Wie ein Lächeln Sprachbarrieren erleichtern kann

Anna Richter und Kateryna Hellmanns geben in Düren Deutschkurse für Geflüchtete. Das ist eine Herausforderung mit oft positiven Ergebnissen.

von Omar Al-Jaffal

Die ehemalige Stewardess Anna Richter geht in ihrer Arbeit als Deutschlehrerin ganz auf. Foto: Jo Hempel

Tagebuch aus dem Deutschunterricht: Die Mühe lohnt sich

„Von Ihnen habe ich gelernt, dass die Freiheit unbegrenzt ist und nur durch die Freiheit der Anderen eingeschränkt wird.“ Anna Richters Augen werden feucht, als sie auf diesen kurzen, nur wenige Worte umfassenden Brief einer jungen Syrerin zu sprechen kommt, die letztes Jahr ihre Deutschklasse in der Schule des Ideal Bildungsvereins in Düren besucht hat. Wenn sie an diesen Brief denke, liefen ihr jedes Mal Tränen der Rührung über die Wangen, sagt sie.

Auf Wunsch ihrer in Syrien verbliebenen Eltern hatte die Schülerin ein Studium begonnen, das ihr nicht zusagte. Frau Richter jedoch versuchte ihr zu erklären, dass ihre Freiheit ihr allein gehöre. „Ich glaube, sie hat ihr Fach gewechselt und studiert jetzt das, was sie will“, sagt sie bewegt und froh.

Ihre Kollegin Kateryna Hellmanns arbeitet ebenfalls in Düren, in der Sprachenakademie. Auch sie hat über ihre Schüler aus verschiedenen Kulturen und Ländern allerhand zu erzählen, unterrichtet sie doch schon seit etwa 16 Jahren Deutsch. Manche Geschichten amüsieren sie, andere erfüllen sie mit Freude und Stolz.

Deutschlehrerin – ein besonderer Beruf

Frau Hellmanns haben das Studium und Unterrichten der deutschen Sprache seit ihrer Kindheit nicht losgelassen, obwohl sie selbst keine deutschen Wurzeln hat.

Sie ist in der Ukraine geboren, Deutsch war die zweite Sprache, die sie dort an der staatlichen Schule lernte. Um es gut zu sprechen, reichte der Unterricht allerdings nicht aus. „Eigentlich wollte ich nach der Schule Geschichte studieren, aber dieses Fach brachte in der Ukraine, die eine schwere wirtschaftliche und politische Krise durchlief, nicht viel ein. Deshalb fing ich an, Deutsch zu studieren, um später als Lehrerin oder Übersetzerin arbeiten zu können“, erklärt Frau Hellmanns. „In Deutschland zu leben, hatte ich nie in Erwägung gezogen.“ Nur zur Fortsetzung ihres Studiums sei sie Ende der Siebziger hergekommen. „Aber dann habe ich meinen Mann kennengelernt und bin hiergeblieben“, sagt sie mit strahlendem Lächeln.

Im Jahr 2001 trat Frau Hellmanns dann ihre erste Stelle als Deutschlehrerin an. Bis heute gibt sie mehrere Kurse in Düren und Aachen, insgesamt etwa sechs Stunden täglich. An einem Tag in der Woche unterrichtet sie zusätzlich in einer Krankenpflegeschule.

Der Unterricht ist nah am Alltag orientiert. Foto: Jo Hempel

Anna Richter indessen lehrt etwa 10 Stunden pro Woche, verteilt auf vier Tage. Davor war sie zehn Jahre lang bei der Lufthansa beschäftigt, als Stewardess auf Langstreckenflügen. „Weil ich nicht mehr fliegen konnte, habe ich mich nach einer neuen Arbeit umgesehen“, sagt sie. „Ich wollte meine Erfahrung im Umgang mit fremden Kulturen einbringen können, und da kam mir die Arbeit als Deutschlehrerin für Ausländer sehr entgegen. Vor allem weil so viele Menschen nach Deutschland gekommen waren und Sprachlehrer brauchten.“

Sie ließ sich in Wuppertal zur Leiterin von Sprach- und Integrationskursen fortbilden, und fing im Februar 2017 in Düren an zu unterrichten. Seitdem gibt sie zwei Kurse am Tag, jeweils morgens und abends. „Ein schwieriger Job ist es schon“, räumt sie ein.

Im Unterricht geht es nicht nur um den Spracherwerb, sondern auch um Fakten und Begriffe des Lebens in Deutschland, so steht es im Konzept für die Integrationskurse. Dabei ist zu berücksichtigen, dass etwa 90 Prozent der dortigen Schüler Flüchtlinge aus Konfliktländern sind. Der Umgang mit den heterogenen Kulturen der verschiedenen Nationen ist für die Lehrer bisweilen eine Herausforderung. Die angesprochenen Themen können für manche heikel sein. Doch beide Lehrerinnen sind glücklich mit ihrer Arbeit und haben ihre Methoden, mit den unterschiedlichen Sensibilitäten innerhalb eines Kurses umzugehen.

Die Anliegen und Fragen der Schüler sind Anna Richter und ihrer Kollegin Kateryna Hellmanns sehr wichtig und werden ausführlich erörtert. Foto: Jo Hempel

 

Die Sprachkultur ist genauso neu wie die Sprache selbst

„Sehr wichtig ist, offen miteinander zu reden“, meint Frau Hellmanns. „Ich glaube, die Menschen sollten über ihre Probleme, ihre Kulturen und das, was in ihren Köpfen vorgeht, sprechen, um einander zu verstehen und angemessen miteinander umzugehen.“

Frau Richters Strategie geht noch weiter: „Wir müssen alles auf den Tisch bringen und diskutieren“, sagt sie entschieden. „Diskutieren und darüber reden ist ein wichtiger Bestandteil der deutschen Kultur. In manchen Kulturen ist es nicht akzeptabel, über Politik und Religion oder beispielsweise über Geld zu sprechen. Aber in Deutschland können wir über alles reden.“ Sie versuche, ihre Schüler über einige problematische Dinge ins Gespräch zu bringen, um grundsätzlich eine Diskussion anzustoßen – „und auch, damit sie sich auf Deutsch miteinander unterhalten.“ Sie lacht, wie es ihre Schüler so an ihr lieben.

Große Herausforderungen und erste Erfolge

Der Zustrom der Flüchtlinge nach Deutschland „in den Jahren 2014 bis 2016 war für viele Lehrer eine heiße Phase, denn Deutschland war auf so viele Menschen nicht vorbereitet. Trotzdem haben meine Kollegen gute Arbeit geleistet“, sagt Frau Hellmanns und betont: „Aber jetzt sieht es viel besser aus. Das System ist vielleicht nicht perfekt, aber es ist sehr gut.“ Frau Richter dagegen meint: „Für alle, die wirklich an der Universität studieren möchten, ist das System nicht gut. Es wird nicht getrennt zwischen denen, die schon jahrelang in ihrem Land gelernt haben, und denen, die gerade erst anfangen. Diese Schüler mit ihren ganz unterschiedlichen Hintergründen steckt man alle in dieselbe Klasse.“

Auch der persönliche Austausch kommt in der Schule in Düren nicht zu kurz. Foto: Jo Hempel

Wie die Lehrerinnen den Unterricht angehen , spiele eine große Rolle für die Schüler, sagt der jemenitische Dichter Galal Alahmadi, der im Jahr 2017 politisches Asyl in Deutschland erhielt und jetzt Frau Richters Morgenkurs besucht. „Sie bringt uns viel über die deutsche Sprache, über Politik und Literatur bei. Und dabei lächelt oder lacht sie die ganze Zeit. Das macht einem das Lernen viel leichter.“

In der Sprachenakademie seufzen die Schüler tief auf, nachdem Frau Hellmanns ihnen in einfacher Art und Weise die Dativ-Regeln beigebracht hat. „Sie erklärt schwierige Regeln ganz leicht. Der Unterricht macht Spaß, obwohl die deutsche Sprache so kompliziert ist“, sagt Ahmad Abu Hamid, ein Syrer mit palästinensischen Wurzeln, der seit etwa vier Monaten Frau Hellmanns Klasse besucht.

Damit die Inhalte die Schüler auch erreichen, bemühen sich beide Lehrerinnen, im Unterricht langsam zu sprechen und sich auf einfache Wörter zu beschränken. Manchmal nähmen sie diese Angewohnheit sogar mit nach Hause, erzählen sie belustigt. Dass bringe ihre Familien oft zum Lachen.

Auch die Erfolge ihrer Schüler entschädigen die beiden für ihre Mühe. Frau Hellmanns berichtet von einer Chinesin, die bei ihr gelernt hat und jetzt in einer großen Firma in leitender Position tätig ist. Eine andere junge Frau, die anfangs kein Wort Deutsch sprach, mache jetzt Witze und bringe die ganze Klasse zum Lachen. Frau Richter muss noch immer an die junge Syrerin denken. Und sie erzählt von Schülern, die schon nach wenigen Monaten Deutsch sprachen. Diese und andere Fälle zeigen den Lehrerinnen, dass ihre Anstrengungen nicht vergeblich sind, dass viele Schüler sich ernsthaft bemühen, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren und so schnell wie möglich Arbeit zu finden.

Aus dem Arabischen übersetzt von Christine Battermann

Der Artikel ist im Rahmen unseres Tandem-Projekts mit dem Titel „Wir sind Viele. Geschichten aus der Einwanderungsgesellschaft“ entstanden und wurde initiiert von Wir machen das. Mehr über das Projekt erfahren

Zuerst ist dieser Artikel am 27. April 2018 in der Aachener Zeitung im Lokalteil Düren erschienen.

Das Journalisten-Team für diesen Text bildeten Omar Al-Jaffal, der in Düren lebt und arbeitet sowie Johannes Hempel, der in Bonn lebt.

Johannes Hempel arbeitet als Fotograf in vielfältigen Projekten sowohl in Bonn als auch deutschlandweit.

Omar Al-Jaffal, *1988 in Baghdad, ist ein irakischer Journalist und Lyriker, der jetzt in Düren lebt. Al-Jaffal veröffentlichte zwei Gedichtbände: “Life in an Exhausted Stretcher” (Niederlande, 2016) und das preisgekrönte Buch “The Betrayal of Miss Life” (Damascus, 2009). Seine Gedichte sind in sieben Sprachen übersetzt. Er ist Mitglied im “The Iraqi House of Poetry” und Herausgeber des Literaturmagazins ‘Bayt’. 2017 wurden seine journalistischen Arbeiten mit dem Mustafa Al-Husseiny Prize für den besten jungen arabischsprachigen Artikel ausgezeichnet und er stand auf der Shortlist des Arab Journalism Award. Außerdem ist er stellvertretender Direktor des Iraqi Observatory of Human Rights (IOHR). Al-Jaffal war Böll-Stipendiat und tritt 2019 ein Stipendium der Akademie Schloss Solitude an.)

Foto: Jo Hempel