form von Ängsten und Abwehr und auf praktisch-operativer Ebene in Form von absolut mangelhafter Vorbereitung auf die Neuangekommenen sowie fehlender Infrastruktur und rechtlicher Regelungen, um sie zu integrieren. So wird in Deutschland erst jetzt (!) über ein vernünftiges Einwanderungsgesetz nachgedacht. Ein unglaubliches Versäumnis.

Der stets genährten falschen Vorstellung, die Neuangekommenen seien „zu fremd“ für uns, setzen wir entgegen, dass Fremdheit und, ja, auch Unverständnis zu einer pluralistischen, offenen Gesellschaft dazu gehört. Sie beginnt im eigenen Haus: Der Rapper wundert sich über die Religionslehrerin, die eine Etage über ihm wohnt, der allein lebende Banker über die Großfamilie, mit der er um den Parkplatz streitet, der Wurstfabrikant schüttelt den Kopf über die Veganerin und so weiter. Offene Gesellschaften setzen per definitionem auf Unterschiedlichkeit und nicht auf Konformität. Es ist diese kreative Mischung, aus der sich die innovativen und erfolgreichen Gesellschaften entwickeln. Bislang hat jede Einwanderungswelle Deutschland bereichert. Die neu Hinzugekommenen werden unsere Gesellschaft auch diesmal – und nicht nur aus ökonomisch-demographischen Gründen – bereichern. Wir werden – endlich – das Land der Gartenzwerge und Geranien, das Land der Kohls und Honeckers hinter uns lassen und eine Gesellschaft werden, in der zählt, was eine tut und sagt und nicht, woher sie kommt.

Angela Merkels „Wir schaffen das“ war nur der Anfang. Die Neuangekommenen mögen noch terra incognita für uns sein und bewegen sich selbst auf für sie neuem und schwankenden Boden. Aber alle gemeinsam schöpfen wir aus einer reichen und vielfältigen Geschichte von Erfahrungen mit Aufbruch und Ankommen. Wir verschließen die Augen nicht vor den Herausforderungen, die damit verbunden sind, Deutschland als Einwanderungsgesellschaft neu zu erfinden, aber wir freuen uns auf das Leben mit den neu Hinzugekommenen. Wir öffnen uns dieser neuen Wirklichkeit. Wir schreiben dieses Kapitel gemeinmsam. Wir schaffen das nicht nur; wir machen das!

„Your country doesn’t exist“ von Libia Castro und Olafur Ólafsson ist eine fortlaufende Kampagne, die im Jahr 2003 in Istanbul ihren Anfang fand. 2003 wurde über all auf der Welt gegen die Invasion der USA und ihrer Allierten in den Irak protestiert. Seitdem hat sich das Projekt in verschiedene Formen und Formate entwickelt und verbreitet weltweit die Botschaft „Dein Land existiert nicht“ in verschiedenen Sprachen und mit verschiedenen visuellen Methoden: darunter Plakatwerbung, Fernsehspots, Radio, Anzeigen, Briefmarken, Getränkedosen, Getränkeautomaten, Magazin-Cover, Performance, Video-Installation, Neon-Schrift, Wandbemalung. Im isländischen Pavillion der 54th Biennale in Venedig präsentierten Castro und Ólafsson die Kampagne in drei Fassungen.