Heimat/Herkunft

Heimat gleich Herkunft, Herkunft gleich Heimat? Eine absurd einfache Gleichung für etwas so Komplexes und Persönliches. Der Versuch einer Definition dessen, was Heimat bedeuten kann...

von Dilan Zuhal Capan

Bilder bunter Bäume
Heimat hat viele Schichten. Foto: James Wainscoat/Unsplash

Heimat

du viel diskutiertes Wort

ich frage mich, was du für die Menschen bist?

Für mich bist du vieles gleichzeitig.

Orte, die Gefühle auslösen.

Bekannte Gesichter, die sich schon lange nicht mehr an diesen befinden, mir jedoch an anderen Orten begegnen und mich dort ein Stück Heimat fühlen lassen.

Heimat

das ist da, wo meine Eltern einst hingingen, dort, wo Sprache so sauber und klar klingt, wie sonst nirgends in Deutschland. Niedersachsen – sage ich, wenn man mich nach Herkunft fragt. Und das passiert überall passiert, wo ich bin, weil entweder mein Name oder meine Sprache verrät, dass ich wohl von wo anders gekommen bin.

Auf meine Antwort kommt oft die gleiche Frage noch einmal- „ja, aber wo kommst du wirklich her?“- “Wirklich, aus Niedersachsen. Aber Heimat ist auch an anderen Orten, nicht nur dort, wo ich geboren wurde und aufwuchs, falls du danach fragst“, schließe ich dann an.

Heimat ist auch, wo meine Eltern mit ihren Eltern herkamen. Herkunft, Heimat, Osten der Türkei, Berge, Seen, Walachei.

Heimat ist Berlin, wo ich seit vier Jahren bin.

Heimat

sind so viele Gefühle und Orte auf einmal.

Zum Beispiel die Straßen, die ich entlang ging, als ich jünger war und deren Namen ich noch immer auswendig kenne, wenn ich dort zu Besuch bin, wo Gefühle von Heimat am stärksten sind.

Es sind die Häuser, die an den Rändern dieser Straßen sitzen und der Bäcker um’s Eck, den ich in Berlin vermisse.

Heimat

das ist nicht nur eine Stadt, die in meinem Pass steht.

Sie ist Erinnerungen an Erlebnisse, die mich noch heute prägen und zu dem gemacht haben, was ich jetzt bin, morgen werde und in meine neue Heimat mitnahm, als ich in den Osten dieses Landes kam.

Heimat ist, wenn ich in den Armen meiner Freunde liege.

Heimat ist überall, wo meine Mutter ist.

Heimat ist, wenn mich der Spätibesitzer grüßt, ich meinem kranken Nachbarn die Einkaufstüten in die fünfte Etage trage oder Menschen mich auf der Straße nach dem Weg fragen und ich dann sagen kann: dort entlang.

Heimat ist, wenn meine Oma kurdisch mit mir spricht, die Sprache, die meine Wurzel ist.

Wenn mein Onkel kurdische Gesangseinlagen zum Besten gibt, weil er so gerne singt und wir dazu alle gemeinsam tanzen können.

Heimat ist die deutsche Sprache, die für mich unsagbar wichtig ist, weil ich durch sie am besten sagen kann, was mir auf der Seele liegt und ich mit anderen teilen will.

Herkunft ist Heimat.

Aber Heimat ist nicht nur meine Herkunft. Sie ist so vieles, das mich umgibt, daher irritiert es mich, dass manche Menschen meinen, einen Anspruch auf Heimat zu haben. Denn Heimat sind Orte, die Gefühle auslösen, von denen es für manche Menschen viele und nicht nur das Eine gibt.

Heimat,

ich danke dir, dass du so vieles bist und mir das Gefühl von zu Hause gibst, das für uns Menschen so wichtig ist.

Dilan Zuhal Capan lebt und schreibt in Berlin. Sie hat ein Studium in Modedesign an der Hochschule Hannover absolviert und studiert nun Theaterwissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin. Das Geschriebene: vorrangig Gedichte zwischen Großstadtemotionen, Selbstzweifel und dem fragwürdigen Gesellschaftsklima dieser Tage.