Wir sind keine Außerirdischen!

Wie wird in den Medien über Geflüchtete berichtet? Wie verändert sich der Blick und die Herangehensweise, wenn es sich um Geschichten von Geflüchteten handelt? Eine Polemik über das Label des Flüchtlings

von Oula Suliman

 

Migrants at September 13th 2015 in Munich. Photo: JouWatch
Ankunft Geflüchteter am 13. September 2015 in München. Foto: JouWatch

Linguistisch hat das Wort Flüchtling vor allem eine Bedeutung: eine Person, die gezwungen wurde, ihr Land zu verlassen, um Krieg, Verfolgung oder einer Naturkatastrophe zu entkommen. Aber der gegenwärtige humanitäre und soziale Status der Flüchtlinge hat dem Wort ganz neue geradezu bühnenreife Bedeutungen beschert. Betrachten wir beispielsweise die Medien, hier kann ein Wort entweder in ein wunderschönes Bild, einen roten Alarmknopf oder einfach in ein Produkt verwandelt werden. In der medialen Berichterstattung ist der Flüchtling zu einem geliebten Gewürz geworden, das man jedem fettigen Hauptgang hinzufügen kann, damit er attraktiver und leckerer aussieht, ganz unabhängig von der eigentlichen Qualität dieses Gerichts. Das Rezept ist simpel –  man füge einfach jedem Bericht das Wort Flüchtling hinzu, egal wie trivial das Ereignis in Wirklichkeit ist und fertig: das Ergebnis bringt Aufmerksamkeit und Klicks. „Die Flüchtlinge singen“, „die Flüchtlinge gehen zur Schule“, „die Flüchtlinge melden sich freiwillig“; dies sind nur einige der Überschriften, die Sie in den letzten Jahren gesehen haben müssen. Hier lässt sich beobachten, wie töricht die Medien geflüchteten Menschen für einfache, grundlegende und übliche Aktivitäten applaudieren. Vielleicht fragen Sie sich: und wo liegt das Problem? Warum stört dich diese Unterstützung der Geflüchteten überhaupt? Ich habe mir auch diese Frage gestellt.

Es ist so, wenn wir einem Geflüchteten applaudieren, weil er das Geld zurückbringt, das er auf der Straße gefunden hat, habe ich das Gefühl, dass solche Taten von den Geflüchteten überhaupt nicht erwartet werden. Als ob sie wilde, unterentwickelte Geschöpfe sind, und eine einfache moralische und menschliche Tat ihnen eigentlich nicht zugetraut wird. Ich dachte immer, dass viele Moralvorstellungen universal sind. Also sind jetzt Geflüchtete den Medien zufolge Außerirdische geworden?

Nein, Halt! Ich weiß, was Sie gerade denken. Ich habe gar nichts gegen die guten Absichten, Geflüchteten zu helfen, indem man sie in der neuen Gesellschaft positiv präsentiert. Stattdessen spreche ich mich dagegen aus, die Figur des Flüchtlings dermaßen überzubetonen, dass dessen menschliche Komplexität verloren geht. Diese Art der medialen Überzeichnung halte ich auf beiden Seiten für gleichermaßen schädlich – sowohl für die Geflüchteten selbst, als auch für die Gastgesellschaften.

Warum? Für mich ist es glasklar. Während die Medien verzweifelt nach der Geschichte suchten, die sich am besten verkaufen ließe, die nicht nur die Menschen zum Weinen, sondern auch Spenden und Verkäufe bringen könnte, erzählten sie falsche Geschichten. Sie präsentierten Flüchtlinge als Opfer und vernachlässigten ihre Fähigkeiten und Qualifikationen. Es gibt jedoch auch syrische Student*innen, die zum Studium an den besten Universitäten zugelassen sind, Musiker*innen, die in Weltklasse-Orchestern mitspielen, Filmemacher*innen, Wissenschaftler*innen und Athlet*innen. Und wie können wir jetzt für die erste naive Aktivität, die wir in einer Unterkunft sehen, applaudieren? Ist das alles, was Geflüchtete tun können? Betrachtet man das allen Ernstes als Nachricht, die es zu berichten lohnt?

Obwohl manche glauben, dass diese Artikel zu einem reibungslosen Integrationsprozess beitragen, bin ich der Meinung, dass sie nur die Kluft zwischen den Geflüchteten auf der einen Seite und deutschen Staatsbürger*innen auf der anderen Seite, vergrößert. Denn letztlich entstehen hier verzerrende Eindrücke über die geflüchteten Menschen.

Aus meiner Sicht ist die Integration ein Akt der Anpassung, der mit Akzeptanz beginnt und mit tatsächlichen Handlungen endet. Ich glaube, in diesem Zusammenhang haben die Medien dazu beigetragen, die holzschnittartigen Bilder zu formen, die uns immer wieder begegnen. Dabei spielt der Flüchtling mal die Rolle eines unartigen Gesetzesbrechers oder auch eines naiven, geringqualifizierten Helden.

Geflüchtete Menschen haben viel gelitten und etwas Besseres verdient. Sprechen Sie mit ihnen, lernen Sie sie kennen, begegnen Sie ihnen so wie allen anderen auch und behandeln Sie sie nicht als Sonderfälle mit speziellen Bedürfnissen, sondern auf der Grundlage gemeinsamer Werte. Applaudieren Sie ihnen für alles, was tatsächlich Beifall verdient, und bestrafen Sie diejenigen, die das Gesetz verletzen. Wir treten für eine Integration ein, die nicht auf Mitleid, sondern auf  gegenseitiger Wertschätzung basiert, genauso wie bei anderen Menschen. Weil Geflüchtete, ob Sie es glauben oder nicht, auch Menschen sind.

Oula Suliman ist Medizinstudentin an der Charité Berlin und wohnt seit 2016 in Deutschland. Sie ist als Sozialarbeiterin für WIB tätig, eine Organisation zur Integration psychisch und geistig behinderter Menschen in Berlin. Sie ist eine der sieben Mitbegründer*innen von “Syrian Researchers NGO“ in Syrien und Deutschland, ein Mitglied des Vorstands und die Leiterin der Abteilung für sexuelle Aufklärung. Sie ist soziale Bloggerin und führt jährliche Kampagnen durch in Zusammenarbeit mit verschiedenen Parteien, vor allem in Bezug auf die Rechte und die Gesundheit von Frauen in Syrien, sowie die Geschlechtergleichstellung, LGBT-Rechte und Ausbildung. Sie hat an der Universität in Damaskus drei Jahre lang Medizin studiert, im Nationalen Orchester des Bildungsministeriums mitgespielt, war ein Mitglied der Nationalmannschaft der Mathematik-Olympiade und hat Syrien in vielen internationalen Veranstaltungen vertreten.