Zeig mir, woher Du kommst

Ein Jahr lang hat der Künstler Dieter Mammel mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen gemalt. Das Ergebnis: einzigartige Zeitdokumente, die Geschichten von Krieg und Flucht, aber auch von Hoffnung und Träumen erzählen. Ein Besuch in seinem Berliner Atelier.

von Theresa Schmidt

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Dieter Mammel mit Shahab in der Flüchtlingseinrichtung Onkel-Tom-Straße im Mai 2016. Foto: Privat

Es riecht nach Rooibos-Tee und Farbe in Dieter Mammels Fabriketage. Die unverputzten Wände sind von einer Fülle figurativer Tusche- und Öl-Arbeiten bedeckt, Rahmen und Leinwände lehnen an den Möbeln. Mammel grüßt herzlich, schenkt Tee ein. Dann schlägt er einen Katalog auf. Zeig mir, woher Du kommst steht auf dem Titel. Das letzte Jahr habe ihn verändert, beginnt er und zeigt auf eine Zeichnung. Kraftvolle blaue Buntstiftstriche auf einem großen Papierbogen, in dessen Mitte eine kleine schwarze Insel mit Menschen zu erkennen ist. Doch die Insel ist keine Insel.

 

text_g_mAbdullah, 10

„Ich hatte schreckliche Angst zu ertrinken. Die Leute weinten und meine Angst wuchs. Ich sah den Tod kommen. Ich hatte große Angst, dass eine Welle uns zum Kentern bringt. Nach zwei Stunden erreichten wir Griechenland. Die Griechen haben uns versorgt und gaben uns etwas zu essen. Wir blieben dort und zogen dann weiter nach Mazedonien.“

 

August 2015. Dieter Mammel ist auf der Durchreise von Griechenland zu seiner Galerie in der Türkei, als er auf Kos mitten hineingerät in die menschliche Tragödie unserer Zeit. „Da waren die Touristen direkt neben diesen Gestrandeten“, erinnert er sich. Noch vor Ort beginnt er denen zu helfen, die da in überfüllten Schlauchbooten ankommen, die weinen und schreien – vor Freude, es geschafft zu haben, oder vor Verzweiflung über den Verlust von Freunden und Angehörigen. Für ihn ist sofort klar: „Sollten es diese Menschen irgendwie bis nach Deutschland schaffen, möchte ich ihnen unbedingt helfen.“

Einen Monat später hat Mammel sein Vorhaben wahr gemacht und hilft in einer Berliner Notunterkunft. Dabei ist es vor allem eine bislang nicht gekannte Sprachlosigkeit zwischen ihm und den Geflüchteten, die den Künstler umtreibt. Wie kann man Fremdheit überwinden und eine gemeinsame Sprache finden? Seine eigene Familiengeschichte bringt ihn schließlich auf eine Idee: Er möchte durch Bilder einen Kommunikationsweg aufzeigen, so, wie er selbst es in seinem Zyklus family works getan hat. Die Großeltern und Eltern des Malers waren im Zweiten Weltkrieg vom Balkan über Österreich nach Deutschland geflohen, wo er 1965 in Reutlingen geboren wurde. Es sind Arbeiten, die Geschichten erzählen und Erinnerungen konservieren. Und es sind Arbeiten, die über Sprachgrenzen hinweg ein Gespräch ermöglichen: Um Vertrauen zu schaffen, bringt der Künstler die eigenen Bilder mit in die Unterkünfte, „erzählt“ von sich selbst. In kurzer Zeit ermutigt er so rund 40 Kinder zwischen fünf und 15 Jahren, die eigenen Geschichten zu malen: Zeig mir, woher Du kommst.

 

text_5_g_m-10Osama, 12

„Das ist meine Schule, die ich täglich besucht habe. Sie ist jetzt durch Bomben zerstört. Das ist unser Haus, aus dem ich die Demonstrationen gesehen haben und wie Menschen getötet wurden. Wie Autos explodierten und Flugzeuge Stadtteile beschossen.“

Zwei Mal pro Woche arbeitet er mit Kindern aus den Unterkünften Heckeshorn und Onkel-Tom-Sporthalle. Die großformatigen Bunt-, Filz- und Wasserfarb-Zeichnungen, die dabei herauskommen, sprechen Bände. Mammel erinnert sich an jede einzelne Geschichte, während er nun in seinem Atelier den Katalog durchblättert: Die Bilder zeigen glückliche Erinnerungen, Blumen, Bäume und Spiderman-Kostüme, genauso wie Panzer, zerstörte Häuser und Flugzeuge, die Bomben werfen. Eine Zeichnung mit dem Titel „Hug a Terrorist“ zeigt auf eindrückliche Weise tief sitzende Sehnsucht nach Versöhnung, indem sich Zivilisten und schwarz gekleidete IS-Kämpfer umarmen. Andere greifen die politischen Dimensionen symbolisch auf, ein weinendes Syrien etwa oder eine Sanduhr, in der die syrische Flagge aus der oberen Glashälfte Stück für Stück in die Flagge der Opposition in der unteren Hälfte übergeht. Entstanden als Einzel- oder Gruppenarbeiten, erzählen wieder andere von der Flucht und von der Ankunft in Deutschland, von neuen Freunden und dem Gefühl der Sicherheit.

Mammel, der immer auch versucht, die Eltern der Kinder mit einzubeziehen, hat mit jedem Bild mehr das Gefühl, dass hier wichtige Zeitzeugnisse entstehen, die für eine breite Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollen. Die Dankbarkeit, die ihm von den Familien entgegengebracht wird, bestärkt ihn darin. Mitte Dezember 2015 ist es schließlich soweit: Die Ausstellung Zeig mir, woher Du kommst wird im Berliner Haus am Waldsee gezeigt, einem Zentrum für internationale Gegenwartskunst, und anschließend im Berliner Dom. Ein Film mit dem Titel Erzähl mir, woher Du kommst, der in Zusammenarbeit mit Matthias Grübel entstand und die Kinder über ihre Bilder sprechen lässt, begleitet die Werke. Auch er ist eine berührende Dokumentation und verleiht den Kindern eine Stimme. Einige beschreiben einfach nur das Gezeichnete, andere teilen mit uns ihre tiefsitzende Traurigkeit und ihre Träume. Bis Mitte Oktober dieses Jahres war die Ausstellung außerdem im Weltkulturen Museum Frankfurt am Main zu Gast.

 

text_4_g_m-5Shahab, 11

„Ich komme aus Afghanistan. Ich bin nach Deutschland gekommen, um vor dem Krieg zu fliehen. (…) Wir sollten uns umarmen und versöhnen, anstatt Krieg und Streit zu führen, Frieden schließen, von überall, Irak, Syrien, Iran, Afghanistan, Deutschland. Sich versöhnen, anstatt Terrorist zu werden, ob Moslem oder Andersgläubiger, ganz gleich! Die töten so viele Menschen, wo soll das hinführen? Sie erreichen damit nichts. Wann kommt die Zeit, dass wir alle miteinander reden, befreundet werden, uns versöhnen anstatt uns zu bekriegen und zu streiten. Warum helfen wir uns nicht gegenseitig? Wir sollten alle gute Menschen sein.“

 

Anderthalb Jahre ist die erste Begegnung mit Geflüchteten auf Kos nun her und Dieter Mammel pflegt noch immer enge Kontakte zu den Familien, die er in den Unterkünften kennengelernt hat. Derzeit ist er dabei, eine feste museale Bleibe für die Werke zu finden. Dabei wird er immer wieder mit, wie er sagt, „erschütternden“ Fragen konfrontiert: Warum er das alles mache und was ihm das bringe? „Viele können sich kaum mehr herauslösen aus ihrem egozentrischen Raum“, bedauert er, „aber das ist eine Erfahrung, die ich jedem wünsche.“ Wenn er gefragt wird, was man denn mitbringen müsse, um mit „denen“ zu arbeiten, hat er eine klare Haltung: „Hingehen, offen sein, mit diesen Menschen kommunizieren, sie kennenlernen, eigene Ängste abbauen. Mehr braucht es nicht.“ Dann klappt er den Katalog zu und trinkt seinen Tee aus.

Eine Auswahl von achtzig Zeichnungen und der Film „Erzähl mir, woher Du kommst“ gehen im Januar 2017 in die Sammlung der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland über, wo sie archiviert werden. Die Ausstellung steht jederzeit für Museen und andere Ausstellungsorte zur Verfügung.

Über zukünftige Ausstellungstermine informiert das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.