WIR MACHEN DAS-Erzählsalon bei Einar & Bert auf dem internationalen literaturfestival berlin

Anlässlich des 16. internationalen literaturfestivals berlin (ilb) organisierte WIR MACHEN DAS einen Erzählsalon, um das Programm um die Perspektive und die Blickwinkel von Newcomern zu erweitern. Durch den Abend im September 2016 in der Theaterbuchhandlung Einar & Bert führte die Schriftstellerin Svenja Leiber.

von Lina Alhaddad

Foto: Privat
Svenja Leiber und Lina Al Haddad im Gespräch. Foto: Privat

Gemeinsam mit den Gästen gelang es, spannende und interessante Diskussionen anzustoßen. So nahm der syrische Archäologe Bashar Shahin – bei gemeinsamen geschichtlichen Anknüpfungspunkten wie den Ursprüngen des Namens „Europa“ oder dem Ursprung unseres Alphabets bis zur heutigen Zeit beginnend – sein Publikum mit auf eine magische Reise zu den uralten syrischen Städten mit ihrer Jahrhunderte alten Geschichte.

Daran schloss sich ein Gespräch zwischen Svenja Leiber und mir selbst – Lina Alhaddad, Psychologin aus Syrien – an. Wir sprachen über Flucht und darüber, wie sich solche Erfahrungen und Erlebnisse auf die Persönlichkeit der Betroffenen auswirken. Aber auch Heimat und das Ankommen in der Fremde wurden thematisiert. Denn Hidschāb, Frauenbilder, Stereotype und Vorurteile in den Medien, verändern die Selbstwahrnehmung und nehmen Einfluss auf die Persönlichkeit.

Zeichnen sie sich durch besonders westliche Kleidung aus? Hören sie elektronische Musik? Sprechen sie Englisch oder Deutsch? Tragen sie keinen Hidschāb? Hält der Hidschāb Frauen davon ab, sich für eine neue Gesellschaft zu öffnen?

Ich persönlich finde die Diskussion um den Hidschāb nicht zielführend, denn die dichotome Kategorisierung von Frauen in „Hidschāb-Trägerin“ und „Frau ohne Hidschāb“ impliziert auch eine Zweiteilung in richtig und falsch. Dabei ist die Entscheidung den Hidschāb abzulegen, immer durch unsere individuellen Erfahrungen und Erlebnisse geprägt. Zu generalisieren und anzunehmen, lediglich die eigene Position sei dabei die richtige, ist überheblich und egozentrisch.

Als Newcomer musst du dich immer vorstellen, etwas über dich erzählen, tief in dich gehen und wissen, was dich ausmacht. Das Ganze natürlich möglichst ehrlich und authentisch. Die meisten entscheiden sich dafür mit ihrer Nationalität zu beginnen, – ich wurde in Syrien geboren. Oder sie erzählen aus welcher Stadt sie kommen, – Ich komme aus Damaskus. Vielleicht wird noch das Geschlecht erwähnt, – ich bin eine Frau. Und dann kommt die Religion, – ich wuchs in einer muslimischen Familie auf. Ich studierte und lebte viele Jahre im Ausland, das hat mich westlich geprägt.

Ich kam mit einem Studierendenvisum nach Deutschland, mit dem Flugzeug, also bin ich eigentlich eine Migrantin und keine Geflüchtete. Aber sind wir nicht alle Geflüchtete, egal ob wir diesen Status haben oder nicht? Sind wir nicht alle Kinder des Krieges?

Wenn es dir nicht gut geht, bist du froh, wenn du nicht danach gefragt wirst, wer du bist. Denn alles, was auf dich wartet, sind Zuschreibungen. Alle Erwartungen, die von außen an uns herangetragen werden, sind Teil dessen, wie wir uns selbst wahrnehmen. Manchmal ändert sich die Reihenfolge dieser Zuschreibungen. Mit welcher soll ich also nun beginnen? Zur Zeit beginne ich meist mit „Psychologin“. Das ist das erste, was ich über mich erzähle. Und du?

Die Fragen variierten danach. Ein Syrer aus dem Publikum fragte die Deutschen nach ihren Erfahrungen mit Asyl. Andere diskutierten die Bedeutung des Erwerbs der deutschen Sprache für die Integration in die neue Gemeinschaft und das Recht der Newcomer, ihre Muttersprache zu bewahren.

Übersetzung aus dem Englischen: Patricia Bonaudo